Neulich | Veröffentlicht in MIZ 1/16 | Written by Daniela Wakonigg

Neulich …

… in Fulda

Manchmal bedauere ich, dass ich bereits vom Glauben abgefallen bin, weil ich es zu gern noch einmal täte. Erst jüngst verspürte ich wieder dieses Bedauern, als in den Medien eine Meldung zu lesen war, die mir fast den Schokohasen aus dem Mund purzeln ließ.

Der Bischof von Fulda, Heinz-Josef Algermissen, präsentierte nach guter alter Oberhirten-Manier seinen Schäfchen in der Osterpredigt einen Erklärungsversuch für das Übel der Welt im Allgemeinen und die jüngsten Terroranschläge im Besonderen.

Gespannt fragte ich mich beim Lesen, ob der Bischof zu der wundersamen Erkenntnis gelangt sein mochte, dass die Anschläge vielleicht etwas mit Religion zu tun haben könnten. Aber nein. Vielmehr vollbrachte Algermissen ein so formidables Doppeldenk-Kunst­stück, dass es George Orwell die Tränen in die Augen getrieben hätte. Der Bischof gab in seiner Predigt allen Ernstes zum Besten, dass der Mensch ohne Ostern [Katholensprech-Fachterminus, Übersetzung: der Mensch, der sich am Diesseits orientiert und nicht an eine Auferstehung im Jenseits glaubt. Anm. d. A.] ein „großes Sicherheitsrisiko für seine Mitwelt“ sei, weil seine innere Hektik und Daseinsangst ihn „blindwütig zuschlagen und alles zerstören“ lasse. Er gehe buchstäblich über Leichen, ehe er selbst zur Leiche werde. Dies erlebe man gerade in diesen Wochen und Monaten.

Es sind diese Moment, in denen ich mich gen Himmel wende und das Fliegende Spaghettimonster inständig bitte, Hirn vom Himmel zu schmeißen. Oder doch wenigstens eine ausreichende Menge Pasta, um Münder zu verschließen, ehe geistige Diarrhöe aus ihnen dringt.

Ob der Bischof zu viel Weihrauch geschnüffelt hat? Oder ist vielleicht sein vom Steuerzahler finanzierter goldener Fernseher kaputt? Ist ihm entgangen, dass es in Paris, in Brüssel und Lahore keine Ungläubigen waren, die sich einen Sprengstoffgürtel umschnallten, sondern Menschen, die sich und viel zu viele andere mit den Worten „Gott ist groß“ auf den Lippen in die Luft jagten? Menschen mit einem 72-Jungfrauen-Fetisch, die ihre Tat begingen, weil sie an einen unsichtbaren Sugar Daddy glaubten und paradiesischen Lohn in Form von unberührten Wichsvorlagen, kurz: Menschen mit einem verdammt starken Jenseitsglauben?

Welchen Knoten muss sich also jemand ins Hirn machen, der angesichts der aktuellen Terroranschläge ausgerechnet Menschen, die weder an einen Gott noch an ein Jenseits glauben, als großes Sicherheitsrisiko für ihre Mitwelt betrachtet? Dabei müsste doch bereits einem nur durchschnittlich Vernunftbegabten unmittelbar einleuchten, dass ein Mensch, der davon ausgeht, dass es nur ‘das Diesseits’ gibt, aus naheliegenden Gründen ein nicht sonderlich gesteigertes Bedürfnis hat, sich die Gedärme von Nagelbomben zerfetzen zu lassen.

Aber wahrscheinlich bleibt es wohl ein unfrommer Wunsch, in einer Osterpredigt Vernünftiges hören zu wollen. Schließlich sind Gottes Wege bekanntermaßen unergründlich. Ebenso unergründlich wie die Hirnwindungen von Bischof Algermissen.