MIZ 4/12

Von Spaghettimonstern und rosa Einhörnern

Religionsparodien und ihre Funktion
Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

Frank Welker

die MIZ setzt sich seit 40 Jahren für Vernunft und Toleranz und gegen religiösen Einfluss auf die Politik ein. Dabei haben wir Sie immer zuverlässig über die Verfilzung von Staat und Kirche, den kirchlichen Einfluss im öffentlichen Leben, die Politik der Päpste und kleinerer klerikaler Potentaten informiert. Zudem haben wir kritisch über „Sekten“, „Neue Religiosität“ und Esoterik berichtet. Auch haben wir uns nicht davor gescheut, heiße Themen, wie die Marktgläubigkeit oder „Alternative Heilmethoden“ anzupacken. Nicht selten mussten wir dafür dann auch heftige Kritik einstecken. Mit all dem ist jetzt Schluss!

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Schwerpunktthema

Schwerpunktthema

Der Sinn vom Unsinn
Atheismus mit anderen Mitteln

Daniela Wakonigg

Sogenannte ‘Spaßreligionen’ rufen bei vielen Menschen Abwehr­reaktionen hervor. Bei Religiösen, weil sie Blasphemie wittern und es für sie ohnehin nur eine einzige wahre Religion gibt – nämlich jeweils ihre eigene. Und bei Atheisten, weil ihnen jede Form von Religion suspekt ist. Dabei wird in atheistischen Kreisen leider oft übersehen, dass viele Spaßreligionen keine Religionen sondern Religionsparodien sind. Eine Fortführung des Atheismus mit anderen Mitteln.

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Schwerpunktthema

Sheng Fui: Erfülltes Leben dank fernöstlicher Leere

Lorenz Meyer

Infolge einer internationalen Verschwörung folgt alle Welt beim Einrichten seit Jahren der kruden Irrlehre des Feng Shui. Die wahre asiatische Leere jedoch ist das Sheng Fui! Das nur Eingeweihten bekannte Philosophiesystem ist nach den Symbolen „Sheng“ für die Kraft des Verstandes und der Weisheit und „Fui“ für Liebesmacht und Wollust benannt. Als es um die Verwestlichung und kommerzielle Ausbeutung der wohl ältesten bekannten Philosophierichtung ging, haben plumpe Plagiatoren lediglich die Anfangsbuchstaben vertauscht: So wurde aus unserem Sheng Fui das Feng Shui, das eine Heerschar selbsternannter Wohnraumberater hervorgebracht hat und die Frauenzeitschriften regelmäßig mit Umstellempfehlungen und Einrichtungstipps überflutet.

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Schwerpunktthema

„Wir wissen, uns erwartet im Jenseits ein Biervulkan und eine Stripperfabrik“
Interview mit Bruder Spaghettus über den Pastafarismus 
in Deutschland

Redaktion MIZ und Bruder Spaghettus

Der Pastafarismus gehört zweifellos zu den aufstrebenden neuen Glaubensbewegungen und die Menschen, die an die Existenz des Fliegenden Spaghettimonsters glauben, werden immer zahlreicher. Daher ist es wichtig, sich mit dieser Form des Glaubens intensiver zu beschäftigen. Die MIZ bat Bruder Spaghettus, einen der führenden Vertreter des Pastafarismus, Stellung zu beziehen.

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Das Nudelsieb und die Religionsfreiheit

Niko Alm

Ich wage zu behaupten, dass mein Führerschein der bekannteste Führerschein des Universums ist. Das verdanke ich dem Fliegenden Spaghettimonster (FSM) und meinem Glauben an diese Gottheit, die ich durch das Tragen eines Nudelsiebs als Hut verehre. Das ist zugegebenermaßen auch für die Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters eine bis vor Kurzem unübliche Praxis gewesen und nicht wenige Pastafaris (Glaubensgeschwister) bestreiten vehement, dass das Nudelsieb überhaupt eine religiöse Kopfbedeckung sein kann, wenn doch das Tragen von Pirateninsignien der eigentlichen Ausdrucksweise unserer Religion entspricht. An dieser Stelle möchte ich also erklären, warum ein Küchengerät mein Führerschein-Foto ziert.

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Schwerpunktthema

Meine erste Nudelmesse
Ein Erlebnisbericht

Katja Angenent

Es gibt einige wenige religiöse Riten, an denen man auch als
Atheist einmal teilgenommen haben sollte. Dazu zählt zweifellos
das Erlebnis einer „Nudelmesse“ der Kirche des Fliegenden Spa­ghettimonsters – einer absurd-liebenswürdigen Religionsparodie.

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Schwerpunktthema

Glosse: Tiere sympathisieren mit Pastafaritum
Ein Wort zum Freitag 
von Elli Spirelli

Elli Spirelli

Vor einigen Wochen weilten wir anlässlich einer Nudelmesse in Münster. Wir fanden Unterschlupf bei Pastafari-Sympathisanten, die jedoch noch viele Fragen an unseren Glauben hatten. So saßen wir am Nachmittag gemeinsam im Wohnzimmer, wo auch eine Mäuse-WG einquartiert war, und unterhielten uns über den einzig wissenschaftlichen Glauben. Die sonst so quirligen Tiere verhielten sich uns gegenüber zunächst sehr scheu, versteckten sich so gut, dass wir sie nur mit Mühe ausmachen konnten.

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Staat und Kirche

Gerdia - Gegen religiöse Diskriminierung am Arbeitsplatz
Staat und Kirche

Streiken bleibt verboten – meistens
Die Erosion des kirchlichen Arbeitsrechtes hat begonnen

Gunnar Schedel

Im November wurde das lange erwartete Urteil des Bundesarbeits­gerichts (BAG) zum Streikrecht in kirchlichen Einrichtungen ver­kündet. Ändern wird sich nicht viel: Prinzipiell darf im Weinberg des Herrn immer noch nicht gestreikt werden. Allerdings hat das Gericht einige Einschränkungen angeführt, welche die Idee eines „Dritten Weges“ auf lange Sicht aushöhlen könnten. Denn erstmals hat das Bundesarbeitsgerichts zwischen dem sogennanten Selbst-
bestimmungsrecht der Kirchen und den Rechten der Gewerk­schaften abgewogen.

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Prisma

Prisma

Werte und Moral
Auf dem hohen Ross der Transzendenz

Roland Ebert

Vor über zwei Jahren äußerte sich der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz Robert Zollitsch kritisch über die CDU, obwohl von dieser Partei „viele christliche Werte in unserem [der Kirche, d.A.] Sinne aufgegriffen werden“. Doch aufgrund ihrer Hinwendung zu neoliberalen Thesen sei zu fürchten, dass die Partei die soziale Perspektive vernachlässige. Die Nähe zwischen katholischer Kirche und CDU sei deshalb geringer geworden, während andere Parteien wie SPD und Grüne „Dinge, die uns wichtig sind, stärker als früher“ aufgreifen würden.1 Diese Kritik impliziert, dass es einen konstanten Bestand an moralischen Werten im christlichen Sinne gibt, deren Betonung sich aber in der Parteienlandschaft neu verteilt habe. Als Hüterin der Transzendenz sehe sich die katholische Kirche gezwungen, den Abstand zu den anderen Parteien zu verringern, um die Moral im säkularen Staat zu erhalten.

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Suizidhilfe – eine Herausforderung

Erwin Kress

Suizidhilfe als Herausforderung ist der Titel eines Buches, das Gita Neumann, tätig im Bereich Lebens- und Krisenhilfe des Humanistischen Verbandes Deutschlands (HVD), vor kurzem herausgegeben hat und dessen erste Auflage bereits nahezu vergriffen ist.1 Wer ist herausgefordert? Nun, ganz deutlich gilt dies für die Kirchen, wenn es um Fragen des Suizids und einer möglichen Beihilfe dazu geht. Was die Kirchenoberen massiv stört, ist die vorgebliche Missachtung des Lebens als „Gottesgeschenk“ bzw. der „Gottesebenbildlichkeit“, wenn ein Mensch freiwillig seinem Leben ein Ende setzt. Gläubigen kann man dies zu verwehren versuchen, allerdings kann man dies in einem säkularen Staat nicht per Gesetze verbieten.

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Falsche Freunde
Rechte in der säkularen Szene sind selten, aber ein deutliches Zeichen für eine falsche Außenwirkung

Malte Jessl

In MIZ 3/12 hat Gunnar Schedel die Ausführungen von Adah Gleich zu „Rechtspopulismus in der säkularen Szene“ kritisiert. Seine Kritik an Gleichs unreflektiertem Rundumschlag ist gerechtfertigt, wischt die Vorwürfe aber zu leichtfertig vom Tisch. Denn Schnittmengen und Anknüpfungspunkte zwischen Rechten und Säkularen bestehen tatsächlich, davor sollte niemand die Augen verschließen.

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Habe den Mut, Dich Deines eigenen Laizismus zu bedienen!?
Thesen für einen politischen, programmatischen und progressiven Laizismus des 21. Jahrhunderts

Adrian Gillmann

Laizistische Staatsformen haben in Europa Tradition. Während sich in Frankreich und der Türkei das Staatsverständnis dezidiert auf einen Begriff der „Laizität“ stützt und in Skandinavien Fakten geschaffen werden, erscheint die „Trennung von Religion und Staat“ als politische Theorie in Deutschland nur noch für Rechtswissenschaftler und Historiker interessant zu sein. Was hat es für einen Sinn einen Kampfbegriff der ideologischen Lesart für eine Trennung von Staat und Religion respektive Politik und Religion zu revitalisieren, wenn die Bundesrepublik Deutschland ein Verhältnis weltanschaulicher Neutralität im Grundgesetz garantiert? Warum tut es Not, wo keine Staatsreligion vorhanden ist, eine stärkere Autonomie, ein begründeteres Selbstverständnis des Staates ohne Weltanschauungsbezug einzufordern?

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Tolstojs religiöser Anarchismus

Ulrich Klemm

Leo Tolstoj gilt als einer der zentralen Vertreter des christlichen bzw. religiösen Anarchismus. Dies erscheint auf den ersten Blick als ein Widerspruch – wie passen Religion und Anarchismus zusammen? Tolstoj löst diese Frage jedoch durch eine vernunft­orientierte Ethik und einen rationalen Freiheitsbegriff. Gott ist
 keine transzendente Erscheinung sondern die Vernunft und die 
Menschenliebe. Mit diesem Ansatz wurde er im späten 19. Jahr­hundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einem radikalen Kirchen- und Religions­kritiker und erlebte eine weltweite Rezep­tion. Unter anderem ist er in diesem Zusammenhang der Initiator organisierter Kriegsdienstverweigerung aus ethischen Gründen.

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