Schwerpunktthema | Veröffentlicht in MIZ 4/14 | Written by Rüdiger Vaas

Warum der Glaube meistens schadet

Götter, Gesundheit und Gesellschaft

Demokratie, eine gerechte Einkommensverteilung und soziale Wohlfahrt sind dort stärker ausgeprägt, wo mehr Atheisten leben. Länder mit größeren Einkommensunterschieden und schwierigeren Lebensumständen sind religiöser. Das ist kein 
Zufall, sondern bedingt sich gegenseitig.

Not lehrt nicht nur beten, sondern wo viel gebetet wird, herrscht umgekehrt auch größere Not, denn der Gottesglaube ist für diese prekären Verhältnisse mitverantwortlich – also sozial ungesund. Dies ist nicht polemisch gemeint, sondern das Ergebnis zahlreicher wissenschaftlicher Studien der letzten Jahre.

Soziologen und Psychologen haben einige Faktoren identifiziert, von denen es abhängt, ob Menschen eine Religion haben, zumindest statistisch betrachtet. Denn in verschiedenen Gesellschaften beziehungsweise Ländern ist der Prozentsatz der Gläubigen keineswegs gleich – und auch nicht zufällig verteilt. Je ungleicher die Einkommensverteilung in einem Land ausfällt, desto wichtiger ist die Religion für die Bevölkerung. Und Menschen, die relativ wenig verdienen – nicht absolut, sondern verglichen mit ihren Mitbürgern –, sind häufiger oder stärker gläubig.

Je schlechter desto religiöser

Das Ausmaß der Einkommensungleich­heit zeigt sogar an, wie schlecht es um eine Gesellschaft bestellt ist. Dies hat der amerikanische Statistiker Gregory Paul nachgewiesen. Mit der Ungleichheit der
Einkommen korrelieren viele andere,
teils unabhängige Größen. Dazu gehö­ren beispielsweise das Ausmaß von Ar­beitslosigkeit, Armut, geringer Bildung, Übergewicht, Alkoholismus, psychischen Erkrankungen und verringerter Lebenserwartung sowie die Zahl der Geschlechtskrankheiten, Abtreibungen, Teenager-Schwangerschaften, Drogen­delikte, Suizide, Morde und Gefäng­nis-Insassen. Je „dysfunktionaler“ in dieser Hinsicht eine Gesellschaft ist, desto religiöser ist sie auch – und umgekehrt.

Dieses Ergebnis passt zu anderen
Untersuchungen und weiteren Daten­sätzen. Dabei wurde „religiös“ empi
risch ermittelt anhand von Selbstaus­sagen, der Häufigkeit des Betens, der Zahl der Gottesdienstbesuche oder des An
teils an Mitgliedern religiöser Ge­mein
schaften. In Ländern mit größeren Einkommensunterschieden sind sowohl ärmere als auch reichere Menschen religiöser als in Ländern mit geringeren Unterschieden – Reiche sogar überproportional.

Atheistischer = friedlicher + demokratischer

Dass „ungläubigere“ Länder besser abschneiden, zeigten – in Übereinstimmung mit dem internationalen Gesamttrend – mehrere Analysen auch an einzelnen Gesellschaftsmerkmalen. So ist die Demokratie dort stärker, wo der Bevölkerung Gott im Durchschnitt weniger wichtig ist. Das wiesen Marc
Bühlmann von der Universität Zürich
und Wolfgang Merkel vom Wissen­schaftszentrum Berlin für Sozialfor­schung nach. Untersucht haben sie 30 Nationen anhand von über 100 empirischen Indikatoren für demokratische Prinzipien wie Freiheitlichkeit, Gleichheit und Kontrolle. („Top Ten“ waren Dänemark, Finnland, Belgien, Island, Schweden, Norwegen, Kanada, die Niederlande, Luxemburg und die USA; Deutschland kam auf Platz elf, die Schweiz auf 14, Österreich auf 20, Italien auf 22, und die letzten Plätze belegten Großbritannien, Frankreich, Polen, Südafrika und Costa Rica.) Die
religiösen Selbsteinschätzungen stammt
vom World Values Survey, einer großen weltweiten Umfrage, die seit den 1980er-Jahren immer wieder aktualisiert wird.

Atheistischere Länder sind auch friedlicher. Das ergab eine Auswertung des Global Peace Index 2009. Er basiert auf 23 Kriterien – darunter Kriege, Bürgerkriege, das Ausmaß von Menschenrechtsverletzungen und des Waffenhandels, die Zahl der Morde und der Gefängnis-Insassen sowie der Grad an Demokratisierung. Wie friedlich ein Land ist, korreliert positiv mit dem Prozentsatz der Atheisten in diesen Ländern und negativ mit dem Prozentsatz religiöser Menschen, die mindestens einmal im Monat einen Gottesdienst besuchen.

Der Glaube und die verminderte Lebensqualität

Der Zusammenhang zwischen Lebens­qualität und Gläubigkeit lässt sich generalisieren. Das haben Ed Diener von der University of Illinois in Urbana-Champaign und seine Kollegen belegt. Sie verglichen die Lebensumstände in verschiedenen Bundesstaaten der USA, aber auch weltweit. Grundlage war unter anderem die Datenbasis des Gallup World Poll, bei dem 455.000 Menschen in 150 Ländern befragt wurden.

Ergebnis: Die jeweiligen gesell­schaftlichen Bedingungen haben einen
größeren Einfluss als individuelle Fak
toren oder die Art der Religion (Hin­duismus, Buddhismus, Christentum, Islam). Allgemein verbessert die Reli­gionszugehörigkeit das Wohlbefin­den nur in „schwierigen“ Gesellschaften. Beispiele sind Bangladesch und Ägyp­ten im globalen Vergleich beziehungsweise Mississippi und Alabama im nationalen der USA. „Schwierige“ Lebensumstände charakterisierten die Soziologen anhand von Indikatoren wie Lebenserwartung, Einkommen, Bildung, ob es genug Essen gibt und wie sicher es nachts ist.

So unterscheidet sich in den „besten“ 25 Prozent der untersuchten Ländern – darunter Schweden, Frankreich und Japan – das Wohlbefinden von religiösen und nichtreligiösen Menschen kaum. In den „schlechtesten“ 25 Prozent dagegen fühlen sich Nichtreligiöse im Schnitt nicht so gut wie Religiöse – wahrscheinlich, weil sie weniger soziale Unterstützung und Respekt erfahren, was in „besseren“ Gesellschaften nicht der Fall ist. Denselben Unterschied gibt die Gegenprobe: In den „besten“ Staaten haben Nichtreligiöse weniger negative Gefühle als Religiöse, in den „schlechtesten“ Nationen verhält es sich umgekehrt. Ähnliches ergab sich in den US-Bundesstaaten: So berichteten durchschnittlich 68 Prozent der Befragten, Religion sei wichtig in ihrem täglichen Leben – aber im „problematischen“ Mississippi waren es 88 Prozent, im relativ wohlhabenden Vermont nur 44 Prozent.

Wenn es um das Ausmaß des Glaubens geht, ist das Einkommen des
Einzelnen also auch weniger entschei­dend als die Qualität einer Gesellschaft: In „schwierigen“ Ländern sind mehr Menschen religiös – sowohl unter den
Armen als auch unter den Reichen. In
stark religiösen Ländern sind Nicht­religiöse durchschnittlich unglücklicher als Religiöse. Fazit: In besser gestellten Gesellschaften leben mehr Nichtreligiöse, und sie fühlen sich tendenziell gleich gut oder besser als Religiöse – in Ländern mit ungünstigeren Lebensbedingungen dagegen haben Religionen einen höheren Zulauf und religiöse Menschen fühlen sich besser als nichtreligiöse. Schwierige Lebensumstände führen dazu, dass mehr Menschen religiös sind. Und in religiösen Gesellschaften und problematischeren Umständen sind religiöse Menschen glücklicher als nichtreligiöse. Doch in weniger religiösen Gesellschaften oder in besser gestellten, in denen die Bedürfnisse von mehr Menschen erfüllt werden, sind Religiöse nicht glücklicher, sondern insgesamt sind alle glücklicher.

Religion fördert soziale Ungleichheit

Die Zunahme von Wohlstand, Sicherheit und Lebensqualität in vielen Teilen der Welt während der letzten Dekaden – selbstverständlich mit Einschränkungen und Rückschlägen – ist neben oder einhergehend mit Bildung und Aufklärung auch der entscheidende Faktor für eine Abnahme des Prozentsatzes der Gläubigen in den meisten Nationen. Trotzdem stellt sich die Frage nach den kausalen Zusammenhängen. Denn Korrelationen allein, wie sie viele soziologische Studien festgestellt haben, verraten noch nichts über die Beziehung von Ursachen und Wirkungen. So korreliert die Zahl der Autos in verschiedenen Ländern mit der Zahl der TV-Geräte – aber nicht, weil mehr Autos zu mehr Fernsehern führen, sondern weil beide die Folge eines dritten Faktors sind: des wachsenden Wohlstands.

Wie verhält es sich also mit der Korrelation zwischen der „Güte“ der verschiedenen Gesellschaften und der Zahl der Gläubigen darin? Wo mehr gebetet wird, sind die staatlichen Hilfen für Arbeitslose beispielsweise geringer. Solche Zusammenhänge sind mehreren Studien zufolge keineswegs zufällig. Die Rolle der Religion ist nicht nur eine Folge oder eine Art Nebenwirkung der gesellschaftlichen Umstände. Vielmehr scheint es eine Wechselwirkung zu geben, die sich womöglich sogar hochschaukelt.

Tatsächlich tragen Religionen zur sozialen Ungleichheit bei. Das geht beispielsweise aus der Forschung von Ceyhun Elgin hervor, der an der Bogazici-Universität in Istanbul arbeitet. Entscheidend ist die Einstellung zur Besteuerung: Religiöse präferieren einen geringeren Steuersatz stärker, weil sie mehr auf Spenden zur Unterstützung Bedürftiger setzen und weniger auf staatliche Wohlfahrtsausgaben. Und ein niedrigerer Steuersatz führt zu größeren Einkommensunterschieden.

Atheisten sind höheren Steuern gegenüber weniger ablehnend eingestellt. Diese führen in demokratischen Gesellschaften zu einer gewissen finanziellen Umverteilung und wirken so einem stärkeren Auseinanderklaffen von Einkommensunterschieden entgegen. Außerdem verringern höhere Steuern die „Ausbeutung“ öffentlicher Güter und Mittel. Länder mit mehr religiösen Menschen haben größere Einkommensunterschiede, niedrigere Steuersätze und geringere staatliche Sozialausgaben.

Religiöse vernachlässigen die soziale Wohlfahrt

Aber warum geben Länder mit einer religiöseren Bevölkerung weniger für die soziale Wohlfahrt aus? Weil es anscheinend eine Mehrheit der Gläubigen so will. Tatsächlich befürworten nichtreligiöse Menschen im Durchschnitt eine staatliche Wohlfahrt stärker als religiöse. Das ergaben Untersuchungen von David Stasavage, einem Politik­wissenschaftler an der New York Uni­versity. Dass Religiöse sich weniger für staatliche Wohlfahrt und eine gerechtere Einkommensverteilung aussprechen, zeigte auch eine akribische Analyse von Daniel Stegmüller und seinen Kollegen an der Oxford University. Ausgewertet wurden Daten des European Social Survey 2002-2006, bei dem Bürger aus
16 westeuropäischen Ländern unter
anderem befragt wurden, wieweit sie
der Aussage zustimmen: „Die Regie­rung sollte die Unterschiede in den Einkommen reduzieren“.

Mitglieder von religiösen Gemein­schaften befürworteten diese Aussage weniger als Nichtreligiöse. Und zwar auch dann, wenn Faktoren wie Alter, Kinder, soziale Klasse, Einkommen, Arbeitsstatus und sogar das „politische Klima“ in den verschiedenen Ländern (sozialdemokratisch, liberal
oder konservativ) herausgerechnet
wurden. Katholiken und Protestanten unterschieden sich in ihrer Antwort
kaum. Die Differenz zu den Nicht­religiösen ist hingegen sehr groß. Sie entspricht rechnerisch einem Ein­kommensunterschied von 500 Euro pro Monat oder fünf Jahren Ausbildung, so die Wissenschaftler – wer mehr verdient und/oder besser ausgebildet ist, steht einer Umverteilung auch kritischer gegenüber.

Die Gründe für die Differenz sind weniger klar. Eine Möglichkeit ist, dass Religiöse denken, Gott würde schon für seine Anhänger sorgen und ihnen im Notfall beistehen. Eine andere Hypothese lautet: Religiöse bauen auf die Unterstützung durch die Mitglieder ihrer Glaubensgemeinschaft, so dass eine staatliche Hilfe weniger wichtig erscheint. Dagegen spricht die Datenbasis, die zeigt, dass die Häufigkeit des Gottesdienstbesuchs eine untergeordnete Rolle spielt – aber ja gerade für das soziale Netz der Gemeinde wichtig wäre.

Eine weitere Erklärung besagt, dass Menschen ihre Ressourcen nicht an andere Gruppen verteilen wollen. Bei Religiösen bezieht sich das Gebot der „Nächstenliebe“ vor allem auf die eigenen Glaubensgenossen. Ähnliches gilt für verschiedene Ethnien: Länder mit einer größeren Bevölkerungsvielfalt investieren weniger für soziale Wohl­fahrt. Es macht den Bürgern wohl nicht so viel aus, mit ihren Steuern „Ihresgleichen“ zu unterstützen als „die anderen“. Dafür spricht auch, dass die staatliche Wohlfahrt geringer ausfällt in Nationen mit größeren religiösen Differenzen. Aber selbst in den wenig derart polarisierten Ländern wollen Religiöse nicht, dass sich ihre Regierung um eine Reduktion der Ungleichheit besonders bemüht. Hier sind die Säkularen die „anderen“. Ein wachsender Antagonismus zwischen säkularen und religiösen Gruppen führt zu einer geringeren Befürwortung von Umverteilung, lautet Stegmüllers Bilanz.

Sich gläubig gebende Politiker werden bevorzugt

Obwohl Staat und Kirchen in vielen Ländern mehr oder weniger explizit getrennt sind, schlagen sich bei demokratischen Wahlen religiöse Überzeugungen nieder. So sind ältere, weniger gebildete und ärmere Menschen – meistens auch Frauen – in der Regel religiöser. Und sie alle präferieren eher Politiker, die ihren religiösen Glauben stark betonen, oder die behaupten, ihr Glaube hätte einen Einfluss auf ihre politischen Entscheidungen. Das ergab eine Auswertung des World Values Survey von Ekrem Karakoç, Binghamton Uni­versity, und Birol Baskan, Georgetown University. Überraschend dabei: Es bestanden kaum Unterschiede hinsichtlich der Religionszugehörigkeit. Sowohl Katholiken, orthodoxe Christen, Muslime als auch Hindus bevorzugten religiösere Führer.

Die Tendenz ist umso ausgeprägter, je größer die Einkommensunterschiede in einem Land sind. Ob es insgesamt eher reich ist oder arm, spielt dagegen eine untergeordnete Rolle. Für ärmere Nationen fällt der Effekt aber deutlicher aus – vielleicht, weil die Menschen dort ihre Hoffnung stärker auf religiöse Einrichtungen setzen. Der Glaube verschlechtert also das Leben im Diesseits, obwohl viele religiösen Lehren das Gegenteil predigen.

Weiterführende Literatur

Vaas, Rüdiger: Warum Menschen glauben. In: bild der wissenschaft 1/2010, S. 52-69.
Vaas, Rüdiger: Göttliche Gesellschaften. bild der wissenschaft 1/2013, S. 58-65.
Vaas, Rüdiger: Die neue Schöpfungsgeschichte Gottes. Herausforderungen einer Evolutionsbiologie der Religiosität. In: Fink, Helmut (Hrsg.): Die Fruchtbarkeit der Evolution. Aschaffenburg 2013, S. 133-172.