Schwerpunktthema | Veröffentlicht in MIZ 3/20 | Written by Jana Steinhaus

Jana Steinhaus zur Generationenfrage

MIZ: Sie gehören zu der Generation, die nicht mehr in der DDR, sondern mit dem Transformationsprozess aufgewachsen ist. Wie haben Sie den Wandel wahrgenommen? Was waren einschneidende Erfahrungen?

Jana Steinhaus: Ich war neun Jahre alt. Ich habe mich gewundert, als plötzlich von einem anderen Deutschland die Rede war. Den Umbruch haben wir Kinder schließlich deutlich gespürt: Es machte sich eine Spannung unter den Erwachsenen breit – und die färbte auf uns ab. Spannung kann positiv oder negativ sein, und diese beiden Richtungen durchzogen den Alltag: In der Schule begann für die Hälfte von uns der Englischunterricht. Ein Schulfreund brachte Stifte in die Schule mit, die toll nach Erdbeeren rochen. Bei unserem ersten Westbesuch gab es ein Micky-Maus-Heft, so toll! Die Schokolade schmeckte besser.

Wessen Elternhaus von diesem „arbeitslos“ betroffen war, verdiente Mitleid. Leute, die vorher eine bedeutende Stellung hatten, waren plötzlich nicht mehr so wichtig. Die Erwachsenen waren mit sich beschäftigt. Wir Kinder und später Teenager merkten, dass wir unseren Platz suchen mussten. Aber muss das nicht jede Generation?

MIZ: Wie und wann haben Sie den Status quo der Trennung von Staat und Kirche im geeinten Deutschland wahrgenommen? Was war(en) Auslöser für Ihr Engagement?

Jana Steinhaus: Die ersten 15 Jahre nach der Wende war ich davon ausgegangen, dass wir in einem Staat leben, der die Religion weitestgehend hinter sich gelassen hat. Ich wuchs in einem konfessionsfreien Umfeld auf und schloss daraus auf den Rest der Welt: Der Glaube an Gott ist ein Phänomen aus der Antike und dem Mittelalter.

Ich war faszi­niert, als ich mich 2003 mit zwei Ame­rikanern befreun­dete: Freikirchler, die zu Missions­zwe
cken hergezogen waren. In abendfüllenden Gesprächen lebten wir die Faszination füreinander aus: Sie glaubten das wirklich, was in dem Märchenbuch stand. Und ich glaubte es wirklich nicht – obwohl es doch da stand!

Ich wurde jedoch über ihre „Ar­beit“ hier zunehmend skeptischer. Ins­besondere als ich beobachtete, wie Teenager plötzlich „Zeugnis ablegten“ und wie Menschen in persönlichen Notsituationen wie Trennung oder Krankheit dort aufgenommen wurden. Ein Freund, bei dem ich mich oft darüber ausließ, sagte mir schließlich: „Das beschäftigt dich offensichtlich. Es wird Zeit, dass du Stellung beziehst.“ Das war Phase 1.

Phase 2 begann, als ich 2006 auf der Titelseite unserer Lokalzeitung den Siegerentwurf für die das neue zentrale Universitätsgebäude der Stadt 
Leipzig entdeckte: Es sah aus wie ein Kirchenbau! Ich war empört. In der Auseinandersetzung mit diesem Thema wurde mir klar, dass ich einem großen Irrtum aufgesessen war: Dass das zentrale Gebäude der Leipziger Universität wie eine Kirche aussehen sollte, war nicht der Naivität der Verantwortlichen geschuldet, sondern zog lange und hässliche Fäden bis tief in die Sächsische Politik. Seit 2006 kocht in Leipzig ein Streit nach dem anderen um dieses Gebäude. Dieser Kirchennachbau hat aus mir schlussendlich eine politische Atheistin gemacht: Herzlichen Glückwunsch.

MIZ: Das Selbstbestimmungsrecht und die Rolle von Frauen in der Gesellschaft waren im Vergleich DDR / BRD unterschiedlich. Ist das bis heute spürbar? Welchen Einfluss hat dies auf Ihr Leben gehabt?

Jana Steinhaus: Als Teenager war ich kein großer Fan von Alice Schwarzer. Ich habe mich oft gefragt: Soll das echt ein Problem sein? Wir Frauen können doch studieren und die Berufe ergreifen, die wir wollen. Wir haben die Pille und wir können Schwangerschaften abbrechen. Die Männer sind doch keine Chauvinisten, die sich gegen Frauen verschwören und ihnen respektlos entgegentreten. Wo ist das Problem?

Ich profitiere noch von dem aufgebauten Selbstverständnis hier: 2006 hatte ich einen Schwangerschaftsabbruch: Terminvergabe ohne Schwierigkeiten. Keine peinlichen Fragen oder Nöti­gungen in der Pflichtberatung. Keine Demo vor der Klinik.

Ich habe mein Leben immer mit voller Arbeit und voller Selbstbestimmung geplant. Wir haben heute einen Sohn, der ohne Probleme neun Stunden in die Kita gehen kann. Ich staune, dass das nicht überall in Deutschland flächendeckend möglich ist und dass ein Partner – meist die Frau – nicht die Wahl hat.

Ich bin überzeugt, die Ostdeutsche Frau war und ist progressiver als die Westdeutsche Frau. Und damit auch der Ostdeutsche Mann in seinem Rollen­verständnis als Partner und Vater. Den­noch fällt ja auf, dass vor 89 sowohl im Staatsapparat als auch an den Spitzen der Betriebe Frauen rar bis gar nicht vorhanden waren: Trotz kurzer Babypausen. Heute verstehe ich viel von dem, was Frau Schwarzer meinte. Dennoch ist der Ostdeutsche Feminismus ein anderer. Ich frage mich: Wie hätte es sich zwischen 89 und heute weiterentwickelt?