Buchbesprechung | Veröffentlicht in MIZ 4/19 | Written by Thomas Waschke

Rezension von Lydia Lange: Sollen Wollen und Lassen Sollen.

Die Lücke zwischen Moral und Verhalten

Lydia Lange: Sollen Wollen und Lassen Sollen. Die Lücke zwischen Moral und Verhalten. Springer Verlag, Wiesbaden 2019. 184 Seiten, kartoniert, Euro 19,99, ISBN 978-3-658-23370-9

Die promovierte Psychologin Lydia Lange hat ein durchaus interessantes Buch zu ethischen Konzepten für die moderne Zeit vorgelegt. Das Grundproblem des Buchs fasst der letzte Satz, den die Autorin in Anlehnung an einen nicht namentlich genannten tschechischen Satiriker, formuliert, treffend zusammen: „Muss ich auch dann moralisch handeln, wenn das Menschen Unglück bringt?“

Diese Frage formuliert das prinzipielle Dilemma von ethischen Konzepten, die auf allgemein gültigen Regeln basieren, die in jedem Fall einzuhalten sind, unabhängig davon, ob sie nun durch Moral, religiöse Vorschriften oder ethische Konzepte begründet werden. Konkrete Beispiele dafür sind Ethiken auf der Basis von Pflicht (deontologische Ethiken), allen voran dem von Kant formulierten kategorische Imperativ.

Die Autorin sieht Probleme darin, dass die Moral, die sie als evolutionär entstanden und letztlich als im Bewusstsein fest ‘verdrahtetes’ Gefühl auffasst, und, falls sie als Ethik durchformuliert wird, aufgrund ihres Anspruchs auf Allgemeingültigkeit den Erfordernissen einer immer komplexer werdenden Welt nicht mehr gerecht werden kann. Handlungsnormen, die in kleinen Gruppen nomadisch lebender Menschen einen Selektionsvorteil brachten, sind in einer modernen Ge­sellschaft nicht mehr sinnvoll.

Eine universal gültige Moral, die im Buch auch als ‘Supermoral‘ bezeichnet wird, läuft daher in vielen Fällen Gefahr, Unglück zu bringen, weil die Auswirkungen der Handlungen nicht berücksichtigt werden (streng genommen nicht berücksichtigt werden dürfen, weil die Maximen der Handlungen zentral sind). Lange plädiert daher für andere Mechanismen der Verhaltenssteuerung. Vor allem im letzten Kapitel verdeutlicht sie derartige Modelle mit verschiedenen Beispielen.

Daher lautet die Antwort auf die obige Frage eindeutig ‚nein‘. Auch eine Ethik muss sich an ihren realen Erfolgen messen lassen, mögliche Aus- und Rückwirkungen beachten und muss zu Handlungsweisen anleiten, deren Ergebnisse gegebenenfalls revidiert werden können.

Das Buch stellt weder eine systematische Darstellung ethischer Konzepte dar noch enthält es die Formulierung eines eigenständigen ethischen Kon­zepts. Es gelingt der Autorin aber, aufgrund einer Betrachtung der evolutionären Entwicklung von Moral und der Kritik vor allem an Kant, zu zeigen, dass in der heutigen Zeit mit deren komplexen Zusammenhängen nur noch Ethiken sinnvoll sind, welche die Konsequenzen von Handlungen über die ‘reine Lehre’ stellen.

Vor allem für naturalistisch orientierte Leser, die Ansätze zur Begründung einer Ethik interessieren, sollte dieses Buch sehr anregend sein. Eher philosophisch orientierte Leser werden eventuell einen roten Faden und vor allem eine umfassendere Darstellung ethischer Konzepte vermissen und die vielen anschaulichen Beispiele eher als Kasuistik kritisieren. Eine interessante Lektüre sollte das Buch aber für jeden Leser bieten.