Buchbesprechung | Veröffentlicht in MIZ 3/14 | Written by Nicole Thies

Rezension von Kurt Flasch: Warum ich kein Christ bin

Bericht und Argumentation

Kurt Flasch: Warum ich kein Christ bin. Bericht und Argumentation. C.H. Beck, München 2013. 280 Seiten, gebunden, Euro 19,95, ISBN 978-3-406-65284-4

Das Buch ist bereits seit 2013 auf dem Markt und ging noch im selben Jahr in die vierte Auflage. Dennoch scheint das Buch eher der Bildungs- und Feuilletonelite bekannt zu sein. Was wirklich schade ist. Denn das Buch ist faktenreich, scharfsinnig und mindestens ebenso unaufgeregt – sachlich und leise, was möglicherweise dieses Buch allein in die Feuilletons verbannt hat.

Das Buch gliedert sich in zwei Teile, denen ein ausführliches „Einleitend“ vorausgestellt wird. Der erste Teil befasst sich mit den esoterischen Erklärungsmodellen und Teil zwei mit den exoterischen, letzterer endet mit dem Epilog „Wie es sich anfühlt, kein Christ zu sein“.

Der erste einleitende Abschnitt ist
eine Rechenschaft, eine Skizze von Definitionen, wie Christen durch Selbst­beschreibungen und Auftreten „klassifiziert“ werden könnten, eine Selbstpositionierung zu diesen Argumenten, eine autobiographische Umzeichnung ergänzt um eine ideengeschichtliche
und methodische Einordnung des Wis­senschaftlers und streitbaren Menschen – eine sehr sympathische Mischung, die weder Bescheidenheitsplattitüden noch Zweifel an seiner bewussten Entscheidung „kein Christ“ aufkommen lassen. Seine Motivation: „Es hagelt Kirchenkritik, aber die kirchlichen Lehren erfreuen sich großer Schonung.“ (S. 9) Und dabei geht Flasch um den christlichen Wahrheitsanspruch und die
„altertümelnde (...) Selbstauslegung“ (S. 12) des Christentums der Gegenwart.

Alternativen zum Christsein: Philosophie und Geschichtsforschung. Und dabei umso bemerkenswerter
dann der von ihm herausgestrichene
Zusammenhang, dass sein ‚Antibe­kenntnis’, keine Ersatzreligion oder Reste von Religion mehr benötige: „Wer das Christentum bewusst aufgegeben hat, verlangt nichts von all dem, was als Religionsersatz üblich ist: Nationalismus, Sieg über die Konkurrenz, Rekordsucht im Sport, Wirtschaftswachstum, Wissenschaft und Gelderwerb.“ (S. 23). So scharfzüngig diese Aussage, so verhalten die Erklärung, wie Kurt Flasch zur Kritik kam: „Denn ich bin dem Christentum abhanden gekommen, nicht weil die Kirche mich gedemütigt, gequält oder missbraucht hätte, sondern während sie mich verwöhnt hat.“ (S. 28); seine „Gründe [...] waren theoretischer und historischer Natur, sie hatten kulturellen und quasi-politschen Charakter“. Rheinisch-katholisch sozialisiert und politisiert durch die antifaschistische Haltung seiner Eltern wurden die Vollverwaisung, frühe bildungsnahe Bezugspersonen und die Stationen seiner Ausbildung – zufällige oder selbst gewählte – zum Antrieb; ein Schlüsselsatz zu einigen seiner Hochschullehrern: „Sie wollten predigen; ich wollte forschen.“ (S. 34), „zur Beschwichtigung meiner begründeten Selbstzweifel brauche ich keine Theologie. Ich war endgültig ‘entmythologisiert’“ (S. 37).

Der letzte Satz führt zum Leitgedanke des Buches: „Entmythologisiert“. Der Begriff geht auf eine Anekdote zurück: Kurt Flasch unterrichtete 1959 an einem hessischen Gymnasium und innerhalb einer Diskussion gegen Weihnachten, die er zum Thema „über Religion reden“ anstieß, fragte einer seiner Schüler: „Sind Sie entmythologisiert?“ Dieser rekurrierte dabei auf die zeitgenössische Begrifflichkeit „entnazifiziert“. Und so nutzt der Autor das Wort im gesamten Buch und unterscheidet signifikant in und ohne Anführungszeichen, um dem Entlarven oder Demaskieren der Theologie im historischen wie dogmatischen Sinn die Deutungsschichten – wie Masken aus dem „wahren Gesicht“ – zu entreißen. Dennoch: obwohl seinen Ausführungen zwar das Anti-Bekenntnis vorausging, konnte ich mich nicht des Eindrucks erwähren, dass es dem Autor eher darum ging, ein Exempel für die historisch-kritische Methode mit ihren quellen- und textkritischen Ansätzen zu statuieren – möglicherweise gegen den inflationären Gebrauch von Deutungsansätzen, die gern methodische Beweiskraft suggerieren.

Kein einfacher Text – hier schreibt ein Gelehrter für ein interessiertes, kundiges Publikum. Der Faktenreichtum und die Informationsdichte machen die Lektüre dennoch nicht zur „schweren Kost“, denn dem Autor gelingt es, vermittels scharfer und eingängiger Logik und unverhohlener Ironie bis zu spöttischer Abneigung immer wieder ein wissendes oder amüsiertes Lächeln auf „ungläubige Gesichter“ zu zaubern.

Das weitaus Bemerkenswerte an diesem Buch ist, dass nicht ein interessierter Mensch, die akademisch längst benannten Argumente zusammenträgt, sondern der namhafte, emeritierte Bochumer Philosophieprofessor seine Position zum Christentum und dem christlichen Glauben rational und ebenso fachkundig wie verständlich formuliert und erörtert. Deshalb ist für mich, die ich gestehen muss, dass die Publikationen des Autors für mich sowohl im akademischen Studium als auch bei meinen Forschungen zum Bibliotheksinventar gehören, das Buch ein Markstein. Oder ein Grenzstein, der
sich klar abgrenzt von einem Wissen­schaftsbetrieb, der zusehend konser­vativer wird und der durch herme­tische Zugangsbeschränkungen und
vermittels eliteorientierter Fördermaß­nahmen auf schnelle Verwertbarkeit von wissenschaftlichen Erkenntnissen setzt und unter Zelebration des Ge
lehrtenhabitus kritischen Stimmen und Argumenten als auch Grundlagen­forschung vollends den Nährboden entzieht. Und am Ende seines ersten Teils bekennt sich Flasch klar zum „Didaktiker“ und damit zu einer Spezies, die meines Erachtens vom Aussterben bedroht ist: der Hochschullehrer, für
den das Lehren im Sinne von Ver­mittlung von Wissen und Bildung an der Vernunft und der rationalen Urteilskraft orientierten Menschen einen ebenso hohen Stellenwert einnahm wie das Forschen (nach den Grundlagen und nicht allein nach „verwertbarem“, abfragbarem Wissen) – er schreibt: „Ich lade ein zur Arbeit, nicht zum Lernen eines Resultats.“ Kein Satz charakterisiert das Buch besser und macht des Autors Überzeugung zum Nicht-Christen deutlicher.