Buchbesprechung | Veröffentlicht in MIZ 4/12 | Written by Gunnar Schedel

Rezension zu Çetin / Voß / Wolter: Interventionen gegen die deutsche „Beschneidungsdebatte“

Zülfukar Çetin / Heinz-Jürgen Voß / Salih Alexander Wolter: Interventionen gegen die deutsche „Beschneidungsdebatte“. Münster: edition assemblage 2012. 92 Seiten, kartoniert, Euro 9,80, ISBN 978-3-942885-42-3

Anfang Dezember, kurz bevor der
Bundestag über das neue Beschnei­dungsgesetz abstimmte, erschien ein schmales Bändchen über die Debatte, die seit dem Sommer angehalten hatte. Im Vorwort wird der Anspruch definiert, Anregungen zu geben, „hegemoniale Elemente in den eigenen Positionen festzustellen und sich selbst zu fragen: Wer kann an welcher Stelle und mit welchem Gewicht sprechen, wer nicht – und warum?“ Das Buch enthält neben dem Vorwort zwei Aufsätze, die sich mit zwei unterschiedlichen Aspekten befassen und von sehr unterscheidlicher Qualität sind.

Heinz-Jürgen Voß setzt sich mit der „medizinischen Basis“ der Debatte auseinander. Er erörtert anhand zahlreicher Studien die Empfindungsfähigkeit des Penis nach einer Beschneidung sowie die Folgen für das Infektionsrisiko (Geschlechtskrankheiten und Harn­wegserkrankungen). Ausführlich befasst sich der Autor mit Komplikationen bei einer Beschneidung im Kindesalter. Er kommt nach Auswertung der Literatur zu dem Ergebnis, dass – sterile und fachlich geeignete Ausführung unter Betäubung vorausgesetzt – das Risiko für Komplikationen sicher unter 2% liegt und ernste Komplikationen unter diesen Umständen so gut wie nie auftreten. Insgesamt überwögen die Vorteile einer Zirkumzision die Nachteile. Ob die Zahlen in dieser Form stimmen, ist für Nichtfachleute nur mit größerem Aufwand zu überprüfen; in der Literaturliste fehlen jedenfalls jene Studien, die in einem Artikel zur „Studienlage zur Beschneidung von Knaben“, erschienen im Humanistischen Pressedienst am 11.12.2012, angeführt werden und hohe Komplikationsraten und Todesfälle belegen sollen.

Beim Beitrag von Zülfukar Çetin und Salih Alexander Wolter liegt der Fall anders. Die Autoren bemühen sich offenbar, die „Beschneidungsdebatte“ zu dekonstruieren und das heißt, sie als Teil des in Deutschland bestehenden Rassismus verstehen: „In der breiten Ablehnung der Knabenbeschneidung durch die mehrheitsdeutsche Öffent­lichkeit verschmelzen Elemente des
Antimuslimischen Rassismus und des
stets latent gebliebenen Antisemi­tismus.“ Um zu diesem Ergebnis zu kommen, müssen sie allerdings zentrale Aspekte der Debatte unerwähnt lassen.
Die Autoren gehen davon aus, dass die ganze Debatte von „einem ehrgeizigen Juristen, der sich einen Namen machen wollte“, lanciert wurde. Indem die Beschneidung in Frage gestellt werde, habe dies für Juden und Muslime zur Folge, „entweder illegal zu handeln oder das Land zu verlassen“. Die ganze Diskussion sehen sie als „neue Eskalationsstufe des Diskurses der ‘Integration’“, der darauf hinauslaufe, „dass die Realität von Migration in Deutschland nichts zu suchen habe“.

Längere Passagen des Textes setzen sich (in Anschluss an die Vorstellung von Gouvernementalität bei Michel Foucault) mit dem Körperverhältnis und mit Sexualität auseinander sowie mit
 medizinischen Aspekten und der Frage nach einer möglichen Traumatisierung. Außerdem gehen die Autoren, allerdings eher oberflächlich, auf religionskritische Perspektiven ein.

Nun hat es in der „Beschneidungs­debatte“ tatsächlich eine ganze Reihe von Beiträgen gegeben, die sich ihrer Sache sehr sicher waren und die gegenteilige Position kaum reflektiert haben. So ist die Beschneidung insbesondere bei Juden nicht nur archaisches, seit Jahrtausenden praktiziertes Ritual, sondern – unabhängig davon, ob es sich um orthodoxe oder liberale, um säkulare oder religiöse Juden handelt – auch eine Zeremonie, die einen Teil der jüdischen Identität ausmacht. Wer die möglichen Folgen eines Beschneidungsverbotes nicht reflektiert, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, kulturelle Minderheiten auszugrenzen. Doch Çetin & Wolter stehen allen Einseitigkeiten der Kritiker in nichts nach.

Das beginnt damit, dass – soweit ich die Debatte überblicke – eigentlich niemand gefordert hat, die Beschneidung komplett zu verbieten; viele Vorschläge wollen die Entscheidung dem Jungen überlassen, die er zum Beispiel mit Erreichen der Religionsmündigkeit dann selbst fällen kann. Da die meisten Mus­lime ihre Söhne nicht als Babys beschneiden lassen, stellt sich hier der Konflikt dann nicht mehr so grundlegend dar (für Juden hingegen wäre nichts gewonnen).

Eine kritische Reflexion religiöser Traditionen findet bei Çetin & Wolter ebenfalls nicht statt. In Überlegungen, ob es legitim ist, dass Religionsgemeinschaften über die Kinder ihrer Mitglieder verfügen dürfen und ob solche Rechte auch den Körper umfassen dürfen, sehen sie ein „Schema der rassistisch motivierten Diskriminierungen“ und eurozentris­tische Kriterien. Dass individuelle Emanzipation zum Konflikt mit religiösen Normen führen kann, wird nicht erörtert.
Wo die Autoren politisch anzusiedeln sind, erschließt sich bei genauer Lektüre des Textes und kann auch von den eingestreuten Foucault-Zitaten und der Bezugnahme auf die Dialektik der Aufklärung nicht verdeckt werden. So schreiben sie, das Ergebnis der Kopftuchdebatte sei gewesen, dass „Frauen, die ‘islamisch korrekt’ bekleidet bleiben wollen“, der schlecht Ausweg geblieben sei, auf soziale Auf­stiegsmöglichkeiten zu verzichten. Allein: über drei Vietel der in Deutschland lebenden Musliminnen tragen überhaupt kein Kopftuch. Nicht „islamisch korrekt“ ist das Kopftuch, sondern der Auffassung bestimmter Strömungen im Islam entsprechend, und das sind nicht die progressiven (wie sich etwa in der Werken von İlhan Arsel nachlesen lässt). So betätigen sich Çetin & Wolter als Türöffner für konservative Religiöse, sagen Antirassismus und meinen Kulturrelativismus.

Die gute Nachricht zum Schluss: Auf Seite 93 wird in einer verlegerischen Notiz angekündigt, dass der Programmrat „Veröffentlichungen zu Religion und Autorität, die die spezifischen historischen Bedingungen in Deutschland reflektieren und in geeigneter Weise die in allen Religionen bestehende Zurichtung von Menschen, respektive Kindern, problematisieren und kritisieren“, beabsichtigt. Dem sehe ich hoffnungsvoll entgegen.