Prisma | Veröffentlicht in MIZ 3/14 | Written by Gerhard Rampp

Kirchen in Deutschland

Auf dem Weg von der Monopolstellung zur Bedeutungslosigkeit

Vor kurzem sprach der katholische Bischof von Stuttgart-Rotten­burg von einem „Überlebenskampf“ der Kirchen in Europa. Dies mag übertrieben scheinen, denn ihre Existenz steht ja nicht in Frage. Aber noch nie sind Religionsgemeinschaften auf friedlichem Wege in so kurzer Zeit derart stark geschrumpft wie die beiden großen christlichen Kirchen in Mitteleuropa seit 1970. Wir be­finden uns mitten in einem grandiosen, öffentlich noch kaum registrierten Umdenkprozess.

Betrachten wir zunächst die Ausgangs­lage. Bei der Volkszählung 1950 waren 96,4% der Westdeutschen und sogar 91,2% der DDR-Bürger evangelisch oder katholisch – mithin also rund 95% der Einwohner im heutigen Deutschland. Gleichzeitig war damals die emotionale Bindung an Kirche und Religion sehr hoch: Rund 20% der Evangelischen und fast die Hälfte der Katholiken gingen damals sonntags zur Kirche; heute sind es drei bzw. elf Prozent. Pfarrer und Bischöfe konnten das politische und gesellschaftliche Leben in einem Maße beeinflussen, wie dies heute nicht mehr vorstellbar ist. Bis zur Volkszählung 1970 nahm die Quote der Kirchenmitglieder in Gesamtdeutschland nur geringfügig auf etwa 87 % ab. In den nächsten 20 Jahren verloren die Kirchen allerdings schon exakt ein Sechstel und hatten Ende 1990 noch etwa 72,5% in ihren Reihen.

Einen entscheidenden Einschnitt stellte der Fall der Mauer und das Ende der Teilung Europas dar – jedoch ganz anders, als sich dies der damalige Leiter der einstigen vatikanischen Inquisitionsbehörde vorstellte. Kurienkardinal Ratzinger rief nämlich zur Rechristianisierung Europas und zur „Bekehrung der gottlosen Räuberbanden“ auf, was selbst bei den evangelischen Glaubensbrüdern auf Befremden und Ablehnung stieß. Tatsächlich verloren die beiden deutschen Großkirchen aber seit 1990 jedes Jahr zusammen rund eine halbe Million Mitglieder. Bis 2010 schrumpften sie von 58 auf 48 Millionen, obwohl die Bevölkerung sogar um zwei Millionen wuchs. In diesen beiden Jahrzehnten vollzog sich indes eine weitere Ver­änderung, die viele Journalisten und Politiker bis heute nicht begriffen haben: Bis 1995 stiegen die Austritte vor allem in der Ex-DDR vorübergehend stark an, stabilisierten sich seither aber auf jährlich etwa 120.000 netto (d.h. nach Abzug der Eintritte) für jede der beiden Kirchen. Das macht lediglich ein halbes Prozent der Mitglieder aus und wäre somit ein noch erträglicher Verlust. Aber darauf kommt es langfristig schon gar nicht mehr an. Die Überalterung des Kirchenvolks nimmt rasant zu und ist seit 2012 hauptverantwortlich für den kirchlichen Mitgliederschwund.

Aktuelle Lage

2010 waren knapp 72% der Verstorbe­nen katholisch oder evangelisch, aber auf 100 Neugeborene kamen nur knapp 51 katholische oder evangelische Taufen, wobei Spättaufen bis zum vollendeten 14. Lebensjahr sogar mitgerechnet waren. Das sind 21 Prozentpunkte Differenz; im Jahr 2000 waren es nur 16 und 1991 sogar nur 13 Prozentpunkte. Viel spricht dafür, dass sich diese Schere in den nächsten Jahren noch weiter öffnet, denn unverändert gilt: Rund drei Viertel der Austretenden sind unter 35 Jahre alt, und genau diese Altersgruppe entscheidet über die Taufe oder Nichttaufe ihrer Kinder. Hält der Trend an, wird von den heute 20-jährigen Kirchenmitgliedern ein Fünftel mit 30 und sogar ein Drittel mit 40 nicht mehr in der Kirche sein. Die meisten kirchlichen Demographie-Experten und Religionssoziologen befürchten, dass die Überalterung bald in eine „Vergreisung“ des Kirchenvolks übergehen wird. Ganz aktuelle Zahlen scheinen dies zu bestätigen, denn die Taufquote der beiden Kirchen ist seit 2010 von 50,8 auf nur noch gut 48% abgerutscht.

Ausblick

Kirchliche Experten sehen die Lage mitunter sogar allzu dramatisch. So sagte der oberste EKD-Experte für Bevölkerungsfragen 2005 voraus, die EKD-Kirchen verlören bis 2030 ein Drittel ihrer Mitglieder. Aus heutiger Sicht ist das zu pessimistisch, denn das wird wohl erst etwa 2034 der Fall sein. Aber kann das die Kirche trösten?

Zurzeit (Ende 2014) hat die deutsche katholische Kirche nach offizieller Rechnung noch rund 23,8 Millionen Mitglieder, von denen aber 700.000 bis 900.000 doppelt Gezählte abzuziehen sind. (Katholiken zählen ihre Schäfchen direkt in den Pfarreien, wo Mitglieder mit Zweitwohnsitz mitgerechnet werden. Diese werden aber am Erstwohnsitz ebenfalls erfasst.) Die evangelische Kirche kommt auf 22,6 bis 22,7 Millionen Mitglieder. Beide zusammen stellen real also etwa 57% der Bevölkerung. Bei einem Verlust von jährlich 0,6 Prozentpunkten werden sie etwa 2026 unter die 50-Prozent-Marke und kurz nach 2040 unter die 40 Prozent rutschen. (Zur Erinnerung: Das Jahr 2040 erscheint uns meilenweit entfernt, ist aber nicht weiter weg als das Jahr vor dem Mauerfall 1989!). Besonders entmutigend für die Kirchen: Die Zahl der Austritte könnte theoretisch irgendwann deutlich sinken, wenn auch kaum in den nächsten 20 Jahren. Aber bis sich die immer noch zunehmende und leicht vorausberechenbare Überalterung wieder vermindert, vergehen noch Jahrzehnte. Ein Ende der Abwärtsentwicklung ist also überhaupt nicht absehbar, allenfalls eine Verlangsamung oder auch Beschleunigung ist denkbar.

Die Verkäufe von Kirchen im evangelischen und die Zusammenlegungen von Pfarreien und bald auch Priester­seminaren im katholischen Bereich belegen, dass die Kirchenoberen ihre langfristige Lage illusionslos einschätzen.

Muslime in Deutschland

Noch immer hält sich das Vorurteil, vom Kirchenschwund profitierten vor allem die Muslime. Tatsächlich wurde deren Zahl um 2010 auf 3,5 bis 4 Millionen geschätzt. Nach dem Zensus 2011 steht aber fest, dass die Einwohnerzahl um 1,5 Millionen niedriger liegt als vermutet und dass davon rund 1,2 Millionen auf unregistriert zurückgekehrte Ausländer zurückzuführen sind. Davon wiederum machen türkische Sunniten rund eine Million aus. Muslimische Verbände gehen heute eher von 2,5 Millionen aus, das sind drei Prozent der Bevölkerung. Aber handelt es sich dabei immer um Muslime oder nicht eher um „Personen aus dem islamischen Kulturkreis“? Je nach Umfrage ist zwischen einem Drittel und der Hälfte dieser Zielgruppe gar nicht religiös. Vor allem von den etwa 700.000 Aleviten verstehen sich viele als säkular. Ferner haben alle Moscheevereine zusammen nur etwa 500.000 Mitglieder und es ist fraglich, wieweit die nicht organisierten von ihnen überhaupt mitvertreten werden können. Kurzum: Selbst wenn von einem Anwachsen der muslimischen Gruppen auszugehen ist, werden alle zusammen auch in der Mitte dieses Jahrhunderts deutlich im einstelligen Prozentbereich liegen.

Die Gruppe der Konfessionslosen wird zu diesem Zeitpunkt bereits die absolute Mehrheit stellen. Die Auswirkungen auf die Parteistrategien liegen auf der Hand. Nach Auffassung des CDU/CSU-Parteiberaters und Histo­rikers Paul Nolte werden sich sogar die beiden konservativen Parteien bis dahin ihres ersten Namensteils entledigt haben, mit dem sie seiner Aussage zufolge schon jetzt nicht mehr werben – aus gutem Grund.