Schwerpunktthema | Veröffentlicht in MIZ 2/20 | Written by Daniela Wakonigg

Wenn wir nichts ändern, wird es ungemütlich

Die aktuelle Corona-Pandemie ist nur ein Beispiel für eine gefähr­liche Krankheitswelle, die auf unseren ausbeuterischen Umgang mit Tieren und Umwelt zurückzuführen ist. Weitere werden mit hoher Wahrscheinlichkeit folgen, warnt die Wissenschaft. Höchste Zeit, unser Verhältnis zur Natur zu überdenken und diesem Denken auch Taten folgen zu lassen.

Kritik an unserer Ausbeutung der Tierwelt wird oft mit tierethischen Argumenten geübt. Angesichts der Tatsache, dass Tiere unsere engen biologischen Verwandten seien und ebenso leidensfähig wie wir, müsse überdacht werden, ob es ethisch akzeptabel sei, Tiere der industriellen Massentierhaltung auszusetzen oder sie überhaupt zu schlachten und zu essen. Die Gegenseite hält die biologische Nähe von Mensch und Tier sowie die tierische Leidensfähigkeit hingegen für weniger bedeutsam und beruft sich wahlweise auf den Verstand des Menschen, welcher ihn über die Tiere erhebe, oder auf seine gottgegebene Position als Krone der Schöpfung, die eine Nutzung anderer Lebewesen legitimiere.

Die philosophischen Diskussionen um dieses Thema werden derzeit von der Realität eingeholt. Und zwar auf fast ironisch zu nennende Weise. Denn selbst wer tierethischen Positionen fern steht und Tieren gegenüber keine sonderliche Empathie empfindet, muss spätestens in der gegenwärtigen Corona-Pandemie erkennen, dass es die Kombination von der biologischen Nähe des Menschen zu Tieren und von deren Ausbeutung ist, die droht, der Menschheit zum Verhängnis zu werden.

Einige Krankheitserreger sind spezialisiert auf ganz bestimmte Wirte. Ein porcines Coronavirus kann Schweine infizieren, ein felines Katzen, nicht jedoch umgekehrt. Doch weil sich die Biologie unterschiedlicher Wirtstiere ähnelt, besitzen andere Krankheitserreger die Fähigkeit, Wirte unterschiedlicher Arten zu infizieren. Bei Krankheiten, die vom Menschen auf (andere) Tiere oder von (anderen) Tieren auf den Menschen übertragbar sind, spricht man von Zoonosen. Zu den Zoonosen zählt auch die Covid-19-Erkrankung, die vom neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 ausgelöst wird. Eine der unangenehmen Eigenschaften von Zoonosen ist, dass jederzeit neue entstehen können.

Krankheitserreger wie Viren, die sich zahlreich und schnell vermehren, produzieren im Laufe ihres Reproduktionsprozesses beispielsweise immer neue Mutationsformen. So kann es sein, dass in einem einzelnen Tier entweder per zufälliger Mutation oder durch Vermischung mit dem Genmaterial eines anderen Virus eine Virusvariante entsteht. Eine Variante, die – direkt oder über eine weitere Vermischungsstation in einem Zwischenwirt – geeignet ist, auch auf eine andere Tierart wie beispielsweise den Menschen überzugehen. Im schlimmsten Fall ist diese neu entstandene Virusvariante auch von Mensch zu Mensch übertragbar und hat auf diese Weise das Potential, eine Epidemie oder gar eine Pandemie auszulösen.

An dem natürlichen Prozess des fortwährenden Wandels bestimmter Krankheitserreger ist nichts zu ändern. Sehr wohl kann jedoch an anderen Stellschrauben gedreht werden, um Krankheitswellen unter der menschlichen Bevölkerung zu verhindern. Momentan sind diese Schrauben jedoch so justiert, dass die Uhr für die Entstehung neuer Pandemien permanent tickt. Das verdanken wir unserem aktuellen Umgang mit Tieren und Umwelt.

In der Massentierhaltung sind viele Tiere auf engstem Raum zusammengepfercht und werden am Fließband geschlachtet. Je mehr Tiere sich an einem Ort befinden, desto höher ist jedoch die Wahrscheinlichkeit, dass eines von ihnen die neue Variante eines Krankheitserregers in sich trägt, die auf Menschen übertragbar ist. Durch die beengte Tierhaltung ist außerdem die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass dieser Erreger auf mehrere Tiere übertragen wird, was wiederum die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass sich menschliche Arbeiter in der Tierindustrie infizieren.

Doch nicht nur die Massentier­haltung, auch das Eindringen des Menschen in den Lebensraum wildlebender Tiere birgt die Gefahr gefährlicher Zoonosen. Einige wildlebende Tierarten tragen beispielsweise Viren in sich, die sie selbst nicht krank machen, die für den Menschen jedoch höchst gefährlich sein können. Indem der Mensch, in ihr Revier eindringt, sie jagt und isst, besteht die Gefahr der Entstehung bzw. Übertragung einer neuen Zoonose. Ebenso, indem der Mensch den Lebensraum der Wildtiere zerstört – beispielsweise durch das Abholzen von Regenwäldern – und die Tiere so zwingt, sich in der Nähe von menschlichen Ortschaften anzusiedeln.

Auf genau diese Weise, also durch den Kontakt zu Tieren, die zum Zweck der Schlachtung gehalten oder gejagt wurden, kam es in den vergangenen Jahrzehnten in Asien zu Ausbrüchen der sogenannten Vogel- und Schweinegrippe, ebenso wie zu wiederholten Ausbrüchen von Ebola in Afrika. Wie genau das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2, das derzeit die Welt in Atem hält, entstand und wann und wo es erstmals von Mensch zu Mensch übertragen wurde, ist noch nicht abschließend geklärt. DNA-Untersuchungen zeigen, dass SARS-CoV-2 genetisch sowohl eng verwandt ist mit Coronaviren, die in Fledermäusen vorkommen, als auch mit solchen, die in Schuppentieren existieren. Man vermutet derzeit, dass es SARS-CoV-2 über das Schuppentier als Zwischenwirt gelang, die Artgrenze zu überspringen und auf den Menschen überzugehen. Sowohl Fledermäuse als auch Schuppentiere sind Wildtierarten, die in China gejagt, gegessen und tot ebenso wie lebendig auf Märkten angeboten werden. Auch auf dem Tiermarkt in Wuhan, von dem die weltweite Ausbreitung des neuartigen Coronavirus ihren Ursprung nahm – auch wenn die erste Übertragung von Tier zu Mensch und Mensch zu Mensch möglicherweise bereits früher stattgefunden haben könnte. Bereits seit Jahren hatten Wissenschaftler zuvor vor der Entstehung einer weiteren für den Menschen gefährlichen Coronavirus-Variante gewarnt. Und auch davor, dass sich diese neue Virusvariante aufgrund der weltweit wachsenden Mobilität in Windeseile um den Globus verteilen könnte.

Während die Welt aktuell unter der Corona-Pandemie ächzt, steht das nächste gefährliche Virus bereits in den Startlöchern. Wieder ist es eines, das dem Menschen Dank Massentierhaltung gefährlich werden kann. Ende Juni sprachen chinesische Wissenschaftler in der Fachzeitschrift PNAS eine Warnung vor einem neuen Schweinegrippevirus aus: G4 EA H1N1. Diesen G4-Genotyp des Influenza-A-Virus H1N1 haben Wissenschaftler bereits seit mehreren Jahren unter Beobachtung. 2013 wurde durch Untersuchung von Schweinen in der chinesischen Massentierzucht sowie von Arbeitern in Schweine-Fabriken entdeckt, dass das G4-Virus inzwischen nicht nur in Schweinen, sondern auch in Menschen vorkommt. Ein Zehntel der stichprobenartig untersuchten Arbeiter in den industriellen Schweine-Betrieben Chinas sollen bis heute Kontakt mit dem Virus gehabt haben. Die entscheidende Hürde für eine Pandemie hat das G4-Grippevirus glücklicherweise noch nicht genommen: Es ist nach aktuellem Wissensstand nicht von Mensch zu Mensch übertragbar. Doch die Wissenschaftler warnen in ihrer Veröffentlichung deutlich davor, dass das G4-Grippevirus inzwischen alle entscheidenden Merkmale habe, die es zu einem Kandidaten für eine Influenza-Pandemie machten.

Dass unser ausbeuterischer Um­gang mit Tieren und Umwelt die Ent­stehung und Verbreitung von Pande­mien massiv begünstigen, steht ohne jede Frage fest. Nur eine weitere düstere Färbung verleiht dieser Feststellung die Tatsache, dass es in der Corona-Pandemie zudem weltweit ausgerechnet Schlachtbetriebe waren, die sich als Hotspots der Mensch-zu-Mensch-Übertragung des neuen humanen Coronavirus erwiesen. Die gekühlte Luft, Klimaanlagen ohne ausreichende Filterung sowie schwere körperliche Arbeit mit hohem Aerosolausstoß schufen ideale Bedingungen für die Verbreitung. In den Schlachtbetrieben zeigt sich nämlich nicht nur unser ausbeuterisches Verhältnis gegenüber Tieren, die dort am Fließband getötet werden. Es zeigt sich auch, dass wir für das vermeintliche Menschenrecht aufs Billig-Schnitzel ebenfalls bereit sind, die Ausbeutung von Menschen in Kauf zu nehmen. Menschen aus Billiglohnländern, die für niedrige Löhne jene Brutalität ausüben, mit der wir unser Schnitzel keinesfalls assoziieren wollen.

Als würde das alles noch nicht reichen, gibt es neben der sehr realen Gefahr, zum Ausgangspunkt von Pandemien zu werden, durch Massentierhaltung und industrielle Fleischproduktion noch weitere Gefahren für die Menschheit. Zu nennen wären vor allem die zunehmende Abholzung des Regenwalds zum Anbau von Viehfutter, was den Klimawandel beschleunigt, sowie die Entstehung von Antibiotikaresistenzen. Durch die beengten Verhältnisse in der Massentierzucht können sich nicht nur Viren, sondern auch Bakterien in Viehbeständen schnell verbreiten. Landwirte und Agrarunternehmen steuern dagegen, indem sie in der Tierzucht und Tiermast umfangreich Antibiotika einsetzen. Durch den massenhaften Einsatz von Antibiotika werden Keime jedoch zunehmend gegen sie resistent. Und zwar auch jene, die in der Humanmedizin bekämpft werden. Auf diese Weise schwindet die Anzahl wirksamer Antibiotika. Ändert sich an diesem Zustand nicht schnell und grundlegend etwas, so leben wir bald wieder in einer Welt, in der eine Zahnwurzelentzündung ebenso tödlich enden kann wie vor einem guten Jahrhundert zur Zeit unserer Vorfahren.

Angesichts all dieser Fakten ist es schon lange keine bloße Frage der Tierethik mehr, ob wir unseren Umgang mit Umwelt und Tieren ändern sollten. Allein der pure Egoismus unserer eigenen Spezies sollte uns zum Handeln antreiben. Entweder wir verzichten auf Fleischindustrie und Massentierhaltung und damit auf unser tägliches Billig-Schnitzel oder für die Menschheit wird es in den kommenden Jahrzehnten nicht nur aufgrund des steigenden Meeresspiegels äußerst ungemütlich werden. Seine Vernunft, die ihn angeblich über die Tierwelt erhebt, könnte der Mensch hier unter Beweis stellen. Doch ob der menschliche Verstand über die Lust aufs Schnitzel siegen wird, ist äußerst fraglich.

Informationen

Das Diktum aus dem 1. Buch Mose (=Genesis), in dem Gott seinen Ebenbildern befiehlt, sich die Natur zu unterwerfen und nach Belieben nutzbar zu machen, beherrscht das Gattungsbewusstsein des Menschen wie kein zweites: eine universell gültige Erlaubnis, gar „göttlicher Auftrag“, zu rücksichtsloser Ausbeutung von Um- und Mitwelt. Auch wenn und gerade weil der vorgebliche Auftrag Gottes erkennbar nichts anderes ist, als ins Metaphysische projizierter und aus diesem als Legitimation für rücksichtsloseste Ausbeutung von allem und jedem zurückgespiegelter Ausdruck menschlicher Gier, fällt es umso schwerer – Stichwort: Kognitive Dissonanz –, die entscheidende Lehre aus der gegenwärtigen Krise um das Corona-Virus zu ziehen. Und die heißt: Wir brauchen ein grundlegend anderes Verhältnis Mensch-Natur.

Colin Goldner