Schwerpunktthema | Veröffentlicht in MIZ 3/16 | Written by Andreas Kemper

Organisierter Antifeminismus

Zur Kategorisierung antifeministischer Organisationen 
und Argumentationen

Der Antifeminismus ist so alt wie der Feminismus, doch die ideologische Grundstruktur des Antifeminismus hat sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt. Wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis weit in die 1970er Jahre hinein versucht, den Feminismus abzuwehren, indem offen patriarchal die vermeintliche Legitimation der Vorrangstellung des Mannes vor der Frau verteidigt wurde, hat eine solche Argumentationsfigur seit 1968 deutlich schlechtere Aussichten auf Erfolg. Wir haben es heute mit einer opferideologischen Argumentation zu tun, die feministische Positionen in die Täter*innenrolle drängt. Dieser argumentative Rückzug hat allerdings auch eine Konsequenz hinsichtlich der Frage, wer nun eigentlich das vermeintliche Opfer des Feminismus sein soll.

Wurde früher offen die patriarchale Position der Männer verteidigt als Familienoberhaupt, also ein maskulinistischer Familismus vertreten, muss 
sich der Antifeminismus heute entscheiden, ob denn die Familie oder der Mann das vermeintliche Opfer des Feminismus sein soll. Hierbei geht es nicht nur um strategische Fragen, sondern um tatsächliche Inte­ressenunterschiede zwischen der Väter- und Männerrechtsbewegung, also der maskulinistischen Strömung des Antifeminismus, und der Strömung, die die Familie mit der sogenannten „traditionellen Geschlechterordnung“ verteidigen wollen, die also familistisch argumentieren. Zwar gibt es auch heute noch viele Überschneidungen zwischen den beiden Ideologiestrukturen Maskulinismus und Familismus, doch wird beispielsweise die Bedeutung der Mutter hinsichtlich der Kindererzie­hung thematisiert, so betonen Väter­rechtler*innen eine Privilegierung von Müttern (bzw. Diskriminierung von Vätern) während Familist*innen eine Stigmatisierung von Müttern betonen. Auch hinsichtlich der Frage, ob Männer und Frauen bzw. Väter und Mütter sich produktiv ergänzen (Komplementarität von Männern und Frauen), lassen sich Unterschiede ausmachen. Familist*innen betonen durchweg die vermeintliche Komplementarität von Vätern und Müttern, während bei einigen Maskulinist*innen eine postkomplementäre Argumentation zu finden ist: Männer und Frauen sollten sich eigentlich ergänzen, weil aber Frauen keine „richtigen“ Frauen mehr seien, sollten Männer auch gar nicht mehr versuchen, diese Komplementarität anzustreben. Men going their own way heißt eine bekanntere Organisation, die diese Postkomplementarität auf den Punkt bringt, aber auch „Pick Up“-Gruppen, die mitunter offen zu Vergewaltigungen aufrufen, lassen sich mit dem komplementären Ansatz des Familismus nicht in Einklang bringen.

Die Differenzen dieser Ansätze werden jedoch selten deutlich, weil sich sowohl die maskulinistische als auch die familistische Ideologie an einem gemeinsamen Feindbild abarbeiten und entsprechend die Verschwörungsideologie des „Antigenderismus“ bedienen. Dieser Ideologie zufolge gibt es weltweit operierende Feministinnen, die zusammen mit der sogenannten „Homolobby“ versuchen würden, die Familie „als Keimzelle der Nation“ zu zerstören. „Antigenderismus“ und „Antisemitismus“ weisen Ähnlichkeiten auf, die nicht zuletzt damit zusammenhängen, dass es genauso wenig einen Genderismus wie einen Semitismus als wirkmächtige Bewegungen gibt, gegen den sich ein Antigenderismus bzw. ein Antisemitismus wehren müsste. Mit dem Kampfbegriff „Antigenderismus“ wird gegen Feminist*innen und queere Aktivist*innen vorgegangen, die keinesfalls „Gender“ stärken wollen. „Gender“ ist ein englischer Begriff für „Geschlecht“, der im Gegensatz zum englischen Begriff „sex“ für Geschlecht nicht das biologische, sondern das soziale Geschlecht meint. Feminst*innen sind also nicht „für Gender“ oder gar „Genderist*innen“, sie stehen ganz im Gegenteil der sozialen Alltagskonstruktion von Geschlecht („doing gender“) ausgesprochen negativ gegenüber. „Genderismus“ wäre also genau genommen das, was die selbsternannten „Antigenderist*innen“ machen, wenn sie mit blauen und pinken Luftballons Demonstrationen „besorgter Eltern“ für die vermeintlich „natürliche Geschlechterordnung“ durchführen (vgl. den Beitrag von Elke Prinz in MIZ 2/16). Der familistische „Antigenderismus“ wendet sich nicht nur gegen den Feminismus im engeren Sinne, sondern auch gegen die LGBTI-Interessenvertretung, also gegen die queere Bewegung, die als „Homolobby“ stigmatisiert wird.

Netzwerke des Antifeminis­mus / Antigenderismus

Wie bereits erwähnt, lässt sich der aktuelle organisierte Antifeminismus mit dem selbst ernannten Label „Antigenderismus“ je nach Objekt der Opferideologie in einen maskulinistischen und einen familistischen Antifeminismus kategorisieren.

Den Maskulinismus kann man als 
Ideologie wiederum vier politischen 
Milieus zuordnen. Zunächst wäre hier eine Aufteilung sinnvoll, die zwischen einem unverhohlenen Masku­linismus für mehr Männlichkeit und einer stärkeren Selbstverortung als 
Antidiskriminierungsbewegung gegen
Feminismus differenziert. Ersterer ließe sich als „Moderner Maskulinismus“ bezeichnen, letzterer als „Männer­rechtsszene“.

Moderner Maskulinismus

Innerhalb des Maskulinismus, der ja im Gegensatz zum Maskulinismus der 1910er bis 1960er Jahre nicht mit männlichen Vorherrschaftsansprüchen auftritt, finden sich dennoch Avancen für mehr Männlichkeit. Der Fokus dieses „Modernen Maskulinismus“ liegt auf der Wiederherstellung und Stärkung von Männlichkeit, sieht sich aber anders als vor fünfzig Jahren vor dem Problem einer strukturell „verweiblichten“ und „verschwulten“ Gesellschaft.

Völkisch nationalistische Positio­nen und Netzwerke des Modernen Maskulinismus betonen den Wert der „Familie als Keimzelle der Nation“. Hier finden sich einerseits typisch maskulinistische Initiativen wie die Internetplattformen Wieviel Gleichbe­rechtigung verträgt das Land oder das zum selben Netzwerk zählen Wiki WikiMANNia. Aber auch Parteien wie die NPD oder Parteiströmungen wie der Flügel um Björn Höcke aus der Alternative für Deutschland (AfD) vertreten diesen bevölkerungsbiologischen Maskulinismus. Höcke spricht davon, dass Deutschland und Europa das Problem fehlender Männlichkeit hätten. Heterosexualität und Homo­sexualität dürften nicht gleichgesetzt werden, denn Homosexuellen ginge es nur um Lust, bei Heterosexualität ginge es hingegen um die „Polarität der Geschlechter“, die überhaupt erst die deutsche „Hochkultur“ ermöglicht hätten. Die angebliche Komplementarität der Geschlechter spielt hier also eine große Rolle. Wichtig ist aber nicht nur der Kontrast des „echten Mannes“ gegenüber effeminierten Männern, sondern auch der Kontrast des deutschen bzw. europäischen Mannes gegenüber dem türkischen bzw. arabischen Mann. Die Mannhaftigkeit zeige sich dann sowohl in der Fruchtbarkeit als auch in der Wehrhaftigkeit. Femi­nismus und „Homolobby“ werden als moderne Erscheinungsformen des „Kulturmarxismus“ bekämpft. Die Ausein­andersetzung um Anders Breivik, der in Norwegen mehr als siebzig Jugendliche erschoss und zweifelsohne auch in die hier besprochene Ideologiefraktion gehört, haben in der maskulinistischen Szene zum Bruch geführt, weil einige antifeministische Männerrechtler sich eine größere Distanzierung der Maskulinisten von Breivik gewünscht hatten.
Zum Modernen Maskulinismus ge­hört auch der postkomplementäre An­satz, der die Gründung von Familien ablehnt, weil man mit Frauen heute keine Familien mehr gründen könne. Hier finden sich dann Gruppen wie die bereits erwähnten Men going their own way (MGTOW) oder „Pick Up“-Initiativen, die – übrigens sehr männerfeindlich – Männer in Alpha- und Beta-Männer unterscheiden. „Pick Up“-Gruppen reduzieren in drastischer Weise Frauen als Sexobjekte, um so ihre eigene Männlichkeit aufzuwerten („Alpha-Männer“).

Männerrechtsszene

Auch bei der Männerrechtsbewegung ließe sich eine weitere Unterscheidung einführen, die wichtig ist. Wenige Jahre bevor sich in Deutschland ab 2000 die Männerrechtsszene etablierte, ist die Väterrechtsbewegung entstanden. Die Väterrechtsbewegung ist vorwiegend aber nicht durchgehend antifeministsch. Es ist im Wesentlichen eine Organisierung von Vätern, die mit Scheidungssituationen konfrontiert sind und sich durch Behörden ungerecht behandelt fühlen. Tatsächlich kann es in Einzelfällen zu ungerechten Entscheidungen kommen, da patriarchale Ideologien Müttern eine größere Kompetenz für Kinder und Küche zuschreiben. Auf Grundlage dieser Betroffenheit formulierten dann allerdings bundesweit agierende Väter­rechtsorganisationen einen biologistischen Rechtsanspruch auf Kinder, der selbst biologischen Großeltern mehr „Recht auf“ Kinderumgang zugestand, als real verantwortlichen Mitgliedern von Patchworkfamilien. Zu dieser Biologisierung zählt auch das angebliche Krankheitsbild „Parental Alienation Syndrome“, das sich ergebe, wenn Kinder nicht mit Vater und Mutter gemeinsam aufwachsen.

Während nicht alle Väter der Väterrechtsbewegung antifeministisch eingestellt sind, lässt sich dies für die Männerrechtsszene durchaus behaupten. Zwischen Väterrechtsbewegung und Männerrechtsszene gibt es fließende Übergänge, aber auch deutliche Unterschiede. Ein Phänomen der Männerrechtsszene war bis vor kurzem noch die Isolation der einzeln am Computer agierenden Männerrechtler*innen. Nur vereinzelt gab es Gruppen wie MANNdat e.V. oder Agens e.V. Inzwischen gibt es auch in Berlin eine sich regelmäßig treffende Gruppe (Nicht-Feminist), die gemeinsam anti-antifeministische Veranstaltungen besuchen, oder es finden Kongresse statt wie der Deutsche Gender-Kongress in Nürnberg. An der Hochschule in Düsseldorf wird alle zwei Jahre ein Männerkongress durchgeführt, der ursprünglich deutlich von der Männerrechtsszene dominiert war, inzwischen aber weniger radikal auftritt. Protagonist*innen dieser Männerrechtsszene versuchen sich um einen guten Ruf zu bemühen, um als Ansprechpartner*innen in der Politik und Wissenschaft auftreten zu können. Hier zeigt sich vor allem die FDP als empfängliche Ansprechpartnerin. Hierzu passt auch die eher neoliberale Ausrichtung der Männerrechtsbewegung, die stärker zu sein scheint als christlich-fundamentalistische bzw. völkisch-nationalistische Ideologien.

Familismus

Grundsätzlich ist der Familismus als „Antigenderismus“ intendiert durch einen religiösen Fundamentalismus oder einen völkischen Nationalismus. Auch hier gibt es Überschneidungen, was sich zum Beispiel darin zeigt, dass die völkisch ausgerichtete AfD-Landtagsfraktion Thüringen zu ihrer Klausurtagung zum Thema Familie Jürgen Liminiski einlud, der dem Opus Dei zugerechnet wird. Wenn es um Familismus geht, passen Ultrakatholizismus, Evangelikalismus und völkischer Nationalismus sehr gut zueinander.

Religiöser Fundamentalismus

Aufgrund antiislamischer und rassistischer Vorbehalte gibt es kaum gemeinsam organisierte antifeministische Zusammenarbeit, daher findet hier der islamische Fundamentalismus als organisierter Antifeminismus keine Berücksichtigung. Bei der – nach eigenen Angaben – von Beatrix von Storch organisierten „Demo für alle“ in Stuttgart wurde allerdings bereits zweimal einer islamischen Organisation Redezeit auf der Veranstaltungsbühne bereitgestellt, die dann auch gerne genutzt wurde, um gemeinsam mit evangelikalen und ultrakatholischen Gruppen gegen den Bildungsplan 2015 zu agitieren.

Relevante antifeministische ultrakatholische Gruppierungen sind die Deutsche Gesellschaft zum Schutz von Tradition, Familie und Privateigentum e.V. (TFP), die Pius-Brüderschaft (Civitas), Legionäre Christi/ Regnum Christi und das Opus Dei. Zu nennen wären noch die Internetplattform CitizenGo, die ähnlich wie das Netzwerk Zivile Koalition von Beatrix und Sven von Storch E-Mail-Kampagnen generiert. Zwischen Koordinatoren der TFP und der Zivilen Koalition bestehen zudem verwandtschaftliche Verhältnisse (Paul von Oldenburg [TFP] ist Cousin von Beatrix von Storch [Zivile Koalition, stellvertretende AfD-Vorsitzende]).
Nicht weniger wichtig sind evangelikale Organisationen, wie zum Beispiel das The Howard Center for Family, Religion & Society aus den USA, das weltweit große „Familien-Kongresse“ durchführt, oder das American Center for Law and Justice mit seinem Ableger European Center for Law and Justice, die auf europäischer Ebene familistische Gesetze voranbringen wollen. In Deutschland ansässige Netzwerke wie IDEA sind ebenfalls Bestandteil eines Netzwerkes mit einer antifeministischen Ausrichtung.

Völkischer Nationalismus

Den Familismus hat sich auch der völkische Nationalismus auf die Fahnen geschrieben. Dieser findet sich parteipolitisch bei der NPD und der Strömung um Björn Höcke in der AfD. Gefordert wird für die „deutsche Familie“ eine Drei-Kinder-Politik, da in Deutschland angeblich nur noch knapp 60 Millionen „richtige“ Deutsche wohnen.

Zum Schluss noch eine Anmerkung 
zu parteipolitischen Anbindungen. Ten-
denziell finden sich bei der FDP Sym­pathien für die Männerrechtsbewegung. Der katholische familistische Anti­feminismus hat sowohl bei der CDU/CSU (CDL) als auch bei der AfD (ChrAfD/ Pforzheimer Kreis) Fürsprecher*innen. Evangelikaler Antifeminismus findet sich ebenfalls gut in der AfD repräsentiert. Und auch der Antifeminismus des völkischen Nationalismus ist neben der NPD in der AfD gut verankert.