Allgemeines | Veröffentlicht in MIZ 2/20 | Written by Christoph Lammers

Homo homini lupus

Die Infektionskrankheit COVID-19 hat die Gesellschaft und das Zusammen­leben der Menschen nachhaltig verändert – und das sowohl auf lokaler als auch auf globaler Ebene. Kein Bereich unseres Lebens ist davon ausgenommen. Wirtschaft, Politik, Kultur sind ebenso von den Auswirkungen betroffen wie die Bereiche Bildung und Care-Arbeit.

Dass es in der Gesellschaft brodelt, ist nicht zuletzt durch die mit dem Shutdown einhergehenden harten Einschnitte und politischen Maß­nahmen offensichtlich geworden. Insofern ist es nicht von der Hand zu weisen, dass die Pandemie Konflikte hochspült, die bislang überdeckt wurden, jetzt aber zutage treten.

Die Gesellschaft sieht sich aktuell mit verschiedenen Herausforderungen konfrontiert. Ob zum Guten oder, wie man derzeit befürchten muss, eher zum Schlechten, wird sich zeigen müssen. Fest steht, dass es gerade aus humanistischer, rationaler Perspektive dringend geboten ist, sich in die laufenden Debatten einzumischen und bezüglich der sich abzeichnenden Entwicklungen Position zu beziehen.

Da ist zum einen die Religion als Superspreader der Pandemie und die massive Zunahme an Verschwörungstheorien. Damit geht zum zweiten die wachsende Skepsis gegenüber der (Natur-)Wissenschaft und eine offen zutage tretende Wissenschaftsfeindlichkeit einher. Begleitet werden diese beiden Phänomene zum dritten von dem Erstarken autoritärer (antidemokratischer, antifeministischer, antisemitischer und national-konservativer) Strömungen auf der ganzen Welt, die sich diese Entwicklungen zu eigen machen.

Werfen wir zunächst einen Blick auf die Religiotie dieser Welt. Dass sich die Religion als Brandbeschleuniger erwiesen hat, bestätigt sich seit Wochen und Monaten immer wieder. Diese, sich zu regionalen und überregionalen Superspreadern entwickelnden Versammlungen, waren im Hinblick auf die Eindämmung und Bekämpfung des Virus fatal. Dennoch wurde in Deutschland frühzeitig die Diskussion angestoßen, die Gottesdienste wieder zuzulassen, seien diese doch „systemrelevant“ (Thomas Sternberg, ZdK).1 Wohlgemerkt, nicht Kitas, Schulen oder Pflegeeinrichtungen standen im Blickpunkt – der Schutz von Kindern und Frauen vor häuslicher Gewalt ganz zu schweigen – sondern Religionsgemeinschaften und das Ermöglichen religiöser Veranstal­tun­gen. Ein Armutszeugnis ohne Frage.

Diese nicht enden wollende Verquickung von Politik und Religion, auf die Frank Welker in seinem Beitrag näher eingeht, stellt nur ein Problem dieser Krise dar. Ein anderes Problem sind die vielen Verschwörungstheorien rund um COVID-19. Bill Gates, Roth­schild, 5G, Impf-Diktatur sind nur einige wenige Stichworte, die in diesem Zusammenhang immer wieder fallen und die in dem Beitrag von Bernd Harder näher beleuchtet werden. Für Verschwörungstheoretiker_innen ist das Virus und die Pandemie eine ein­malige Gelegenheit, ihre kruden Welt­deutungen unter das verunsicherte Volk zu bringen.

Auch die Wissenschaft, allen voran die Vertreter_innen der Medizin, bekamen nach und nach die Wut vieler Bürger_innen zu spüren. Während zu Beginn der Krise Mediziner_innen wie der Virologe Christian Drosten omnipräsent und gefragt waren, wurde ihnen im Laufe der Zeit vorgeworfen, politische Entscheidungen zu ihren Gunsten herbeizuführen und von den Maßnahmen (finanziell) zu profitieren. Zudem wurde Kritik an der Tragfähigkeit ihrer Aussagen laut, was zur Verunsicherung in der Öffentlichkeit führte.

Den Politiker_innen kam die Ver­schiebung der Kritik, weg von der Politik hin zur Wissenschaft, mehr als gelegen. Überlagerten diese Dis­kussionen das eigene politische Versagen, das weit vor der Pandemie lag – Stichwort Gesundheitsversorgung und Prävention. Mit Drosten und Kol­leg_innen hatte man die perfekten Sündenböcke gefunden.

Und die Kritik an der Tragfähigkeit wissenschaftlicher Studien läuft deshalb ins Leere, weil die Wissenschaft, im Gegensatz zur Religion, keine endgültigen Aussagen trifft. Das macht den Umgang mit der Pandemie keinesfalls einfacher, dessen bin ich mir bewusst. Aber die Kritik an der Wissenschaft bestärkt Verschwörungstheoretiker_innen in ihren Annahmen und ermöglicht es Autokraten, ihre politische Agenda durchzusetzen und das gesellschaftliche Klima zu vergiften.

Damit kommen wir zum letzten der drei angesprochenen Punkte, dem Wachsen autoritärer Strukturen in Krisenzeiten. Ob nun Bolsonaro, Erdogan, Putin oder Trump. Profiteure dieser Krise sind die Autokraten der Welt. Sie bedienen sich verschiedenster Verschwörungstheorien, um ihre Interessen durchzusetzen. Sie betreiben Raubbau, sowohl an den Ressourcen der Erde als auch an der demokratischen Gesellschaft, und forcieren so den Niedergang der Demokratie.

Doch es sind nicht nur diese Autokraten, die zur Gefahr des Menschen geworden sind. Es ist der Mensch selbst, der zur Gefahr für sich selbst geworden ist. Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf – homo homini lupus. Die rücksichtslose Ausbeutung der Um- und Mitwelt durch den Menschen, die zugleich zu einer Gefahr für den Menschen selbst geworden ist, steht im Mittelpunkt des Beitrages von Daniela Wakonigg.

Allein dieser kurze Aufriss zeigt die Dimension der verschiedenen Problematiken, mit denen wir uns in den nächsten Jahren zu beschäftigen haben. Selbstverständlich können in diesem Heft nicht alle Aspekte beleuchtet werden. Dennoch möchten wir Sie, liebe Leser_innen, dazu einladen, den rationalen Blick zu schärfen.

Die Corona-Pandemie hat das Po­tential, bisherige (Fehl)Entwicklun­gen kritisch zu hinterfragen und Veränderungen anzustoßen, nicht nur im Hinblick auf die anhaltende Klima­schutz-Diskussion. Die Gefahr ist, und das zeigen die Beiträge in diesem Heft, dass die Ursuppe aus Verquickungen, Halbwahrheiten und Halbwissen überschwappt und eine gefährliche Melange bildet, welche das Potential hat, die Gesellschaft weiter zu spalten und Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte zurückzudrängen. Dies gilt es aufzuhalten. In diesem Sinne, Geschichte wird gemacht!

Anmerkung

1 Im Bundesinnenministerium wurde eigens 
eine Taskforce einberufen, um den Wün­schen der Kirchen und Religions­gemein­schaften zu entsprechen (letzter Zugriff: 7.7.2020).