Schwerpunktthema | Veröffentlicht in MIZ 4/13 | Geschrieben von Nicole Thies

Und was haben die Illuminaten 
damit zu tun? — Alles!

Hat Lady Gaga den vollen Durchblick? Läuft alles rund bei ihr? Betrachtet sie ihre Kritiker als Arschlöcher? Oder hält sie selbst ihre Songs für null und nichtig? Alle diese Deutungen wären statt­haft, wenn die exzentrische Sängerin Daumen und Zeigefinger zu einem Ring formt und diesen vors rechte oder linke Auge hält. 
Doch während Kulturjournalisten sich über die „Sphinx ohne Geheimnis“ amüsieren,1 nehmen Verschwörungstheoretiker die Sache todernst.

Ihren märchenhaften Aufstieg zum Superstar des digitalen Zeitalters habe Stefani Germanotta geheimen Mächten zu verdanken. Niemand anders als die Illuminaten lenkten die Karriere der Sängerin, wispert es durchs Internet: „Die Symbolik der Illuminati ist so deutlich, dass jede Analyse zu einer leichten Übung wird, die lediglich noch auf das Offensichtliche hinweist.“2

Wenn die üblichen Verdächtigen eh schon ausgemacht sind, führt zwangsläufig jede Suche nach „Beweisen” zum Erfolg. „Gaga“? Ein Synonym für weggetreten oder falsch. Und natürlich mit Bedacht gewählt: „Ihr Name sagt also aus: Ich bin eine Frau und ich habe nichts im Kopf. Dieser leere Kopf kann mit jedem Mist gefüllt werden, den ihr wollt. Imitiert mich, ihr jungen Leute!“3 Der lebensgroße Vogelkäfig im aktuellen „Applause“-Videoclip? Ein Hinweis auf ihren Gefangenenstatus, die erzwungene Verbindung mit dem globalen Geheimbund. Die Ringgeste? Das Allsehende Auge von der Illuminaten-Pyramide auf der One-Dollar-Note. Und so weiter, und so fort.

Aber warum diese grelle okkulte
Zeichenflut? Auch das leuchtet Konspi­rologen sofort ein: „Internationaler als Musik ist keine Sprache der Welt, und die Superstars unter den Künstlern sind bekannter als jeder Politiker, Sportler oder Wissenschaftler. Selbst Präsident Obama hat nicht so viele Follower auf Twitter wie Lady Gaga. Popstars sind die Götter der Gegenwart. Von vielen Teenagern werden sie blind verehrt. Wenn diese ihnen über Symbole und Zeichen versteckte Botschaften schicken, werden die eher akzeptiert als von anderen Personen.“4

„Und was haben die Illuminaten damit zu tun?“: In den Mystery-Paro­dien von Switch Reloaded ist das ein
kryptischer Kultsatz, der immer dann
strapaziert wird, wenn das Auto des
Moderators von einem Behinderten­parkplatz verschwunden ist. Oder seine Spesenabrechnung auf ungeahnte Machenschaften hindeutet. Doch erfolgreich parodieren lässt sich nur, was das Publikum allen Ernstes massenhaft ergriffen hat. Millionen „Wissenden“ kommt die Frage nach den Illuminaten vollkommen ironiefrei über die Lippen. Lady Gaga protegiert und zugleich versklavt – das ist nur eine der illuminatischen Aktivitäten, die in Foren wie Sie leben. Wir schlafen mit pragmatischer Sturheit diskutiert werden. Und noch die harmlosere. Gesichtslose Stimmen im Cyberspace5 enthüllen uns zum Beispiel die „40 Techniken der Illuminati“. Sie reichen von „moralischer Korruption“ über „künstliche Lebensmittelverknappung“ bis hin zu „jeder Art von Vergiftung“.

Die Illuminaten

Tatsache ist: Die Illuminaten gab es. Sie agierten konspirativ und rieben sich an Kirche und Klerus, im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts, ausgehend vom bayerischen Ingolstadt. Machtvoll und global ist hingegen nur der Mythos, der sich um die Illuminaten rankt – um den wohl wirkungslosesten, aber verschwörungstheoretisch gewiss wir
kungsmächtigsten Geheimbund der westlichen Welt, wie Historiker urteilen. Mit ironischer Distanz können solche Verschwörungstheorien als Pop-Mythen und gut erfundene Info-Sagen goutiert werden. Etwa die Behauptung, Lady Gaga gestikuliere penetrant das Allsehende Auge der Illuminaten, welches auch den Dollar-Schein ziert: Die Pyramide auf der Rückseite der Banknote (als Teil des großen Staatssiegels der USA) besteht aus 13 Stufen, deren Spitze ein Dreieck mit einem strahlenden Auge bildet.

Allerdings kannten die Illuminaten außer der Eule der Minerva gar keine Symbole. Darüber hinaus ist das meist von einem Dreieck umschlossene Allsehende Auge ein viel älteres christliches Sinnbild für die göttliche Vorsehung. Auf der One-Dollar-Note bedeutet es nach offizieller Lesart, dass unter dem Auge Gottes geistige Entfaltungsmöglichkeit, Bildung und Freiheit der Wissenschaft gewährleistet sein sollen.

Und im Kontext der Selbstinszenie­rungswut einer Lady Gaga? Die Ganz-
körperkünstlerin sei „wie ein Weih­nachtsbaum behangen mit Mystizismus und Geheimnissen“6 und übe sich in der Auf- oder Entwertung hochkultureller Symboliken,7 arbeitet sich das Feuilleton mehr oder weniger stimmig an der Diversität der Entertainerin ab. Wirklich authentisch war wohl nur ihr Stinkefinger bei den MTV Video Music Awards 2011 – da gewann sie magere zwei der begehrten Preise.

Genauso sehen das die jugendlichen Leserinnen der Zeitschrift Mädchen, die sich in ihrer Online-Community8 über die Gerüchte um Lady Gaga, Rihanna, Beyonce, Jay-Z, Eminem, Miley Cyrus und die Illuminaten austauschen: „Das Einzige, was ich nicht verstehe: Wenn die Illuminati noch im Geheimen existieren, um unentdeckt Einfluss auf die Weltgeschehnisse zu nehmen – warum sie sich dann mit ihren Symbolen überall outen sollten? Das widerspricht sich doch. Weil dann sind sie ja nicht mehr geheim.“

Diese glasklare Teenager-Logik überfordert viele Erwachsene. „Die
wunderbare Sache an einer Konspi­rationstheorie ist“, sagt der Politologe Michael Barkun,9 „dass sie einem erlaubt, alles perfekt zu verstehen. Sie verrät dir, dass alles Böse in der Welt auf eine einzige Ursache zurückgeht, und diese Ursache sind SIE, wer immer das jeweils sein mag.“ Bis ins 21. Jahrhundert hinein bilden die Illuminaten eine gesichtslose und daher höchst willkommene Projektionsfläche für kollektive Ängste. Man kann ihnen alles nachsagen und anhängen, ohne sich näher erklären zu müssen und auf Widerspruch zu stoßen. Oder wie es in einem Online-Forum heißt: „Um die Welt von heute zu verstehen, musst du erkennen, dass alles von einer Konspiration der Illuminaten kontrolliert wird.“10

Reichsbürger und Reichsflugscheiben

Eine sinnfrei-vergnügliche Zeichen­suche (etwa nach der „Merkel-Raute“, angeblich ebenfalls ein geheimer Fingerzeig auf die Illuminaten) sind Verschwörungstheorien also eher nicht. Der eben zitierte Satz könnte auch von Axel Stoll stammen, Verschwörungstheoretiker der braun-esoterischen Szene und Leiter des Neuschwabenlandstammtisches in Berlin. Wie viele andere Konspirologen ist
Stoll davon überzeugt, dass der Illu­minatenorden seine Zerschlagung 1785 überdauert und vier Jahre später die Französische Revolution angezettelt hat: „Der König musste weg, alles geplant“, erklärt der promovierte Geologe in dem Interviewbuch Muss man wissen.11

Damit illustriert Stoll zugleich trefflich seine Charakterisierung im Muss man wissen-Vorwort, das der Podcaster Holger Klein verfasst hat: „Wer heute bereit ist, den einen Unsinn zu glauben, ist bald auch bereit, jeden anderen zu glauben, denn es fehlt ihm ein Maßstab, um Sinn von Unsinn zu unterscheiden.“

Tatsächlich ist Stoll ein Multi-Verschwörungstheoretiker, der von der
geheimen Weltregierung über die „Kalte
Sonne“ bis hin zu Freien Energie­maschinen so ziemlich alles glaubt. Sein Hauptengagement gilt indes dem
Neuschwabenlandforum und der Reichsbürgerbewegung. Deren Anhänger pflegen in einer bizarren Kombi
nation Vorlieben für rechts­radikales Gedankengut, übersinnliche Phäno­mene und Verschwörungstheo­rien.12
 Bei den Berliner Polizei- und Justiz­behörden sind die „Reichs­deppen“13 mittlerweile einschlägig bekannt, einzelne Mitglieder treten zum Beispiel als potenzielle Bombenbast­ler14 oder Tierquäler15 hervor.

„Reichsbürger“ behaupten, das Deutsche Reich bestünde in den Gren­zen von 1937 bis heute völkerrechtlich fort. Dagegen sei die Bundesrepublik Deutschland mit dem Deutschen Reich nur teilidentisch, daher völkerrechtlich illegal, somit juristisch nicht existent. Konsequent ignorieren „Reichsbürger“ daher alles, was ihren wirren Auf­fassungen zuwiderläuft, warnt der Verfassungsschutz Brandenburg: „Ver­lautbarungen und Aktivitäten von Reichsregierungen und Reichsbürgern muten oftmals komisch und realitätsfern an. Bei Spinnereien bar jeder Vernunft ist man schnell geneigt zu schmunzeln, zumal auf den ersten Blick nicht immer ein rechtsextremistischer Hintergrund offen erkennbar sein muss.“16 Trotz allem versuchten Reichsregierungen, einen gesellschaftlichen Resonanzboden für rechtsextremistisches Gedankengut zu schaffen und zu bedienen. Die Frankfurter Rundschau schreibt: „Ganz so harmlos wie spinnert sind diese Leute womöglich doch nicht.“17

Auch Axel Stoll kommt in Youtube-Videos von Neuschwabenland-Treffen unfreiwillig komisch rüber, wenn er in verrauchten Hinterzimmern von Reichsflugscheiben und Nazi-Basen im antarktischen Neuschwabenland phantasiert. Und es mag stimmen, dass „keinesfalls erwiesen ist, dass die passiv gläubigen Konsumenten dieser Verschwörungstheorien alle oder auch nur mehrheitlich rechtsextrem sind“.18 Dennoch wird der Neuschwabenland-Mythos von einigen Aktivisten fraglos mit dem Ziel verbreitet, Akzeptanz oder Aufmerksamkeit für rechtsextremes Gedankengut zu erhalten.19

Die beiden Psychologen Sebastian Bartoschek und Alexander Waschkau stuften Stoll nach ihrem mehrstündigen Muss man wissen-Interview als Pseudologen ein, der Lügen erzählt, um seine eigene Person aufzuwerten, mit fantasiertem Geheimwissen und einer fantasy-artigen Umdeutung des Nationalsozialismus. Aber: „Stolls Gefährlichkeit liegt eben genau darin, dass er nicht ernst genommen wird. Von ihm selbst, als Person, geht keine unmittelbare Gefahr aus. Aber genau damit lässt die Schärfe des Fokus auf das Neuschwabenlandforum nach.“20 Und man beginne (möglicherweise) zu übersehen, wer sich da in dem Rahmen, den Stoll schafft, ein Stelldichein gibt.

Die Illusion seelischer Entlastung

„Neonazis und Verrückte“ zum Bei­spiel. So nennt Wettermoderator Jörg
 Kachelmann die Verbreiter der Chem
trail-Verschwörungstheorie. Nach einem Urteil des Berliner Landgerichts21 
ist diese Äußerung von der Mei­nungsfreiheit gedeckt. Verschwörungs-Fans sind der Ansicht, dass über Kondensstreifen von Flugzeugen Gift­stoffe verteilt werden, entweder um das Wetter zu manipulieren oder aber zur Bevölkerungsreduktion (laut Axel Stoll weltweit auf 200 Millionen Menschen). Es war kein Zufall, dass bei einer Demo von Anti-Chemtrail-Aktivisten in Berlin Flugblätter der Reichsbürger verteilt wurden.22

Auch der Ufologe Frank Reitemeyer23 sieht sich als Reichsbürger. Reitemeyer scheiterte im November 2013 mit
einer Klage vor dem Berliner Ober­verwaltungsgericht. Er hatte den Bun­destag dazu zwingen wollen, „geheime Ufo-Akten“ herauszugeben. Mit Ufos hatte die Posse aber gar nichts zu tun, auch nicht mit Akten. Es ging um eine Ausarbeitung des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags mit dem sperrigen Titel „Die Suche nach außerirdischem Leben und die Umsetzung der VN-Resolution A/33/426 zur Beobachtung unidentifizierter Flug­objekte und extraterrestrischen Le­bensformen.“ Selbst Reitemeyers Anwältin gab zu, dass es sich lediglich um eine „Hintereinanderreihung von bereits bekannten Quellen“ handelt. Ufo-Skeptiker hatten stets darauf hingewiesen, dass in dem siebenseitigen Papier nichts steht, was von allgemeinem Interesse wäre.24 Wieso also klagte sich Reitemeyer mit seinem lächerlichen Ansinnen jahrelang durch alle Instanzen?

Verschwörungstheorien sind ein Ego-Booster. Verschwörungsgläubige halten sich für eine Wissens-Elite, die hinter die Kulissen schaut und besser informiert ist als andere. Eine wichtige Rolle bei diesem Versuch der Selbstaufwertung spielt auch das Gefühl, aus der Opferrolle ausbrechen zu können. In der Vorstellungswelt von Verschwörungstheoretikern gibt es keine Zufälle und die Dinge geschehen nicht einfach, sondern müssen von jemandem verursacht worden sein. Man kann also „sie“ – Illuminaten, Aliens, Reptilienmenschen, Satanisten etc. – für alles verantwortlich machen, woran man leidet: von Arbeitslosigkeit und Krankheit bis hin zu den Benzinpreisen. Das verspricht seelische Entlastung. Oder wenigstens die Illusion davon.

Aber zu glauben, dass jeder lügt, ist auch bloß eine andere Art von Leichtgläubigkeit.

Anmerkungen

1 Sphinx ohne Geheimnis, Zeit-Online am 23. Mai 2011.
2 http://derhonigmannsagt.wordpress.com/: Lady Gaga – Marionette der Illuminaten.
3 Ebenda.
4 Die Rückkehr der Illuminaten, in: P.M. Magazin 3/2011.
5 http://bm-ersatz.jimdo.com/startseite/neues-wissen/40-techniken-der-illuminaten/.
6 Sphinx ohne Geheimnis, in: Zeit-Online am 23. Mai 2011.
7 http://www.zeitjung.de/kultur/9776-die-dialektik-der-lady-gaga-lady-gaga-hat-ihr-drittes-album-artpop-veroeffentlicht/.
8 http://www.maedchen.de/forum/musik/220174-die-illuminaten-der-musikindustrie.html.
9 Michael Barkun: Über den Versuch, eine neue Weltordnung zuschaffen. In: Dan Burstein (Hrsg.): Die geheime Bruderschaft – Dan Browns „Illuminati“ entschlüsselt. München 2005.
10 http://www.physiologus.de/verschwoerung.htm
11 Sebastian Bartoschek/Alexa Waschkau/Alexander Waschkau: Muss man wissen – Ein Interview mit Dr. Axel Stoll. JMB-Verlag, Hannover 2013.
12 www.morgenpost.de/berlin-aktuell/article118512897/Reichsbuerger-drohen-Berliner-Behoerden-und-Organisationen.html.
13 https://reichsdeppenrundschau.wordpress.com/.
14 www.taz.de/!120512/.
15 www.berliner-zeitung.de/polizei/mueggelsee—reichsbuerger--quaelt-seinen-hund,10809296,23824832.html.
16 http://www.verfassungsschutz.brandenburg.de/sixcms/detail.php/bb1.c.286749.de.
17 http://www.fr-online.de/die-neue-rechte/neue-rechte-sie-nennen-sich-reichsbuerger,10834438,21079884.html.
18 Holm Hümmler: Neuschwabenland – Verschwörung, Mythos oder Ammenmärchen?, in: Skeptiker 3/2013.
19 Ebenda.
20 Bartoschek/Waschkau/Waschkau, Muss man wissen.
21 www.welt.de/vermischtes/article106130970/Kachelmann-darf-mit-Neonazi-Meinung-sagen.html.
22 www.tagesspiegel.de/berlin/demonstration-der-verschwoerungstheoretiker-chemtrail-gegner-protestierten-am-alexanderplatz/8690114.html.
23 www.psiram.com/ge/index.php/Frank_Reitemeyer.
24 http://blog.gwup.net/2013/11/23/das-sind-die-ufo-akten/.