Prisma | Veröffentlicht in MIZ 2/12 | Written by Klaus Blees

Salafismus: Die unterschätzte Gefahr 
von rechts

In den Fokus der deutschen Öffentlichkeit gerieten Salafisten durch ihre Koran-Verteilaktionen und dann verstärkt, als es Anfang Mai in Nordrhein-Westfalen aus ihren Reihen zu Ausschreitungen gegen Polizisten gekommen war. Auslöser waren dem Wahlkampf geschuldete Provokationen der rechtspopulistischen Wählervereinigung Pro NRW, die in verschiedenen Städten des Bundeslandes vor salafistischen Moscheen Mohammed-Karikaturen des dänischen Zeichners Kurt Westergaard zeigten. In Solingen und Bonn griffen Salafisten die bei den Kundgebungen der Populisten eingesetzten Polizisten an und verletzten in Bonn 29 von ihnen zum Teil schwer. Die Solinger Salafistenvereinigung Millatu Ibrahim wurde mittlerweile verboten.

Beim Salafismus handelt es sich um eine besonders strenge Spielart des Islamismus bzw. islamischen Fundamentalismus. Salafisten möchten zurück zur Frühzeit des Islam, ihn so leben, wie er nach ihrer Vorstellung zur Zeit Mohammeds und seiner ersten Nachfolger praktiziert wurde. Dabei dulden sie keinerlei Abweichungen, der Koran wird ebenso wörtlich genommen wie ihnen die Sunna – die Überlieferung angeblicher Handlungen und Sprüche Mohammeds – als unhinterfragbare, wortgetreu umzusetzende Anweisung zur Lebenspraxis gilt. Dies trifft zwar auch für andere islamistische Strömungen zu, doch lehnen die Salafisten jegliches noch so kleine pragmatische Zugeständnis ab, wobei eine klare Abgrenzung zu anderen Islamisten nicht immer möglich ist.

Der Salafismus speist sich aus verschiedenen Quellen, deren wichtigste die in Saudi-Arabien zur Staatsdoktrin gewordene reaktionäre „Reformbewegung“ des Wahhabismus ist. Saudi-arabische Gelder spielen auch eine wichtige Rolle bei der Finanzierung der Salafisten. In der Regel sind diese nicht fest organisiert, sondern bilden lockere Netzwerke, die sich unter anderem um verschiedene Internetportale gruppieren. Der französische Soziologe Samir Amghar unterscheidet drei Strömungen: 1.) Die sich auf religiöse Aktivitäten beschränkenden „quietistischen Salafisten“, 2.) die missionarisch und propagandistisch tätigen „politischen Salafisten“ und 3.) die auf Gewaltaktionen setzenden „revolutionären Salafisten“.1

An der medialen Verarbeitung der Auseinandersetzungen fällt auf, dass die Berichterstattung häufig Rechtsextreme und Salafisten als zwei unterschiedliche Arten von „Extremisten“ einander gegenüberstellt. Manchmal bekommt dann auch noch die politische Linke als dritte Variante von sogenanntem „Extremismus“ ihr Fett weg. Dabei wird der rechtsextreme Charakter auch und gerade des Salafismus ausgeblendet, was ungeachtet der diesem gegenüber geäußerten Ablehnung auf eine Verharmlosung hinausläuft. Während christliche Fundamentalisten oft – völlig zu Recht – mit dem Synonym „christliche Rechte“ bedacht werden, scheut man angesichts mit dem Islam begründeter Haltungen vor einer analogen Einstufung zurück, auch wenn diese wesentliche Merkmale von Rechtsaußen-Ideologien aufweisen. Denn wie soll man eine Ideologie anders nennen, die durch mörderischen Antisemitismus, Frauenverachtung, Homophobie und ein autoritäres, auf blinde Unterwerfung setzendes Menschenbild gekennzeichnet ist? Dies passt zu Bestrebungen, Kritik islamisch gerechtfertigter Menschenrechtsverletzungen in die rechte Ecke zu stellen, was nicht mehr funktioniert, wenn die diversen Spielarten des Islamismus selbst als rechte Ideologien gebrandmarkt werden. Denn dann schließt der „Kampf gegen Rechts“ notwendig auch den Kampf gegen Islamismus ein.2

Die Gewaltakte der Salafisten in NRW waren auch keine Reaktion auf den Rassismus der Rechtpopulisten und deren Forderung nach einer rigiden Abschiebepolitik. Sie richteten sich ausdrücklich gegen das Zeigen von Mohammed-Karikaturen an sich und nicht gegen deren Instrumentalisierung für den xenophoben Zweck. Karikaturist Westergaard selbst hatte sich von Pro NRW distanziert. Folglich geht es den Salafisten um eine Tabuisierung von Religionskritik, welche Satire und Karikatur als Mittel einschließt. Damit kommen sie auch für taktische und punktuelle Bündnisse gegen Abschiebefanatiker nicht infrage. Wer aber das Zensurziel der Salafisten teilt und lediglich ihre Methoden verurteilt, wie NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, leistet Handlangerdienste für die Einschränkung von Bürgerrechten.3

Verharmlosender Gewaltbegriff der Sicherheitsbehörden

Welch verzerrte, auf Verharmlosung hinauslaufende Wahrnehmung die Aus­einandersetzung prägt, zeigte sich auch in einer Debatte im Innenausschuss des saarländischen Landtages am 5. Juni.4 Der Chef des Landesamtes für Verfassungsschutz, Helmut Albert, meinte dort, im Saarland hätten die Salafistenvereine „glaubwürdig darlegen können, dass sie sich von Gewalt distanzieren“. Offenbar ist für die Sicherheitsbehörden primär von Belang, ob von Salafisten eine akute gewaltsame Bedrohung für die „innere Sicherheit“ ausgeht. Sie konzentrieren sich auf die von Amghar so genannten „revolutionären Salafisten“. Doch auch wenn aus dieser Ecke für das Saarland keine Anschlagsgefahr besteht, kann beim „politischen Sala­fismus“ von Gewaltverzicht keine Rede
sein. Oder ist es Ausdruck von Ge­waltverzicht, wenn Deutschlands bekanntester Islamkonvertit Pierre Vogel am 25. April 2010 auf einer von saarländischen Salafisten organisierten Veranstaltung im saarländischen Dillingen vor 300 Leuten Steinigung bei Ehebruch rechtfertigt? Wenn er auf derselben Veranstaltung ausruft „Allah vernichte Necla Kelek“ und wenn er und andere Prediger dort eine ganze Reihe ähnlicher Sprüche loslassen?5 Unter den hiesigen gesellschaftlichen Verhältnissen müssen Islamisten zum Teil auf die Umsetzung derartiger Ambitionen verzichten, doch mit dem Islam begründete häusliche Gewalt, Ehrenmorde oder Zwangsheiraten sind auch in Deutschland keine Rand­erscheinungen.6

Sowohl der Salafismus als auch
der in Form von Pro NRW, Bürger­bewegung Pax Europa & Co. auftretende Rechtspopulismus stellen auf Ausgrenzung und Unterdrückung gerichtete Bewegungen dar, die aus emanzipatorischer Perspektive nicht gegeneinander auszuspielen, sondern als zwei Varianten von Rechtsextremismus anzusehen und zu bekämpfen sind.

Anmerkungen

1 „Die Salafisten wollen in das Goldene Zeitalter zurück“. Interview mit Samir Amghar, Jungle World vom 10.5.2012, http://jungle-world.com/artikel/2012/19/45408.html (Zugriff: 1.7.2012).
2 Zum Charakter des Salafismus als rechts­extremer Bewegung siehe Jörn Schulz: Nicht ohne meine Shisha. Jungle World vom 10.5.2012, http://jungle-world.com/artikel/2012/19/45407.html, (Zugriff: 1.7.2012).
3 Siehe Pressemitteilung der Aktion 3.Welt Saar vom 9.5.12: Mohammed-Karikaturen zu zeigen ist legitim – Fremdenfeindlichkeit nicht, http://www.a3wsaar.de/aktuelles/details/d/2012/05/09/mohammedkarikaturen-ja-fremdenfeindlichkeit-nein/ (Zugriff: 1.7.2012).
4 Siehe Guido Peters: Salafismus: Das Saarland ist nicht gefährdet, in: Saarbrücker Zeitung vom 6./7.6.2012, http://www.saarbruecker-zeitung.de/aufmacher/Salafismus-Islam-Saarland;art27856,4319276#.T_CU9rW2X_d (Zugriff: 1.7.2012).
5 Bei der Veranstaltung war ich anwesend und habe ausführlich darüber berichtet: Islamistische Missionierung im Saarland, http://hpd.de/node/9526 (Zugriff: 1.7.2012).
6 Siehe auch Pressemitteilung der Aktion 3.Welt Saar vom 7.6.2012: Verharmlosung im Innenausschuss des Landtages ignoriert Vorfälle der letzten Jahre, http://www.a3wsaar.de/aktuelles/details/d/2012/06/08/ist-ja-nicht-so-schlimm-islamisten-und-salafisten-werden-im-saarland-verharmlost/ (Zugriff: 1.7.2012).