Allgemeines | Veröffentlicht in MIZ 3/15 | Written by Christoph Lammers

Möglichkeiten und Grenzen säkularer Medienarbeit

Es ist schon paradox: Obwohl der Anteil Konfessionsloser in unserer Gesellschaft stetig zunimmt und damit der Bedarf an Information und der Wunsch nach Partizipation steigen, spiegelt sich diese Entwicklung nur zu einem geringen Teil in der Berichterstattung der Medien wieder. Themen, die von gesellschaftlicher Relevanz sind (so z.B. die aktuelle Diskussion um selbstbestimmtes Leben und Sterben), werden zwar in den sozialen Netzwerken ausführlich diskutiert. In Zeitungen, Radio und Fernsehen werden aufgeklärte Positionen jedoch weitgehend ignoriert. Es fehlt schlicht an Gegenöffentlichkeit. Die Gründe hier
für sind vielschichtig und können an dieser Stelle nur angerissen werden. Zunächst muss es darum gehen zu verstehen, welche Funktion Medien haben und inwieweit sie diese im Hinblick auf die säkularen Positionen erfüllen.

Der Medienwissenschaftler Jürgen Wilke stellt in einem Aufsatz die Erwartungshaltung an die Medien heraus. Sie sollen „die Bürger informieren, durch Kritik und Diskussion zu Meinungsbildung beitragen und damit Partizipation ermöglichen“.1 Damit wird ein Problem benannt, welches nicht erst seit der Ukrainekrise dazu beigetragen hat, dass die Medien – landläufig als vierte Gewalt bezeichnet – in die Kritik geraten sind. Zwar tragen die Medien zur Meinungsbildung bei, allerdings aus der Sicht vieler Menschen eher einseitig. Mit jeder falschen Meldung wächst die Skepsis gegenüber der Berichterstattung.

Im Hinblick auf die Interessen der Konfessionslosen und Atheist_innen lässt sich eindrucksvoll exemplifizieren, wie weit wir in Deutschland von einer objektiven Berichterstattung entfernt sind. Wer sich die Medienlandschaft im deutschsprachigen Raum einmal näher anschaut, wird nicht umhinkommen festzustellen, dass den Kirchen und Religionsgemeinschaften mehr Einfluss gewährt wird, als es der Demokratie gut tut. Uli Schauen, Autor und Journalist, setzt sich seit Jahren mit der Problematik auseinander und kam in einem Beitrag für die MIZ zu dem Schluss, dass „die Kirchen-PR so umfänglich, unbemerkt und unhinterfragt [verfängt], dass von einem kirchlich-medialen Komplex gesprochen werden muss“.2 In einer qualitativen Befragung von so genannten Elitejournalist_innen 
in Deutschland, die unter dem Titel „Religion bei Meinungsmachern“ veröffentlicht wurde, lässt sich möglicherweise ein wichtiger Grund für diese Verquickung erkennen. „Kirchen und Religion werden als zivilgesellschaftliche Kraft geschätzt und ihnen wird im Hinblick auf die Wertefundierung der Gesellschaft eine wichtige Funktion zugeschrieben“.3 Damit ist die Auffassung mehr als fraglich, nach der die Mehr­zahl der Medien in Deutschland als „säkular“ bezeichnet werden kann. Denn kirchennahe Journalist_innen suchen gezielt nach In­terviewpartner_innen, um die öffentli­che Meinung zu manipulieren und be­stimmte Wertevorstellungen zu vermitteln. Das zeigt sich nicht zuletzt am Beispiel des Deutschlandradios, wie wir in dieser Ausgabe darzustellen versuchen.

Neben der Funktion spielt auch die Erwartungshaltung an die Medien eine wichtige Rolle. Viele Konfessionslose gehen davon aus, dass die Präsenz eines bestimmten Thema – nehmen wir das kirchliche Arbeitsrecht als Beispiel – eine Veränderung mit sich bringen muss. Sobald ein bestimmtes Thema in der Öffentlichkeit diskutiert wird, so die Hoffnung, nehme sich die Politik dieser Sache an und handele. Doch so einfach ist es nicht. Dies mag zwar auf angstbesetze Themen wie Flüchtlinge oder Terror zutreffen. Wenn es um die Verflechtung von Staat und Kirchen geht, müssen die säkularen Kräfte dickere Bretter bohren.

Nimmt man all die Punkte zusammen, stellt sich die Frage, was säkulare Medien leisten können und sollen. Die dazu von uns eingeholten Blitzlichter verdeutlichen, dass bereits einiges erreicht wurde. Es gelingt den säkularen 
Verbänden immer öfter, die Öffentlich­keit für Themen zu sensibilisieren, zum Beispiel in Form von Kampagnen. Auch nehmen verstärkt Vertreter_innen säkularer Verbände an Talkshows teil. Beides schafft Gegenöffentlichkeit, die, 
unterstützt durch die säkularen Medien, 
die Vielfalt an politischen, sozialen und
 kulturellen Interessen der Konfessions­losen widerspiegelt. In der Gesamtschau heißt dies, dass die säkularen Medien mehrgleisig fahren müssen. Sie sollten für Konfessionslose und Interessierte eine Plattform sein, um sich über die gesellschaftlichen Verhältnisse informieren und austauschen zu können. Sie sollten die Inhalte säkularer Verbände präsentieren und damit zur Vernetzung beitragen. Und sie sollten die Medien in ihrer Berichterstattung kritisch begleiten und hier und da Akzente setzen.

Von daher möchten wir die Leser_innen dazu einladen, mitzudiskutieren und uns zu unterstützen, der säkularen Stimme in unserer Gesellschaft stärkeres Gewicht zu verleihen. Denn nur mit einer Stimme werden wir es schaffen, die Monotonie des religiösen Gehorsams des Journalismus zu durchbrechen. In diesem Sinne, Geschichte wird gemacht!

Anmerkungen

1 Wilke, Jürgen: Funktionen und Probleme der Medien, http://www.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verhaeltnisse-eine-sozialkunde/139163/funktionen-und-probleme?p=all [Zugriff: 20.11.2015].
2 Schauen, Uli: Der kirchlich-mediale Komplex und warum er den Medienleuten nicht stinkt. In: MIZ 3/13, S. 10.
3 Gärtner, Christel / Gabriel, Karl / Reuter, 
Hans-Richard: Religion bei Meinungsma­chern. Wiesbaden 2012, S. 255.