Prisma | Veröffentlicht in MIZ 2/18 | Written by Daniela Wakonigg

Ketzertag Münster 2018 – 
die Alternative zum Katholikentag

Die kirchen- und religionskritische Veranstaltungsreihe Ketzertag Münster 2018 fand vom 9. bis 12. Mai 2018 parallel zum 101. Deut­schen Katholikentag im westfälschen Münster statt. Der Ketzertag stand unter dem Motto „Suche Streit – Für eine vernünftige Streit­kultur“, während sich der Katholikentag das Motto „Suche Frieden“ auf sein Banner geschrieben hatte.

Bereits seit Jahren beschäftigte der Ka­tholikentag die Stadt Münster. 2014 hatte sein Veranstalter, das Zentralkomitee der Deutschen Katholiken (ZdK), bei der Stadt einen Antrag über einen Barzuschuss von 1,5 Millionen Euro eingereicht (siehe MIZ 2/17). Dank der Zusammenarbeit des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) vor Ort mit der Aktionsgruppe Das 11. Gebot: Du sollst deinen Kirchentag selbst bezahlen! der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs) war es damals gelungen, die Öffentlichkeit für die saftige Zuschussforderung des ZdK zu interessieren und in Münster eine Diskussion über die städtische Mit-Finanzierung des Katholikentags anzustoßen. Das Ergebnis: Statt der beantragten 1,5 Millionen Euro in bar bewilligte der Rat lediglich knapp 700.000 Euro an Sachleistungen. Das war ein riesiger Erfolg für die säkulare Sache, denn bislang hatten Städte den Kirchentagsveranstaltern ihre geforderten Zuschüsse immer unhinterfragt und ungekürzt zukommen lassen.

Nach dieser Vorgeschichte war es klar, dass die säkularen Kräfte in Münster den Katholikentag als Event nicht unkommentiert vorüberziehen lassen konnten. Auf Initiative der IBKA-Regionalbeauftragten für das Münsterland, Daniela Wakonigg, begannen deshalb vor über einem Jahr die Planungen für eine kirchen- und religionskritische Gegenveranstaltungsreihe: den Ketzertag – zu gleichen Teilen finanziert vom IBKA e.V. und der gbs.

Das Motto des Ketzertags „Suche Streit“ war hierbei eine direkte Reaktion auf das von gewaltiger Chuzpe zeugende Motto des Katholikentags „Suche Frieden“. Dieses Motto wurde vom Kirchentagsveranstalter nämlich mit Hinweis darauf gewählt, dass es sich beim Veranstaltungsort Münster um eine der beiden Städte handelt, in der der Westfälische Friede geschlossen wurde, der den Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) beendete. Ein Jubiläumsjahr also für den Westfälischen Frieden ebenso wie für das Ende des Ersten Weltkriegs (1914-1918). Kein Wort davon, dass der Dreißigjährige Krieg zu einem nicht unbedeutendem Anteil auch ein Konfessionskrieg war, von der Religion geschürt. Kein Wort von den christlichen Waffensegnungen und den christlichen Kriegstreibern auf den Kanzeln, die die Soldaten unterschiedlicher Nationen im Ersten Weltkrieg aufeinander hetzten. Stattdessen das Motto „Suche Frieden“, das suggeriert, die Friedenssuche sei eine Kernkompetenz von Religion im Allgemeinen und Christentum im Besonderen.

Doch natürlich war es nicht nur das Motto des Katholikentags, sondern auch dessen Finanzierungspraxis und all das, für das er steht, über das beim Ketzertag in zwei Veranstaltungen pro Abend vom 9. bis 12. Mai gestritten wurde: Maximilian Steinhaus, IBKA-Regionalbeauftragter Sachsen und Pressesprecher der gbs-Aktions­gruppe Das 11. Gebot referierte über die öffentliche Finanzierung von Kirchentagen. Johann-Albrecht Haupt, Jurist und Kirchenfinanz-Experte der Humanistischen Union sprach über Staatskirchenleistungen. Die ehemalige SPD-Spitzenpolitikerin Ingrid Matthäus-Maier, Sprecherin der von IBKA und gbs getragenen Kampagne GerDiA – Gegen religiöse Diskriminierung am Arbeitsplatz informierte das Pub­likum über die Privilegien von Kirchen und kirchlichen Arbeitgebern im Bereich des Arbeitsrechts. Hartmut Zinser, emeritierter Professor für Reli­gionswissenschaften, widmete sich der Frage, inwieweit es einen Zusam­menhang von Religion und Krieg gibt. Der Wissenschaftsjournalist Rüdiger Vaas klärte über genetische und hirnphysiologische Hintergründe von Religiosität auf. Bestsellerautor Philipp Möller las aus seinem Buch Gottlos glücklich und und gbs-Vorstandssprecher Michael Schmidt-Salomon stellte schließlich die Frage, ob der heutige Mensch überhaupt noch Religion braucht. Auch für unterhaltsame Religionskritik war gesorgt durch das Bühnenprogramm des österreichischen Kabarettisten Günther „Gunkl“ Paal und den „Abschlussgottesdienst“ des Ketzertags – eine Nudelmesse der Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters Deutschland e.V.

Da sich bereits im Vorfeld des Ketzertags in den sozialen Medien und bei Werbeaktionen in der Stadt ein enormes Interesse an der Veranstaltungsreihe abzeichnete, welchem der Veranstaltungsraum nicht gewachsen sein würde, wurde kurzfristig eine Übertragung der Veranstaltungen per Stream ins Internet organisiert sowie eine Übertragung ins Foyer des Veranstaltungsortes und ins Hinterzimmer einer benachbarten Gaststätte. Eine logistische Höchstleistung, die nur Dank des enormen Einsatzes aller Beteiligten realisiert werden konnte. Die erfolgte Live-Übertragung ins Internet bietet zudem den Vorteil, dass die meisten Veranstaltungen des Ketzertags auch nachträglich über die Seite www.ketzertag.de angesehen werden können.

Neben dem Ketzertag war während des Katholikentags auch erneut die gbs-Aktionsgruppe Das 11. Gebot: Du sollst deinen Kirchentag selbst bezahlen! vor Ort. Ferner gab es in der Innenstadt einen säkularen Informationsstand des IBKA, der hauptsächlich von Helfern der befreundeten säkularen Initiative Religionsfrei im Revier aus Bochum betreut wurde. Der Ketzertag, das 11. Gebot sowie der säkulare Infostand erfuhren bei der Straßenarbeit ein erstaunlich positives Feedback. Nicht-religiöse Münsteranerinnen und Münsteraner reagierten mit begeisterter Erleichterung darauf, dass dem „Katholikentags-Wahnsinn“ (Original­zitat eines Passanten) etwas entgegengesetzt wird.

Bedauerlicherweise fanden neben den von IBKA und gbs organisierten Veranstaltungen in Münster während des Katholikentags keine weiteren kirchen- und religionskritischen Veranstaltungen statt. Die progressiven linken Kreise in Münster, von denen eine solche Kritik zu erhoffen gewesen wäre, bündelten stattdessen ihre gesamten Kräfte darin, eine Großdemonstration gegen den Auftritt eines AfD-Politikers auf einem der Katholikentags-Podien zu organisieren sowie den alternativen Katholikentag plus zu unterstützen – eine innerchristliche Kritik am Mainstream-Katholikentag, der seine Schwerpunkte auf Befreiungstheologie und eine religiöse Reform des Katho­lizismus setzte.

Interessanterweise spiegelte sich in der Berichterstattung der Medien nicht wider, dass der Katholikentag in der Bevölkerung Münsters eher distanziert aufgenommen wurde, so manche sogar in einen Kurzurlaub flohen. Über den als kritischen Gegenpol konzipierten Ketzertag wurde meist dezent geschwiegen, eine inhaltliche Konfrontation wie jenes vom Deutschlandfunk angesetzte Streitgespräch zwischen einer Organisatorin der Veranstaltungsreihe und einem katholischen Theologen über religiöse Symbole in Schulen blieb die absolut Ausnahme. Die meisten Medien hatten sich offenbar das Katholikentagsmotto zu eigen und ihren Frieden mit den herrschenden Zuständen gemacht. Beim Uni-Radio und studentischen Magazinen hingegen stieß der kritische Ansatz auf reges Interesse.