Buchbesprechung | Veröffentlicht in MIZ 3/12 | Written by Christoph Lammers

Rezension von Christel Gärtner / Karl Gabriel / Hans-Richard 
Reuter: Religion bei Meinungsmachern.

Eine
 Untersuchung bei Elitejournalisten in 
Deutschland

Christel Gärtner / Karl Gabriel / Hans-Richard 
Reuter: Religion bei Meinungsmachern. Eine
 Untersuchung bei Elitejournalisten in 
Deutschland. VS Verlag für Sozialwissen­schaften, Wiesbaden 2012. 282 Seiten, kartoniert, Euro 39,95, ISBN 978-3-531-18443-2

Medien spielen heute eine überaus wichtige Rolle, sowohl bei der Artikulation politischer Willensbildung, aber auch bei der Steuerung der öffentlichen Meinung. Nicht ohne Grund werden Medien heutzutage als die vierte bzw. publikative Gewalt bezeichnet. Egal ob BILD, FAZ, Welt, SZ, Springer, Bertelsmann oder Gruner&Jahr, gegen die öffentlichen Medien kann niemand regieren. Aus Sicht der Religionsvertreter und Kirchen ist diese Tatsache enorm wichtig, denn gerade im Hinblick auf ihr Image war und ist die öffentliche Meinung ein wichtiges Instrument, man denke allein an die Aussage der Kirchenoberen, ohne die Kirchensteuer gäbe es keinen Sozialstaat.

In den Sozialwissenschaften spielte das Thema Religion viele Jahre kaum eine Rolle. War man doch in den 1980ern und 90ern, insbesondere für die europäischen Staaten, von einer sich verstetigenden Säkularisierung der Öffentlichkeit ausgegangen. Es schien, als ob sich außerhalb der kirchlich geführten Meinungsmedien nur wenige für Religion interessierten. Diese Sichtweise hat sich in den letzten Jahren verändert, nicht zuletzt mit dem 11. Sep­tember 2001. Doch es steckt mehr dahinter. Kirchen spielen in Deutschland, trotz des Mitgliederschwundes, eine große Rolle. „Sie gelten als Fürsprecher für Benachteiligte, setzen sich für Minderheiten ein und stellen einen Garanten für das Gemeinwohl dar“, so die Autorin Christel Gärtner in einem Interview mit dem MDR.

Lange Zeit schien eine solche Aussage religiös gefärbt und damit eine Mutmaßung zu sein. Es gab Seitens der Wissenschaft kaum Bemühungen, der Frage einmal nachzugehen, ob und wenn ja wie sich Religion in den Medien manifestiert. Doch dieses Bild hat sich gewandelt. Wissenschaftler_innen schauen zunehmend genauer hin und versuchen, das Feld damit neu abzustecken. Die Soziologin Christel Gärtner hat zusammen mit Karl Gabriel und Hans-Richard Reuter erstmals eine Untersuchung zu Einstellungen von so genannten Elitejournalist_innen in Deutschland vorgelegt. Sie führten im Zeitraum März 2006 bis Februar 2008 ein qualitatives Forschungsprojekt durch. Im Mittelpunkt ihrer Forschung standen mehrere Aspekte, u.a. die Frage, wann Religion zum Thema in den Medien gemacht wird und welche normativen Bindungsmuster von Religion sich im journalistischen Alltag feststellen lassen? Als These legten sie die 1994 erstmals formulierte Überlegung der „Entprivatisierung“ der Religion des Religionssoziologen José Casanova zugrunde.

Überrascht hat die Autor_innen nicht nur das Ergebnis der Befragung. Gärtner, Gabriel und Reuter hatten bewusst darauf verzichtet, auf Vertreter_innen zurückzugreifen, die als Kirchenredakteur_innen fungieren bzw. einen dezidiert religiösen Hintergrund aufweisen. Ihnen war es vielmehr wichtig, Journalist_innen zu nehmen, die entscheidenden Einfluss auf die Auswahl und Präsentation der Beiträge in öffentlichen Medien haben. 18 von ihnen, davon ein Drittel Frauen, wurden in nicht-standardisierten In­terviews befragt. Die Überraschung war, 17 Journalist_innen wiesen eine religiöse Bindung auf, nur eine war konfessionslos. Allein dies sollte die säkulare Szene zum Nachdenken anregen. Doch auch die Ergebnisse sind alles andere als beruhigend. Ein Punkt sei hier hervorgehoben: „Der neue religiöse Pluralismus in Deutschland insbesondere mit einem großen muslimischen Bevölkerungsanteil motiviere dazu, die Wurzeln der eigenen Kultur im Christentum in den Blick zu nehmen und sich der eigenen kulturellen Identität zu vergewissern. (...) In diesem Sinne lassen sich Muster eines Kulturchristentums identifizieren, die sich aus Motiven des ‘cultural defense’ speisen.“ (S. 262)

Die Studie zeigt, dass das Thema Religion bei Meinungsmachern eine enorme Bedeutung auch für die säkulare Szene hat, deshalb sei sie allen Akteur_innen ans Herz gelegt. Auch wenn sie mitunter schwer zu lesen ist und nicht mit der Sprachgewalt eines Richard Dawkins mithalten kann, bleibt sie auf kurze Sicht unersetzlich. Dafür sei den Autor_innen gedankt.