Buchbesprechung | Veröffentlicht in MIZ 3/20 | Written by Nicole Thies

Rezension von Daniela Dahn / Rainer Mausfeld: Tamtam und Tabu

Die Einheit: Drei Jahrzehnte ohne Be­währung

Daniela Dahn / Rainer Mausfeld: Tamtam und
Tabu. Die Einheit: Drei Jahrzehnte ohne Be­währung. Westend Verlag, Frankfurt a.M. 2020. 192 Seiten, Klappenbroschur, Euro 18.- (eBook 13,99), ISBN 978-3-864-89313-1

Die Journalistin Daniela Dahn und der Psychologe Rainer Mausfeld haben zum 30. Jahrestag des Anschlusses der DDR an die BRD eine Streitschrift zur aktuellen Kapitalismuskritik vorgelegt, die einen Systemwechsel und das Neudenken alter Konzepte fordert.

Dahns Eingangskapitel „Volkslektü­re. Eine Presseschau“ befasst sich mit jenem Zeitraum, in dem es gelang, die „DDR-Bevölkerung [...] in die vom Westen gewünschte Richtung zu lenken“; und es geht darum, welche „Rolle [...] Medien und deren Techniken der Affekt- und Medienmanipulation“ (S. 8) dabei spielten. Sie sucht eine Antwort auf eine kaum gestellte und nie befriedend beantwortete grundsätzliche Frage: Wie konnte die Meinung der damaligen DDD-Bürger/innen innerhalb von vier Monaten – vom Mauerfall bis zur letzten Volkskammerwahl – so ins Gegenteil verkehrt werden? Wie kam es dazu, dass sich der Wunsch nach einem demokratischen Modell im Sozialismus hin zur Währungsunion und zum Beitritt änderte? Dichte Recherche der Westmedien (im Kap. „FAKSIMILES“ visualisiert), scharfe Beobachtungen und historisch wirtschaftspolitische Kontexte stützen die These von „Verstöße[n] gegen seriöse journalistische Beweisführung“ (S. 27), „Missachtung journalistischer Minimalstandards“ (S. 141, 33) oder bewusst lancierte Desinformation (S. 10, 15, 20f., 69, 86 etc.) „oder sogar Fake-News“ (S. 175) – akribisch recherchiert, nicht nur vom Boulevard inkl. BILD sondern bis hin zum SPIEGEL in Text und Bild dargelegt.

Ich gebe zu, mich hat während der Lektüre das blanke Entsetzen, „Ärger & Fassungslosigkeit“ (S. 137) gepackt. Selbst wenn einige Dinge bekannt sind, so hat mich das Ausmaß und die Dreistigkeit, mit der Menschen unmündig gemacht wurden, für bestimmte Themen aufgerüttelt. Eine Schlussfolgerung (zu einem nicht autorisierten Spiegel-Zitat) gab mir sehr zu denken (S. 66): „Dass besonders im Osten großes Mistrauen in die Glaubwürdigkeit der Presse herrscht, sollte niemanden verwundern.“

Ein weiteres signifikantes Detail ist, dass die Einführung der D-Mark entgegen der späteren Lesart keine Forderung der ostdeutschen Straße war (S. 52, 49-54). Und zum berühmten Foto mit dem Transparent „Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr.“ ist zu lesen (S. 73): „Dem aufmerksamen Publizisten Otto Köhler war aufgefallen, dass das Plakat an Bambusstöcken hing, genau wie die schwarz-rot-goldenen Fahnen bei Kohls Großkundgebungen. ‚Und später erfuhr ich’, so Köhler, ‚dass aus Bonn, aus der Propagandazentrale der CDU, Wagen gekommen waren, die Fahnen mit ebendiesen Stöcken anlieferten.’ Das war unbedacht, denn Bambusstöcke gab es in der DDR nicht.“
Narrative wurden nicht nur klar gesetzt, sie wurden inszeniert.

Der zweite Teil des Buches mit drei Beiträgen von Fr. Dahn und einem von Hrn. Mausfeld ist im wesentlichen Kapitalismuskritik. Mausfeld führt aus, dass Demokratie und Kapitalismus (auch unter der verkappten Bezeichnung „soziale Marktwirtschaft“) einander widersprechen. Um diesen Widerspruch aufzulösen bedarf es der Meinungs- und Affektmanipulation, die unterdessen hochgradig professionalisiert und wissenschaftlich fundiert arbeitet.

Sehr 
selbstreflektierend setzen sich beide in einem fünfteiligen Gespräch auseinander, u.a. mit Verschwörungstheorie(n), mit Kritik an den Medien als Massen­medien, an psychologischen Mitteln zur Machtausübung und mit Ausprägungen von „kostengünstige[...][r] Revolutions­prophylaxe“ (S. 148). Zudem setzt Maus­feld zwei bemerkensweite Sei­tenhiebe auf Identitätspolitik(en) (S. 167, 205). Während Mausfeld analytisch sich eher auf abstraktem, theoretischem Niveau bewegt, steht Dahn immer einen Schritt näher an lebensweltliche Fragen und konkreten Beispielen.

Ein sehr lesenswertes Buch! Einen formalen und einen inhaltlichen Punkt möchte ich kritisch anmerken. Verweise, die im Text schon auf den Quellenanhang hinweisen, hätten der journalistischen Lesart keinen Abbruch getan. Und ich hätte mir gewünscht, dass die digitale Revolution bzw. die virtuellen Schlachtfelder im Internet der letzten Jahrzehnte mehr Beachtung gefunden hätten.