Schwerpunktthema | Veröffentlicht in MIZ 3/20 | Written by Horst Groschopp

Horst Groschopp 
zur Feierkultur, zu Religion und Säkularisierungsprozessen

MIZ: In der DDR füllten säkulare Riten und nichtkirchliche Feierkultur – wie die Jugendweihe – soziale Räume, die 
in der BRD der Bonner Republik Kirchen einnahmen. Nach der Wiedervereini­gung nahm sich unter anderem der Humanistische Verband Deutschland (HVD) dieser Lücke an. Welche Bilanz ziehen Sie? Wie erfolgreich und wie nachhaltig haben sich die Verbände in den ostdeutschen Bundesländern etablieren können?

Horst Groschopp: Das sind mehrere Themen. 1. Das alles ist als historischer Prozess zu sehen. Es gab nach wie vor kirchliche Rituale, wie es umgekehrt in Westdeutschland freidenkerische Fes
te und Feiern gab. Beide Staaten entwickelten sich hier 
konträr. 2. Eine Wie
dervereinigung gab es nicht, sondern den Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes. Dem Einigungsvertrag (sprich Kapitu­lationsabkommen) ging nicht nur der eine Partner, der etwas hätte einklagen können, verloren, sondern die „Sieger der Geschichte“ rackern sich seit 30 Jahren damit ab, den Staat DDR zu delegitimieren. 3. Im Einigungsvertrag heißt es, die „kulturelle Substanz“ der DDR solle erhalten bleiben. „Substanz“ ist dehnbar, besonders wenn Punkt 2 meiner Antwort zur Anwendung kommt. 4. Die Ansicht, dass sich der HVD einer Lücke angenommen habe, kann ich nicht teilen; Kultur ist viel umfangreicher; das überschätzt, bei allen Leistungen des HVD in Berlin und Umland, allein schon das regionale Vermögen. Es unterschätzt die Rolle von Jugendweihe e.V. im Osten und inzwischen auch im Westen. Große Bereiche kommen gar nicht ins Blickfeld, etwa die Begrüßungsfeiern Neugeborener und die Bestattungskultur. Erstaunlich ist hier die fortdauernde humanistische Tendenz, ganz ohne Hinzutun entsprechender Verbände. 5. Verbände in Ostdeutschland? Fehlanzeige, ausgenommen die Genannten. Die Frage ist doch: Wieso nimmt die Kirchen­mitgliedschaft im Osten weiter ab, ganz ohne diese Verbände. Sind beide nicht mehr „systemrelevant“?

MIZ: Wie haben sich die Einstellungen bzw. wie hat sich die Wahrnehmung zu Themen Religion und Religionskritik von Ostdeutschen im Vergleich zu Westdeutschen mit dem postsozialistischen Transformationsprozess Ihrer Meinung verändert?

Horst Groschopp: Das ist erneut ein ganzes Bündel an Fragen, das sich aber leicht beantworten lässt, denn das ist wenig bis nicht untersucht, außer in einigen Kirchenmitglied­schaftsstudien, die im Nebeneffekt nach „Konfessionsfreien“ fragen. Es gibt 
hervorragende Studien von Gärtner, Pickel, Pollack, Wohlrab-Sahr und anderen über Atheismus und religiöse Indifferenz oder dazu, dass die Religion nicht zurückkehrt, doch fast nichts dazu, was das für Feste, Feiern, Alltags­rituale usw. bedeutet, außer vielleicht vom christlichen „Rufer in der Wüste“ Andreas Fincke.

MIZ: Welche Spuren der DDR im ostdeutschen Säkularisierungsprozess sind besonders hervorzuheben, weil sie bis heute nachwirken?

Horst Groschopp: Eigentlich ist diese Frage mit den Antworten auf die vorigen erledigt, wäre da nicht die These vom „ostdeutschen Säkularisie­rungsprozess“. Das „Besondere“ läuft immer darauf hinaus, es sei die Diktatur hauptsächlich verantwortlich dafür gewesen und der Westen könne hier nichts lernen. Ich möchte deshalb auf zwei Eigentümlichkeiten hinweisen. 1. Es ging in der DDR nicht um Säkularisierungen, sondern um „Ersatz“ kirchlicher Kultur durch eine andere mit dem Ziel „sozialistischer Persönlichkeiten“ und begründet mit viel Humanismus. Ulbricht & Co. setzten um, was sie meinten, in der Frei­denkerei gelernt zu haben (was die Russen und andere gar nicht kannten) und viele ehemalige Sozialdemokraten in der SED hatten hier ein Tätigkeitsfeld, auch im Bildungswesen, Stichwort „weltliche Schule“. Es geht also um Gesamtdeutsches aus der Geschichte und um das, was in der Bundesrepublik im Kontrast zur DDR als kulturfeindlich zu gelten hatte und bis heute so gilt. Oder warum wurden die hehren freidenkerischen Ziele im Westen weitgehend „vergessen“? 2. Es gibt nun neuerdings einige nachdenkliche Studien, ich verweise auf Engler, Hensel und Köpping sowie in meiner Reihe Humanismusperspektiven auf Busch, die sprechen von den Ostdeutschen als Avantgarde, gerade in Sachen Religion: Sie kommen ohne aus, müssen dies aber nicht andauernd betonen. Vor allem, was heißt das in der Einschätzung der DDR-Kultur? Können Freidenker weiterhin die Ergebnisse begrüßen, aber das, was in der DDR sozial- und kulturpolitisch geschah, verurteilen? Wie jede Gesellschaft, so war auch die in der DDR ambivalent.