Buchbesprechung | Veröffentlicht in MIZ 4/17 | Written by Malte Jessl

Rezension von Kenan Malik: Das Unbehagen in den Kulturen

Eine Kritik des Multikulturalismus und seiner Gegner

Kenan Malik: Das Unbehagen in den Kulturen. Eine Kritik des Multikulturalismus und seiner Gegner. Novo Argumente Verlag, Frankfurt 2017. 123 Seiten, kartoniert, Euro 12.-, ISBN 978-3-944610-37-5

Der Untertitel „Eine Kritik des Multi-
kulturalismus“ bedarf der Erläuterung. 
Laut Malik hat der Begriff „Multikultu­ralismus“ eine Doppelbedeutung. Da­runter werde zum einen die „gelebte Erfahrung der Vielfalt“ verstanden. Die zweite Bedeutung dagegen bezeichne einen politischen Prozess mit dem Ziel, diese Vielfalt zu verwalten. Maliks Kritik richtet sich ausschließlich gegen die zweite Bedeutung des Begriffs. Der Autor lehnt also vielfältige Gesellschaften und Migration keinesfalls ab. Es geht ihm um die von der Politik betriebene Einsortierung von Menschen in ethnische und kulturelle Schubladen und die damit zusammenhängende Praxis, Bedürfnisse und Rechte anhand dieser Schubladen zu bestimmen.

Den Ursprung des Multikulturalis­mus verortet Malik in der romantischen Gegenaufklärung. In dessen Konzepten scheine Herders Vorstellung vom „Volksgeist“ durch – die Idee, jede Menschengruppe zeichne sich durch eine ihr eigene unveränderliche Seele aus. Die Idee des „Volksgeistes“ habe sowohl rassistische als auch antikoloniale und kulturrelativistische Bewegungen inspiriert. Hier liegt auch der Grund für die Wesensverwandtschaft von Multikulturalismus und seinen rechten Gegnern: Beide hängen dem selben, statischen Kulturbegriff an.

Am Beispiel seiner Heimat Groß­britannien zeichnet Malik – selbst Kind indischer Migranten – nach, wie multikulturalistische Politik langsam 
einen Bewusstseinswandel unter Ein­wanderern bewirkte. Die Vorstellung, Multikulturalismus sei entstanden, weil Minderheiten nach Anerkennung für ihr Anderssein strebten, bezeichnet er als Mythos. Die Kausalität sei genau andersherum: Das Bedürfnis nach Differenz und kultureller Identität war eine Folge multikultureller Politik.

Indem der Staat dazu überging, Macht und finanzielle Mittel anhand von Ethnizität zu verteilen, begannen Menschen, sich in den Kategorien dieser Ethnien zu definieren. Malik: „Wenn sie argumentieren, dass Ihre Wohngegend arm und benachteiligt ist, werden sie nur schwer die Aufmerksamkeit des Rats erringen. Sagen sie aber, die muslimische Minderheit werde benachteiligt […], öffnen sich auf einmal die städtischen Geldsäckel – nicht, weil der Stadtrat ganz besonders gerne Muslimen hilft, sondern weil das Attribut ‘Muslim’, im Gegensatz zu Attributen wie ‘arm’ und ‘benachteiligt’, in der Bürokratie als authentische Identität gilt.“ Nicht zuletzt führte diese Politik also zu einer Stärkung religiöser Identitäten. Während die erste und zweite Einwanderergeneration wenig religiös bzw. säkular war, definiert sich die dritte Generation vor allem über die Religion. Und vor allem die konservativen und reaktionären Strömungen konnten sich als besonders authentisch inszenieren. Parallelen zur Situation in Deutschland (Stichwort: „Islamkonferenz“) liegen auf der Hand.