Prisma | Veröffentlicht in MIZ 4/12 | Written by Ulrich Klemm

Tolstojs religiöser Anarchismus

Leo Tolstoj gilt als einer der zentralen Vertreter des christlichen bzw. religiösen Anarchismus. Dies erscheint auf den ersten Blick als ein Widerspruch – wie passen Religion und Anarchismus zusammen? Tolstoj löst diese Frage jedoch durch eine vernunft­orientierte Ethik und einen rationalen Freiheitsbegriff. Gott ist
 keine transzendente Erscheinung sondern die Vernunft und die 
Menschenliebe. Mit diesem Ansatz wurde er im späten 19. Jahr­hundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einem radikalen Kirchen- und Religions­kritiker und erlebte eine weltweite Rezep­tion. Unter anderem ist er in diesem Zusammenhang der Initiator organisierter Kriegsdienstverweigerung aus ethischen Gründen.

Tolstoj – ein Anarchist?!

Tolstoj als einen Anarchisten zu beschreiben, fällt einerseits angesichts seiner Veröffentli­chungen und seines Wirkens nicht schwer, andererseits verwendete er für sich selbst je­doch diese Bezeichnung nie. Im Gegenteil: Er stand der anar­chistischen Bewegung Ende des 19. Jahrhunderts aufgrund der Welle von Attentaten und terroristischen Aktionen, die Anarchisten zugeschrieben wurden, sehr skeptisch und ableh­nend gegenüber und geriet – so hat es den An­schein – in das Fahrwasser bürgerlicher anti-anarchistischer Propa­ganda. In seinem Tagebuch notierte er am 13. Juni 1910: „Die Lehre, der ich lebe, ist nicht Anarchismus. Sondern Erfül­lung des ewi­gen Gesetzes, das Gewalt und Beteiligung an Gewalt verbie­tet.“1

Tolstoj suchte jedoch auch das Ge­spräch mit An­archisten. Während seiner Europareise 1860/61, traf er mit Alexander Herzen (1812-1870) und Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865) in London und Brüssel zusammen. Er kannte au­ßerdem Schriften von Peter Kro­potkin (1842-1921) und Mi­chael Bakunin (1814-1876) und am 22. August 1907 notierte er in sein Tagebuch: „Kropotkin über Kommunismus gelesen. Gut geschrieben und gute Mo­tivation, aber von ver­blüffender innerer Widersprüchlichkeit: Um die Gewaltherr­schaft der einen über die anderen zu beenden, soll Gewalt angewendet werden. Die Aufgabe lautet, wie läßt sich dies bewirken, daß die Menschen nicht zu Egoisten und Gewalttä­tern werden. Nach ihrem Programm bedarf es zur Erreichung dieses Ziels neuer Gewalttaten.“2

Umgekehrt stand Kropotkin Tolstoj ebenfalls kritisch ge­genüber, beschäftigte sich aber auch sehr intensiv mit seinen Werken, hielt während seiner englischen Emigration Vorle­sungen über Tolstoj und widmete ihm ein umfangreiches Ka­pitel in seinem Buch Ideale und Wirk­lichkeit in der russischen Literatur.3 Interessant ist auch die Reaktion Tol­stojs auf Paul Eltzbachers Buch Der Anarchismus (1900),4 in dem der Autor Tolstoj neben William Godwin, Max Stirner, Mi­chael Bakunin, Peter Kropotkin als Klassiker des Anarchismus bezeichnet. Tolstoj kannte dieses Buch und schrieb an Eltzbacher, dass dieser seine Weltan­schauung treffend be­schrieben hätte.

Christentum und Anarchismus bei Tolstoj

Tolstoj tritt ab Ende der 1870er Jahre mit einer sozialen Uto­pie an die Öffentlichkeit, die er mit der Bergpredigt begründet. Mit seiner Idee vom „Reich Gottes auf Erden“ wendet er sich als christlicher Revolutionär an die Jugend, um ihnen einen neuen, d.h. gewaltfreien Weg einer gesellschaftlichen Veränderung aufzuzeigen. Tolstoj setzt dabei an die Stelle politischer Ziele die Aufforderung zur individuellen Vervollkommnung, propagiert statt Gewalt die Verweigerung und versteht seine Revolution nicht als eine proleta­rische und klassengebundene, sondern als eine „Menschheitsbewegung“.

Diese Elemente der Gesellschafts­kritik basieren auf seiner Interpretation der Bergpredigt, die sich für ihn in fünf Gebo­ten kristallisiert:

  • „Du sollst nicht mit deinem Bruder zürnen;
  • du sollst dich unter keinem Vorwande von deinem Weibe scheiden;
  • du sollst niemandem einen Eid leisten;
  • du sollst nicht widerstreben dem Übel;
  • du sollst auch deine Feinde lieben, d.h. diejenigen, die nicht deine Volksgenossen sind“.5

Er verarbeitet diese religiöse Erkenntnis in seinen Schriften Mein Glaube, Das Reich Gottes ist inwendig in Euch, Worin besteht mein Glaube und Das Leben und entwickelt sie im Laufe der letzten drei Jahrzehnte seines Lebens zur Grundlage einer internationalen Bewe­gung, die nicht nur in Russland, sondern vor allem auch in Europa (Niederlande, England, Schweiz) und den USA Einfluss auf die antimilitaristische Bewegung gewinnt. Aus dieser „Reich-Gottes-Idee“ ergeben sich für ihn vier re­ligiös-politische Grundsätze seiner Gesellschaftskritik:

  • Religion ist keine Angelegenheit des Glaubens, sondern der Vernunft.
    Die Lehre Christi gilt nicht aufgrund des Glaubens an die Offenbarung, sondern aufgrund ihrer Vernünftigkeit. Der Glaube zerstört nach Tolstoj die Ethik des Christentums; denn der Mensch erkennt die Wahrheit nicht wegen seiner Glaubensfähigkeit, sondern ausschließlich mittels seiner Ver­nunft. Das Christentum im Sinne der Bergpredigt wird zur vollkommenen Erfassung des Gesetzes der Vernunft – sie ist die Vernunft selbst. Aus dieser Feststellung fol­gert Tolstoj, dass der Mensch nicht das Recht hat, sich von der Vernunft loszusagen.
  • Das Gesetz der Liebe.
    Aus diesem Grundsatz einer Religion der Vernunft folgert er das Gesetz der Liebe. Der Weg der Liebe bedeutet für Tolstoj die Verleugnung des persönli­chen Wohles und wird zum Ausdruck göttlicher Voll­kommenheit. Liebe wird für ihn zur ein­zigen vernünftigen Tätigkeit des Menschen, die sich aus dem Gesetz Gottes er­gibt. In diesem Zusammenhang unterscheidet er drei Lebens­auffassungen: die tierische Lebensauffassung, bei der die Triebfeder der persönliche Genuss ist; die gesellschaftliche, bei der die Triebfeder Ruhm und gesellschaftliche Anerken­nung sind; die göttliche, die die Verwirklichung des Ge­setzes der Liebe bedeutet.
  • Verweigerung statt Gewalt.
    Die gesellschaftliche Umsetzung dieses Weges der Liebe er­folgt durch das Prinzip der Ver­weigerung oder Gewaltfreiheit und heißt für Tolstoj: „Widerstrebe nicht dem Übel bedeutet: widerstrebe niemals dem Bösen, das heißt: tu nie einem Ge­walt an, das heißt: begeh nie eine Handlung, die der Liebe zuwiderläuft.“6 Gewaltfreiheit steht für Tolstoj im Zentrum der Lehre Christi und ist für ihn die wichtigste Äußerung, die sich aus der Aner­kennung des Ge­setzes der Liebe ergibt.
  • Wider die politische Revolution und für die individuelle Vervollkommnung.
    Aus diesen drei religiös-politischen
Axiomen leitet er sei­nen Revolutions­begriff ab, der im deutlichen und be
wussten Widerspruch zu damals gängigen Ansätzen steht. Statt einer politi­schen Revolution fordert er (a) Aufklärung, d.h. die Veränderung der öffentlichen Meinung, (b) Verweigerung, d.h. den gewaltfreien Widerstand gegen Herrschafts- und Gewaltansprüche sowie (c) Selbstvervollkommnung, was für Tolstoj soviel bedeutet wie Veränderung der Le­bensauffas­sung im Sinne der Gebote der Bergpredigt.

Wenn wir auf der Grundlage dieser Analyse von Tolstojs christlich-anarchistischem Weltbild nach seiner Stellung zu gesellschaftlichen Institutionen wie Recht, Eigentum und Staat fragen, dann ergibt sich nach Paul Eltzbacher folgendes Bild:

Ein staatliches Rechtssystem, so wie es besteht, ist Aus­druck von Gewalt und widerspricht dem „Gesetz der Liebe“. Tolstoj verwirft alle Normen und Werte, die auf dem Willen von Menschen beruhen und durch Gewalt (z.B. Gefängnis, Bußgelder usw.) aufrechterhalten werden. An die Stelle eines Rechtssystems, das, neben seinem Gewaltcharakter, auch nie­mals Ausbeutung, Sklaverei und Herrschaftsmissbrauch dau­erhaft verhindern kann, muss das Ge­bot Christi vom „Gesetz der Liebe“ als „Rechtsnorm“ treten. Ähnlich verhält es sich beim Eigentum, das ebenfalls nach Tolstoj gegen das Gesetz der Liebe verstößt und Gewalt sowie Herrschaftsverhältnisse zur Folge hat bzw. unterstützt. Tolstoj plädiert für die Güterverteilung sowie für Besitzverhältnisse entsprechend indi­viduellen Bedürfnissen. Auch der Staat, der ausbeuterische Rechts- und Eigentumsverhältnisse legitimiert – und dies sind alle bekannten Formen, auch republikanische –, wird von Tol­stoj kritisiert. Das Christentum selbst ist für Tol­stoj antistaat­lich. Staatsgewalt, egal von wem ausgehend, hält er für eine Form gesellschaft­licher Entartung und Sittenlosigkeit. Der Staat werde so zum Götzen, der sich nur durch Ge­walt auf­rechterhalten lässt. Unverständlich für Tolstoj ist auch die „freiwillige Knecht­schaft“ nahezu aller Untertanen in Staats­gebilden. Diese Freiwilligkeit erkaufe sich der Staat (a) mit der Suggestion der Mythen von der Staatsreligion und vom Patriotismus, (b) mit groß ange­legten und systematischen Be­stechungen, mit denen der Staat Abhängigkeiten schafft (z.B. Beamtentum), (c) mit massiven und offenen Sanktionen durch einen legiti
mierten Rechts- und Polizeiapparat sowie (d) mit­tels der Wehr- und Schulpflicht, die dem Staat die Mög­lichkeit bieten, Untertanen und Feind­bilder zu reproduzieren.

Tolstoj heute

Tolstojs christlicher Anarchismus, der sich einerseits durch eine religiöse Moti­vation definiert und andererseits in einer radikal-pazifistischen und antimili­taristischen Haltung zeigt, gehört seit Ende des 19. Jahrhundert zu einer wesentlichen Erscheinungsformen der anarchistischen Bewegung. Gleichwohl muss für die Gegenwart festgestellt werden, dass die aktuelle libertäre Theorie- und Praxisdiskussion von Tolstojs Sozialethik und christlichem Anarchismus nur am Rande Notiz nimmt.

Überprüfen wir den Bedeutungs­gehalt seiner Gesellschaftskritik für die Gegenwart, dann lassen sich verschiedene Elemente herauskristallisieren, die eine hohe Anschlussfähigkeit an aktuelle Diskussionen aufweisen:

Tolstojs Ansatz der Gewaltfreiheit ist ethisch und analytisch-syste­matisch begründet. Sein kritischer und rationaler Moralismus gibt Orientie­rungen für ein Leben ohne Gewalt und animiert zu zivilem Ungehorsam.

Tolstojs Kritik an Staat und Kirche 
zielt auf die Gesetzmäßigkeit der Tota
lität von gesellschaftlichen Institutio­nen ab. Seine Institutionen- und Herr­schaftskritik ist anschlussfähig an soziologische Herrschaftstheorien der Gegenwart.

Tolstojs Kritik am Christentum und
 seine Orientierung an der Berg­predigt findet Nachfolger bei religiösen Sozialisten oder auch in der süd­amerikanischen Befreiungstheologie.

Tolstojs Schulkritik hat Eingang in 
die Theorie und Praxis der Alternativ­schul­bewegung gefunden und steht Pate für ein selbstbe­stimmtes und freiheitliches Lernen.

Anmerkungen

1 Tolstoi, Leo: Tagebücher. 3 Bände; 1. Bd. 1847-1884; 2. Bd. 1885-1901; 3. Bd. 1902-1910. Bd. 18-20 der Ausgabe Gesammelte Werke in zwanzig Bänden von E. Dieckmann und G. Dudek. Berlin (Ost) 1978, hier Bd. 3, S. 287.
2 Ebenda, S. 148.
3 Kropotkin, Peter: Ideale und Wirklichkeit in der russischen Literatur. Frankfurt a.M. 1975, erstmals engl. London 1905, dt. Leipzig 1906.
4 Eltzbacher, Paul: Der Anarchismus. Berlin 1900.
5 Tolstoi, Leo: Worin besteht mein Glaube? Eine Studie. Leipzig 1885, S. 79-124.
6 Ebenda, S. 17.