Allgemeines | Veröffentlicht in MIZ 1/15 | Written by Gunnar Schedel

Irgendwie gesund

Wer einmal an irgendeinem Wallfahrts­ort war, kennt das Bild: In einer Kapelle hängen Tafeln an der Wand, die der Heiligen Jungfrau Maria oder irgendeinem Heiligen für die Genesung von irgendeinem Leiden danken. Das Beten muss wohl irgendwie geholfen haben. Wer’s glaubt, wird geheilt…

Natürlich fällt auf, dass die Schilder älteren Datums in der Regel deutlich in der Überzahl sind. Der Glaube an Wunderheilung durch Gebete hat auch unter frommen Christen (zumindest im deutschen Sprachraum) erkennbar abgenommen. Nach wie vor weit verbreitet ist hingegen die Vorstellung, dass religiöser Glaube an sich irgendwie eine gesundheitsfördernde Wirkung habe.

Tatsächlich gibt es Studien, denen zu entnehmen ist, dass religiöse Menschen gesünder sind als der Durchschnitt der Bevölkerung. Allerdings stellt sich hier immer die Frage, ob dies tatsächlich auf den Glauben oder irgendeine religiöse Praxis wie Beten zurückzuführen ist oder ob nicht Ko-Faktoren ursächlich dafür sind. Denn häufig unterscheiden sich vor allem stark religiöse Menschen in ihrem Lebensstil von der Gesellschaft, in der sie leben. Carsten Frerk geht in seinem Beitrag auf dieses Phänomen ebenso ein wie David Klemperer im Interview mit Nicole Thies. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass ein gesunder Lebenswandel und ein stabiles soziales Umfeld der Gesundheit zuträglich sind – ob die Menschen nebenher den Rosenkranz beten oder Bücher von Richard Dawkins lesen, ist da eher nebensächlich.

Andererseits lässt sich sehr wohl ein negativer Zusammenhang zwischen religiösem Glauben und Gesundheit durch zahlreiche Beispiele aus der Geschichte belegen. Denn die starke Abneigung vieler Religionen gegen wissenschaftliche Forschung, vor allem gegen die Untersuchung des menschlichen Körpers, hat ganz allgemein den Erkenntnisfortschritt in der Medizin gebremst und Gläubige immer wieder dazu veranlasst, auf eine Behandlung, die ihnen hätte helfen können, zu verzichten.

Am Beispiel der Impfung zeigt sich,
dass das Problem bis heute fortbesteht.
Als diese neue Möglichkeit, eine Erkran­kung zu verhindern, zu Beginn des 19. Jahrhunderts zunehmend Anwendung fand, bestärkten die Ortspfarrer häufig die Landbevölkerung in ihrer Ab­lehnung. Auch Papst Leo XII. trat vehement gegen die Pockenimpfung auf. Die Pocken seien als eine von Gott gegebene Krankheit zu sehen und die Impfung insofern als Eingriff in die göttliche Vorsehung, eine Herausforderung Got­tes. Da bei Pocken die Sterblichkeit bei
etwa 30% liegt, war es damals nicht ganz ungefährlich, kirchentreuer Ka­tholik zu sein.

Auch heute noch spielt bei der Ab­lehnung von Impfungen religiöser Glaube eine Rolle. Die beiden großen christlichen Kirchen haben ihre Einschätzung in dieser Frage mittlerweile zwar geändert, in Afrika und Asien aber sind es häufig muslimische Bevölkerungsteile, die Impfungen grundsätzlich ablehnen.1

In Europa wird die sog. Impfkritik bis heute ganz wesentlich von den Anthro­posophen getragen. Auch hier machen sich die Einwände daran fest, dass die Impfung ein menschlicher Eingriff sei. Da das Durchleben von Krankheiten von Rudolf Steiner als wichtig für die Entwicklung eines Kindes angesehen wurde, meinen seine Änhänger, dass geimpften Kindern die Chance genommen werde, die fördernde Wirkung der Krankheitsüberwindung zu durchleben.2

Nun ist Steiner nicht nur seit 90 Jah­ren tot, sein medizinisches Wissen war damals bereits nicht auf der Höhe der Zeit, war eher aus dem Fundus esoterischer Phantasien geschöpft als an damaliger Forschung orientiert. Insofern wählen Mediziner, die auf der Grundlage der „Anthroposophischen Medizin“ behandeln, ihre Formulierungen sehr berech­nend, wenn sie Zweifel daran streuen wollen, dass Impfungen sinnvoll sind. So lässt der Dachverband Anthroposophische Medizin zur Debatte um die Masern­impfung verlauten:

„Vor diesem Hintergrund steht die Anthroposophische Medizin standardisierten Impfvorgaben kritisch gegenüber und empfiehlt stattdessen, eine Impfentscheidung immer vom individuellen Risiko (Alter, Gesundheitszustand, mögliche Unverträglichkeit etc.) abhängig zu machen – also eine so genannte ‘risikoadjustierte’ Entscheidung zu fällen.“

Rhetorisch geschickt wird sugge
riert, es handele sich um eine Frage
der Selbstbestimmung: „Anthroposo­phische Ärztinnen und Ärzte sind nicht gegen Impfungen. Sie sind aber für die Respektierung der individuellen elterlichen Impfentscheidung.“ Argumente für eine Impfung von Kleinkindern gegen Masern finden sich in der Stellungnahme jedoch nicht und es darf bezweifelt werden, dass sie im individuellen Beratungsgespräch eine große Rolle spielen. Dafür wird auf ein vermeintliches Problem hingewiesen: „Leider fehlen Untersuchungen über langfristige Impfauswirkungen und die Nachhaltigkeit von Impfprogrammen weiterhin fast vollständig.“

Nur an einer Stelle scheint durch, dass hier weniger medizinischer Sach
verstand die Feder geführt hat denn religiöse Verblendung: „Kinderkrankheiten sind vor allem dann problematisch, wenn sie zum falschen Zeitpunkt, also entweder zu früh oder zu spät auftreten.“3 Eine Aussage, die angesichts einer immer noch sechsstelligen Zahl an Todesfällen nach Masernerkrankungen (vor allem auf der südlichen Halbkugel) durch nichts zu rechtfertigen ist.

Aber halt! Was lese ich da auf der
Webseite des Dachverbands: Waldorf­schüler sind gesünder. Dann macht angewandte Anthroposophie also doch gesund. Irgendwie.

Anmerkungen

1 Harro Albrecht: Billigmedizin, in: Die Zeit, 14.8.2009, http://www.zeit.de/2009/34/Kommentar-Polio-Impfung (Zugriff 7.4.2015).
2 Vgl. Dittmar Graf / Christoph Lammers (Hrsg.): Anders heilen? Wo die Alternativ­medizin irrt. Aschaffenburg 2015, S. 34 f.
3 Alle Zitate aus der Pressemitteilung des Dachverbands Anthroposophische Medizin in Deutschland vom 5.7.2013. In der aktuellen Debatte werden die Argumente im Wesentlichen unverändert wiederholt.
http://www.damid.de/presse-und-termine/pressemitteilungen/pressemitteilungen-archiv/72-pressemitteilungen-2013/475-debatte-um-die-masern-impfung.html (Zugriff 7.4.2015).