Schwerpunktthema | Veröffentlicht in MIZ 3/20 | Written by Viola Schubert-Lehnhardt

Viola Schubert-Lehnhardt 
zum wissenschaftlichen Atheismus

MIZ: Im Heft 3/19 haben Sie zum „Wissenschaftlichen Atheimus“ geschrieben. Wie schrieb sich dessen Geschichte mit der „Wende“ fort?

Viola Schubert-Lehnhardt: Meines Wissens gar nicht. Zum einen war der Begriff verpönt bzw. plötzlich nicht mehr wissenschaft­lich korrekt (es wurde nun von Re
­li­gions­wis­sen­schaft bzw. Religions­sozio­logie gesprochen – diese Debatte gab es übrigens schon in der DDR), zum anderen gehörten 
die Lehrkräfte den 
Bereichen Philo­sophie bzw. Marxis­tisch-leninistisches Grundlagenstu­dium an und diese Bereiche wurden an allen Universitäten der DDR zuerst abgewickelt.

MIZ: Wie erging es den Lehrenden und Angestellten nach 1989/90 an den Universitäten, die zu dem Themen­bereich historischer Materia­lis­mus und Religion forschten?

Viola Schubert-Lehnhardt: Sie wurden zum Teil arbeitslos, zum Teil suchten sie sich Aufgaben/Tätigkeiten in völlig anderen Bereichen. Ich kenne niemanden, der weiter auf dem Gebiet (wie immer wir es jetzt nennen wollen) tätig war.

MIZ: Welche Nische haben sich die in dem Bereich Forschenden gesucht?

Viola Schubert-Lehnhardt: Eine Nische 
im strengen Sinne gab es nicht. Es entwickelten sich andere Möglichkeiten, die ich so nicht als Nische bezeichnen würde, da sie teilweise sehr breit aufgestellt sind: Innerhalb des Humanistischen Verbandes bzw. der Humanistischen Akademie Deutschlands (gegründet 2006), der Gesellschaft zur 
Förderung des christ­lich-marxistischen Dialogs (1991), des Ge­sprächskreises Weltanschau­ungsfragen bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung (2015) oder 
des Berliner Insti­tuts für vergleichende Staat-Kirche-Forschung (1993).

In allen diesen Einrichtungen geht es nicht explizit um Geschichte der DDR bzw. Atheismus/Religionssoziologie in der DDR, diese Themenfelder fließen jedoch in historische Betrachtungen mit ein. Teilweise leider nur sehr sporadisch, da die Geschichte dieses Lehr- und Forschungsgebiets in der DDR noch nicht aufgearbeitet wurde. Der Nachlass der beiden Nestoren dieses Fachgebiets, Prof. Dr. Olof Klohr (Warnemünde) und Prof. Dr. Hans Lutter (Güstrow) schlummert z.B. noch ungeordnet in den Archiven …