Allgemeines | Veröffentlicht in MIZ 2/12 | Geschrieben von Nicole Thies

Und es bewegt sich doch! 
Oder: Atheisten aller Länder vereint euch!

Aufrufe zur Sozialisierung und Inter­nationalisierung sind nicht neu. Aber die Verbreitungsgeschwindigkeit und
Verteilungsbreite dieser Aufrufe hat
sich in der beschleunigten Kommuni­kationsgesellschaft geändert: die Organisation in Sozialen Netzwerken lässt Regierungen stolpern oder bringt sie
gar zu Fall. „Networking“ und „Globa­lisierung“ sind zu Begriffen geworden, die nicht allein in der Wirtschaft, im Politmanagement und im Wissen­schaftsbetrieb oft bemüht werden, sondern längst unseren Alltag bestimmen. Auch die internationale Vernetzung der Atheisten ist zügig vorangekommen, wie die zahlreichen Kongresse und Tagungen in diesem Jahr zeigen. Also Zeit zur Bestandsaufnahme und Revision!

Legen wir das Seziermesser an: Wie bei allen sog. „Neuen sozialen Bewegungen“, die international agieren, stellt sich die Frage nach der „kollektiven Identität“ – was bringt sie zusammen und was hält sie zusammen? Eine Positionsbestimmung über die Definition „nicht-Gott-habend“ hinaus fällt äußerst heterogen aus. Die einzelnen Institutionen und Gruppen unterscheiden sich ebenso wie die Akteure durch ihre Motivation wie ihr Selbstverständnis und die Form des Engagements. Trotzdem verwundert ebenso wenig die Beobachtung, dass die säkulare Bewegung eins ist, sofern es darum geht, gegen etablierte, religiöse, antiemanzipatorische Strukturen sowie deren Diskriminierungsformen vorzugehen, um gesellschaftlichen Wandel einzuleiten oder umzukehren. Offenen Ohres kann jede_r vernehmen, dass Worte wie humanistische Werte, Selbstbestimmungsrechte, rationales
und evidenzbasiertes Denken, Emanzi­pation, Weltanschauungsfreiheit usw.
klar auf ein gemeinsames Selbst­verständnis und Deutungsmuster hinweisen. Ist die Idee transnational, so ist die Forderung der transnationalen Solidarität und globalen Organisation nur folgerichtig.

Denn überall auf der Welt werden Opfer von religiöser Gewalt und von religiös motivierter Diskriminierung marginalisiert oder gar verschwiegen. Gerade diese Verhältnisse und mutige Schilderungen dürften nicht nur unsere Wut erregen, sondern sollten uns bestärken, für die Sache einzustehen. Eben diese ‘integrativen’ oder ‘gemeinschaftsstiftenden Momente’ werden zur Analyse von sozialen Bewegungen herangezogen und stellen einen Gradmesser für deren Stabilität dar. Hier kann sich nun jede_r aus persönlicher Beobachtung heraus selbst befragen, welcher Grad erreicht werden kann und bisher erreicht werden konnte. Und wir können eine Alternative bieten! Sollte dies zu einem Vergleich mit „Menschenfischertum“ religiöser Gemeinschaften führen, soll’s mir zumindest recht sein... weil ich Empathie und Solidarisierung zu politischen Werten zähle.

Stellt sich die Frage nach der Lobby. Und aller Anfang: wie oder wodurch lässt sich global die säkulare Bewegung mit ihren Ideen im Alltag etablieren? Denn strukturell sind atheistische Interessensverbände den Kirchen unterlegen, allein Organisationsgrad und -form sprechen organisationssoziologisch Bände: Bewegung vs. Institution(en). Diese historischen Institutionen mit „Berufsreligiosen“ genießen national unterschiedliche Rechte und Privilegien mit der Folge, dass in vielen Ländern atheistische Organisationen nicht zugelassen sind und Aktive bedroht, verfolgt und ihre Existenzen zerstört werden. Und die Frage stellt sich nicht, ob gerade dann, wenn Menschen- und Grundrechte verletzt werden, Solidarisierung und Vernetzung durch Aktionen und Kampagnen transnationales öffentliches Bewusstsein schaffen und Veränderung herbeiführen können.

Zudem unterscheiden sich die diversen individuellen Erfahrungen nicht allein durch die politische, ökonomische und rechtsgebende wie -sprechende Situation in den jeweiligen Nationalstaaten, sondern sind ebenso durch soziale und kulturelle Bedingungen, wie beispielsweise den Zugang zu Bildung, geprägt. Aber können wir daraus schlussfolgern, dass die nationalen Differenzen und Handlungsmöglichkeiten wegen soziokultureller Diversität und den jeweiligen politischen Situationen auch eigene Strategien und Aktionen erfordern? Also auch unterschiedliche Strategien zur Mobilisierung und Handlung? In der Tat besteht die Herausforderung darin, aus den wachsenden nationalen Bewegungen mit durchaus öffentlichkeitswirksamen Aktionen eine international organisierte Bewegung entstehen zu lassen. Denn selbst wenn die unterschiedlichen politischen Situationen und Machtverhältnisse ein unterschiedliches und nationales Vorgehen erfordern, so spricht vieles dafür, dass, wenn sich ‘die Bewegung’ und ‘Einzelne’ ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede – aber auch Stärken – bewusst machen, eine ‘kollektive Identität’ entstehen kann. Diese ‘kollektive Identität’ kann dann als ‘kollektiver Akteur’ auftreten, weil wir stetig unser Selbst kritisch reflektieren und uns unserer Ideen vergewissern – und damit unsere Handlungen neuorientieren können. Welch’ Perspektive... der Anfang ist gemacht!