Schwerpunktthema | Veröffentlicht in MIZ 3/20 | Written by Karsten Krampitz

Kirche für andere

Protestantismus in der DDR

Um es gleich vorwegzunehmen: Hat es die DDR-Kirche, speziell den BEK, den Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR, überhaupt gegeben? – Zumindest kirchenrechtlich wurde diese Frage nach der deutschen Wiedervereinigung aufgeworfen: Im Auftrag des Kirchenamtes der EKD legte Ende August 1990 der Tübinger Kirchenrechtler Martin Heckel ein Gutachten vor, wonach die EKD-Mitgliedschaft der DDR-Landeskirchen niemals aufgehört hatte, sie hatte lediglich geruht.

Aus theologischer Sicht war eine Trennung ohnehin nie infrage gekommen. Ein solches Schisma hätte vorausgesetzt – ähnlich der Kirchenspaltung 1934 zwischen der Reichskirche und der Bekennenden Kirche –, dass die ostdeutschen EKD-Gliedkirchen den westdeutschen Häresie vorgeworfen hätten. Oder umgekehrt. Von daher hat es in all den Jahren der deutschen Teilung immer eine Evangelische Kirche in Deutschland gegeben, deren Landeskirchen sich allerdings seit 1969 in zwei verschiedenen, an den Staatsgrenzen orientierten Kirchenbünden organisierten. Doch eben diese organisatorische Trennung wurde in dem besagten Gutachten, wenn auch kirchenjuristisch verbrämt, um die DDR-Bischöfe nicht zu desavouieren, für nicht rechtens erklärt – gleichwohl der Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR in der Ökumene weltweite Anerkennung genossen hatte. An der Reaktivierung der ursprünglichen EKD-Mitgliedschaft schien damals kein Weg vorbeizuführen. So geschah es: Im September 1990 sprach sich in Leipzig die BEK-Synode einmütig dafür aus, bis November 1991 die Tätigkeit zu beenden und die Aufgaben des DDR-Kirchenbundes auf die nunmehr gesamtdeutsche EKD zu übertragen.

Kirche vs. SED

Die Geschichte der evangelischen DDR-Kirchen ist ein Erbe, das die heutige EKD nicht annimmt. Der ostdeutsche Protestantismus der Nachkriegszeit, seine Entwicklung hin zur sich selbst nennenden „Kirche im Sozialismus“, war eine sozial- und kirchengeschichtliche Besonderheit. Der SED-Staat befand sich auf protestantischem Kernland. Hier hatte Martin Luthers Reformation 1517 ihren Anfang genommen. Die DDR war bei ihrer Gründung das einzige Land innerhalb des realsozialistischen Machtgefüges, in dem es die regierende kommunistische Partei mit einer evangelischen Mehrheitskirche zu tun bekam. Bei Luther hat die Predigt einen viel höheren Stellenwert als im Katholizismus. – Daher erklärt sich auch der hohe Anteil evangelischer Pfarrer in der am 18. März 1990 gewählten Volkskammer, 22 Abgeordnete hatten eine gültige Ordination! Der neue Regierungschef Lothar de Maizière war stellvertretender Präses der Synode des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR, wo sich auch der neue Finanzminister Romberg über viele Jahre als engagierter Laie einen Namen gemacht hatte. Reinhard Höppner, der Volkskammer-Vizepräsident, war Präses der (Landes-) 
Synode der Kirchenprovinz Sachsen; als Verteidigungsminister und Außen­minister der DDR ließen sich ebenfalls zwei ordinierte Pfarrer vereidigen. Nicht übergangen werden soll der Minister für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Vorsitzende der Koalitionspartei Deutsche Soziale Union, namentlich Hans-Wilhelm Ebeling, gleichfalls evangelischer Pastor (seine Partei und Person sind heute zurecht vergessen). – Ob das wohl der Sieg auf ganzer Linie sei, frohlockte damals Altbischof Albrecht Schönherr nicht ohne Ironie. „Bedeutet das (die) klerikale Machtergreifung in bisher nicht gekanntem Ausmaß?“ Für eine Übergangszeit fiel der Kirche in der DDR die Aufgabe zu, ein Vakuum in der politischen Sphäre auszufüllen. Pfarrer und Anwälte waren die einzigen Berufsgruppen, die in der Kunst der freien Rede geübt waren. Und das freie Wort gehört seit Demosthenes zum unbedingten Rüstzeug eines jeden Politikers.

Die evangelischen Kirchen waren der einzige gesellschaftliche Raum, in dem ein von der SED unabhängiger politischer Diskurs geführt werden konnte. Synoden, Kirchentage und Gottesdienste waren die einzigen öffentlichen Veranstaltungen, auf deren Tagesordnung der SED-Staat keinen direkten Einfluss nahm. Daher sind für den Historiker heute die evangelischen Kirchen, um ein Wort des früheren Magdeburger Bischofs Werner Krusche zu verwenden, ein wichtiger „Seismograf für die Rechte des Einzelnen“ in der DDR. Wie unter einem Brennglas bündelten sich hier die politischen Probleme eines ganzen Landes: Themen wie Mauerbau, Ausreiseverbot, Umweltverschmutzung, das nukleare Wettrüsten der beiden Militärblöcke und freilich auch die Herausbildung einer unabhängigen Friedensbewegung. Wenn auch die Staat-Kirche-Bezie­hungen die Gesamtgeschichte der DDR eher am Rande geprägt haben, so ist doch der Umbruch im Herbst ’89 wohl kaum ohne Kenntnis der DDR-Kirchen und ihrer Geschichte zu verstehen.

Der SED-Staat betrieb zu jeder Zeit eine Politik, die zum Ziel hatte, die Kirche in der Gesellschaft zurückzudrängen und als politischen Risikofaktor unter Kontrolle zu bringen. Parallel dazu aber verfolgten Partei und MfS (und mit ihnen die Räte der Bezirke und Kreise) den Versuch einer Bündnispolitik wie bei den Blockparteien. Christen sollten gewonnen werden für die aktive Mitarbeit in der sozialistischen Gesellschaft. Dieses Dilemma – Kampf gegen den Glauben bei gleichzeitiger Werbung um die Glaubenden – hat die Kirchenpolitik der SED charakterisiert.

Die Partei proklamierte für sich selbst den absoluten Wahrheitsanspruch, der mit dem Anspruch der Kirche, auf die letzten Fragen des Menschen Antwort geben zu können, konkurrierte. Kirche und Religion galten im SED-Denken als ein zu überwindender Restbestand der alten, bürgerlichen Gesellschaft, der eher früher denn später absterben sollte. Diesen Prozess galt es zu beschleunigen. Und so wurden die Kirchen in der DDR mal mehr, mal weniger adminis­trativ und ideologisch bekämpft. Wobei die SED-Ideologie quasi selbst religiöse Züge trug.

Versteht man unter Säkularisierung die Befreiung der Gesellschaft von der Religion, so hat es eine solche in der DDR eigentlich nicht gegeben. Genau genommen aber waren nicht nur die Christen irgendwann in der Minderheit, sondern auch die Marxisten. Der Konflikt von Staat und Kirche in der DDR war nicht zuletzt ein Elitenkonflikt um die Herrschaft bzw. Mitbestimmung in der Gesellschaft. In seinem Buch Gottes Volk im Sozialismus zitiert Reinhard Henkys 1983 einen damals in der DDR kursierenden Sender-Jerewan-Witz: Auf die Frage, ob man eigentlich gleichzeitig Kommunist und Christ sein könne, heißt die Antwort: „Im Prinzip ja, aber warum sich das Leben doppelt schwer machen.“ Und so spricht einiges dafür, dass der heutige Atheismus in der ostdeutschen Mehrheitsgesellschaft nicht nur auf die repressive SED-Kirchenpolitik zurückzuführen ist. Die Menschen in Ostdeutschland glauben einfach niemandem mehr.

Immerhin aber hat die DDR-Regie­rung bis zum Schluss Staats­leistungen an die Kirche gezahlt (1989: 18 Millionen DDR-Mark). Christen wurden benachteiligt, vor allem in ihren Bildungs- und beruflichen Aufstiegschancen, aber sie wurden nicht verfolgt, wie es bisweilen heute Journalisten und verbitterte Ex-Bürgerrechtler den Westdeutschen weismachen wollen.

Sand und Motor im Getriebe

Die evangelische Kirche der DDR war, wie es einmal der damalige Oberkirchenrat Manfred Stolpe formulierte, weder „Transmissionsriemen der Partei noch ein Trojanisches Pferd der Konterrevolution“. Die acht selbstständigen evangelischen Landeskirchen waren Sand im Getriebe des SED-Staats – aber auch dessen (Ersatz-)Motor: In den Jahren von 1957 bis 1990 wurden über die Konten der westdeutschen evangelischen Kirchen immerhin geschätzte 8,5 Milliarden DM in die DDR transferiert. Die evangelische Kirche war für den DDR-Staat eine der wichtigsten Devisenquellen. Etwa 50 Prozent des kirchlichen Gesamthaushalts wurde von den Westkirchen finanziert. Dank kirchlicher Transfergeschäfte war die DDR zu jeder Zeit in der Lage, auf dem Weltmarkt einzukaufen. Aus Sicht der SED-Führung war die Kirche nicht nur ein Fremdkörper in der sogenannten entwickelten sozialistischen Gesellschaft – die Kirche hatte auch eine Scharnierfunktion: Ohne ihre Vermittlung hätte es Häftlingsfreikäufe seitens der Bundesrepublik in diesem Umfang nicht geben können: Zwischen 1964 und 1990 verdiente die DDR mit dem Menschenhandel (um nichts anderes handelte es sich) 3,4 Milliarden DM.

Fragt man nach der Bedeutung der DDR-Kirchen für die Entwicklung der DDR-Opposition, die in ihren Räumen entstand, stößt man auf das Paradoxon, dass die „Kirche im Sozialismus“ selbst nie Opposition sein wollte, gleichwohl aber die einzige gesellschaftlich relevante Institution darstellte, die sich dem SED-Allmachtsanspruch entzog und sich immer wieder öffentlich zu Wort meldete und in bedeutenden Fragen zur Resistenz aufrief. Mag sein: Nach dem Mauerbau 1961 hatten die Repräsentanten des ostdeutschen Protestantismus damit begonnen, den DDR-Staat nach und nach zu akzeptieren. Dennoch übten die Kirchen auch weiterhin Kritik am Staatswesen und an der Politik der SED-Führung, jedoch hatten diese Wortmeldungen nicht mehr den Charakter einer Grundsatzkritik, stattdessen richteten sie sich gegen einzelne Maßnahmen von Staat und Partei. Eine fundamentale Kritik von Seiten der DDR-Kirchen, etwa am Mauerbau oder am Strafvollzug, sollte bis zum Ende des SED-Staates unterbleiben. Seit 1958 hatte es keinen öffentlichen Widerspruch mehr an den Wahlen im sogenannten Demokratischen Block gegeben und schon gar nicht an den jedermann bekannten Praktiken des Ministeriums für Staatssicherheit. Interessant hierzu das Resümee des Magdeburger Altbischofs Werner Krusche 1991 auf der letzten Tagung des DDR-Kirchenbundes: „Ob man den Vorwurf, man habe geschwiegen, nicht am besten kontert mit der Behauptung, die anderen hätten geplaudert?“

Nun ja, „geplaudert“ haben auch einige Kirchenleute. Die späteren Enthüllungen über die Zusammen­arbeit einiger mit dem MfS, erinnert sei nur an die Stolpe-Affäre, überschattet bis heute das eigentliche historische Verdienst der evangelischen DDR-Kirchen: Sie haben ihre Türen weit geöffnet für die Mühseligen und Beladenen – für Behinderte, Punks, „Gammler“, Homosexuelle und nicht zuletzt für die Antragsteller: Die überwiegende Zahl der Ausreisewilligen sah sich vom Staat den verschiedensten Schikanen ausgesetzt. Ohne zu wissen, wann und ob der Ausreiseantrag bearbeitet wurde, hatten diese Menschen mit der Antragsstellung ihre Arbeit verloren und sahen sich in ihrer sozialen Existenz bedroht. Ein nicht geringer Teil dieser Leute fand im kirchlichen Bereich Zuflucht, arbeitete auf Friedhöfen, in der Diakonie oder in kirchlichen Archiven.

Alles in allem stellt die evangelische Kirche der DDR ein historisches Phänomen dar: eine an Mitgliedern schrumpfende Kirche, die keine Macht, aber großen gesellschaftlichen Einfluss hatte. Im Sinne Bonhoeffers war sie eine „Kirche für andere“. Aber das ist lange her.