Schwerpunktthema | Veröffentlicht in MIZ 2/16 | Written by Siegfried R. Krebs

Sachsen-Anhalt will Islam-Unterricht einführen

Sachsen-Anhalts neue Landesregierung will islamischen Religionsunterricht in dem Bundesland einführen. Das geht aus dem am 21. April 2016 veröffentlichten Koalitionsvertrag von CDU, SPD und Grünen hervor. Darin ist außerdem viel von der Integration „muslimischer“ Flüchtlinge die Rede. Religionsfreie Menschen kommen in diesem Koalitionsvertrag nicht vor, eben so wenig wie Ansätze zu einer emanzipatorischen Pädagogik.

Zum Regierungsvorhaben heißt es bei dtj – Deutsch Türkisches Journal: Sachsen-Anhalt (mit seinen 2,2 Millionen Einwohnern) sei eines der Bundesländer mit dem geringsten Anteil an muslimischen Bürgern. Wegen des Flüchtlingszuzugs sei jedoch nach Angaben der fünf muslimischen Gemeinden in Sachsen-Anhalt deren Mitgliederzahl im vergangenen Jahr von rund 1.000 auf 2.300 gestiegen. Auch stünden Gemeinde-Neugründungen etwa in Hettstedt, Naumburg und Wittenberg an.1

Im Koalitionsvertrag selbst heißt 
es in der Präambel unter Punkt „Demokratieförderung und Integra­tion“: „Mit der wachsenden Zuwande­rung wird auch das religiöse Leben vielfältiger. Die islamischen Gemeinden stellen einen wichtigen Faktor bei der lokalen Integration dar. Wir werden ihre gemeinwesensorientierte Arbeit unterstützen und sie dabei stärken, das Ankommen von Flüchtlingen im Hinblick auf Erst- und Werteorientierung zu befördern. Damit tragen wir auch zur Radikalisierungsprävention bei. Die Entstehung von radikalem Islamismus in Sachsen-Anhalt wollen wir verhindern. Wir wollen den Dialog mit den Gemeinden im Islamforum fortsetzen. Die Koalitionspartner stimmen darüber überein, dass sie ein dem konfessionellen Unterricht vergleichbares Unterrichtsangebot für muslimische Schülerinnen und Schüler im Land Sachsen-Anhalt einführen wollen.“ (S. 17)

Bekräftigt wird diese Aussage im Abschnitt „Bildung und Kultur“, wo es u.a. heißt: „Die Koalition bekennt sich zu einem flächendeckenden Angebot der in der Landesverfassung verankerten wertebildenden Fächer Ethikunterricht, Evangelischer Reli-
gionsunterricht, Katholischer Reli­gionsunterricht als staatliche Aufgabe. Die Koalitionspartner stimmen darüber überein, dass sie ein dem konfessionellen Religionsunterricht vergleichbares Unterrichtsangebots für muslimische Schülerinnen und Schüler im Land Sachsen-Anhalt einführen wollen.“ (S. 77)

In der Präambel gibt es auf Seite 2 – mit Blick auf die Demokratieförderung – auch noch diese Aussage: „Dabei sucht die Koalition aktiv den Schulterschluss mit der Zivilgesellschaft und den vielen Menschen in unserem Bundesland, die sich in Kommunen, Vereinen, Verbänden, Initiativen, Kirchen und Gewerkschaften für unser demokratisches Gemeinwesen engagieren.“

Allein diese Zitate werfen Fragen 
auf: Warum kommen im Koalitions­vertrag nur (zwei) Kirchen und mus-
limische Gemeinden vor; nicht aber 
auch andere Religions- und Weltan­schauungsgemeinschaften? Dem einen Promille (!) Muslime wird größte Aufmerksamkeit geschenkt, während die etwa zu 80 Prozent religionsfreien Menschen mit keiner Silbe Erwähnung finden – warum? Will man etwa indirekt noch mehr Menschen in die Arme von AfD, PEGIDA & Co. treiben?

Sachsen-Anhalt bezeichnet sich als 
eines der Stammländer der Reforma­tion, der Luther-Kult treibt heuer immer neue und größere Blüten in Politik, Medien und Schule. Und nun auch noch die unendliche Sorge um islamischen Religions-Unterricht, der ja ebenso wie der katholische und evangelische nichts anderes als eine staatlich finanzierte Glaubensvermittlung für junge Mitglieder dieser Religionen darstellt und so die Klassengemeinschaften spaltet. Nötiger wäre doch stattdessen ein allgemeiner wissenschaftlich-objektiver religionenkundlicher Unterricht für alle, der Kenntnisse über alle Religionstypen in der Geschichte der Menschheit vermittelt. Nötig ist ein Unterricht, der Kinder und Jugendliche befähigt, sich zu selbstbewußten und kritischen Persönlichkeiten entwickeln, frei in Handeln und Denken. Ein Unterricht, der also befähigt, daß junge Menschen ihre eigenen Interessen erkennen und formulieren lernen und sie nicht bloß religiöse Dogmen der eigenen Glaubensgemeinschaft nachplappern läßt.

Warum ist ein solcher emanzipatorischer Ansatz nötig? Das läßt fragen, wie es denn in diesem Bundesland religionssoziologisch aussieht? Die Antwort kurz und bündig: Völlig anders als in allem Koalitions- und Regierungsgehabe! Denn nur etwa 13,9 Prozent der Landesbewohner gehören der evangelisch-lutherischen Kirchen an, und gerade einmal 3,5 Prozent sind römisch-katholisch sowie etwa weitere 3,5 Prozent anderen christlichen Konfessionen zugehörig. Die Angehörigen aller anderen Religionsgemeinschaften, incl. Islam, machen zusammen knapp zwei Prozent aus.

Dagegen sind mehr als 77 Prozent 
religionsfrei, auch wenn sich davon die Wenigsten in Weltanschauungsge­meinschaften wie Humanistischer Ver-
band (HVD) oder Deutscher Freidenker-Verband (DFV) zusammengeschlossen haben.2 Für ein aktives religionsfreies Leben dieser deutlichen Bevölkerungsmehrheit sprechen jedoch die Jugendpassageriten eine beredte Sprache. Denn an den Jugendweihen/Jugendfeiern nehmen Jahr für Jahr etwa zwei Drittel aller Achtklässler teil. Diese Teilnehmerzahlen sind außerdem mehr als fünf Mal so hoch wie die für evangelische Konfirmation und katholische Firmung zusammen.

Hat sich auch jemand schon mal die Frage gestellt, wie viele der nach eigenen Angaben 2.300 muslimischen Gemeindemitglieder überhaupt im schulpflichtigem Alter sind? Und dann steht da noch die selten gestellte Frage im Raum, wie viele der Flüchtlinge aus dem „islamischen Kulturkreis“ auch tatsächlich Muslime sind? Hierzulande wird ja jedem Menschen Menschen quasi von Amts wegen eine religiöse Identität zugeordnet...

Und zur behaupteten Bedeutung des christlichen Religionsunterrichtes schaue man sich mal eine weitere Zahl an: Nur 1,8 Prozent aller Berufsschüler des Bundeslandes – die religionsmündig sind und daher selbst über die Teilnahme entscheiden dürfen – haben sich hierfür angemeldet. Sie gibt wohl indirekt auch Aufschluß darüber, welchen Stellenwert Religion und Kirche tatsächlich für den Normalbürger haben.

Alles in allem geht die Magdeburger Dreier-Koalition an den politischen, sozialen und kulturellen (und nicht minder den pädagogischen) Erfordernissen vorbei, wenn sie die Realitäten der Gesellschaft nicht zur Kenntnis nehmen will und alles, aber auch alles allein auf Religion fokussiert.

Anmerkungen

1 http://dtj-online.de/sachsen-anhalt-will-islamunterricht-einfuehren-74177 (abgerufen am 22.4.2016).
2 https://de.wikipedia.org/wiki/Sachsen-Anhalt#Religionen (abgerufen am 23.4.2016).