Prisma | Veröffentlicht in MIZ 3/18 | Geschrieben von Wolfgang Proske

Gottgläubigkeit, Deutschgläubigkeit, 
freie Religion

Im ersten Teil dieses Artikels wurde in der letzten MIZ der Zusam­menhang zwischen „Gottgläubigkeit“ und Nationalsozialismus herausgearbeitet. Im zweiten Teil werden nun weitere Bezüge faktenorientiert und quellenbasiert offengelegt, um schließlich zu fragen, in welcher Form rechtsgerichtete und kirchenferne „Gottgläubigkeit“ heute auftritt.

Die religionspolitische Verortung der „Gottgläubigkeit“ im National­sozialis­mus zeigt, dass sich rechtes Denken mit der deutschen Geistesgeschichte bestens verbinden ließ. Zahlreiche Vorläufer der Nazis wie beispielsweise Houston Stewart Chamberlain hatten publikumswirksame Zugänge eröffnet. Die Verklärung von Kunst, Kultur und Religion als schöpferische Leistung des germanischen Geistes in Verbindung mit der Rassenlehre erwies sich für viele als unwiderstehlich. Auch die Freireligiösen, 1848 eigentlich unter republikanischen Vorzeichen begründet, standen der Rechten nach den lokalen Verboten ihrer atheistischen Flügel nahe. Ausgehend von den südwestdeutschen Freireligiösen schickten auch sie ihre Vertreter, als der Tübinger Religionswissenschaftler Jakob Wilhelm Hauer am 29./30. Juli 1933 eine koordinierende Deutsche Glaubensbewegung initiierte. Eingeladen waren religiöse und weltanschauliche Vereinigungen des rechtskonservativen Spektrums, soweit sie das Bekenntnis der Nazis zum „positiven Christentum“ (Programm der NSDAP von 1920, § 24) ablehnten. Neuester Anlass ihrer Empörung war jetzt die im Konkordat zwischen Deutschland und der römisch-katholischen Kirche gipfelnde religionspolitische Entwicklung, die sie keinesfalls gutheißen konnten. Unklar blieb allerdings bei aller Anti-Position der reale Gegenentwurf. Erst 1935 sah Hauer sich in der Lage, das deutschgläubige Bekenntnis zusammenfassend zu definieren: „Wir glauben an die Gottunmittelbarkeit des Menschen. (…) Wir glauben an das Gott-inne-sein der Welt, an die Gottgegenwärtigkeit der Geschichte. Darum wird uns die Wirklichkeit selbst zur Offenbarung. Wir glauben, dass uns Gott in dem Geschehen unseres Volkes begegnet. (…) Wir sind überzeugt, dass aus diesem Glauben eine neue germanisch-deutsche Sittlichkeit erwachsen wird.“ Doch weil er sich nach all den Unklarheiten erst 1937 für gefestigt genug hielt, um der NSDAP beizutreten, reichte es – neben der Tübinger Professur – im weiteren Verlauf innerhalb der längst aus „Alten Kämpfern“ der NSDAP gebildeten NS-Hierarchie nur noch zum ehrenamtlichen Mitarbeiter für weltanschauliche Fragen im Amt VII („Weltanschauliche Forschung und Auswertung“) des Reichssicherheitshauptamtes.

Der rechte freireligiöse Flügel, bisher nicht verboten, aber immer unter dem Damoklesschwert eines möglichen Verbotes stehend, suchte sein Heil in einer Flucht nach vorn und kollaborierte jetzt offen mit den Nazis. Der 1922 ins Amt gekommene Pfarrer der Mainzer Freireligiösen, Dr. Georg Pick, behauptete beispielsweise vollmundig eine Identität von „Gottgläubigkeit“ und „Deutschgläubigkeit“. In Verballhornung der Philosophie Hegels vertrat er die Vorstellung einer fortschreitenden Bewusstwerdung des absoluten Geistes auf dem Weg zur Vollendung durch die Etablierung der im Volkstum wurzelnden deutschen Nationalkirche. De facto wurde so die Selbstgleichschaltung dieser Freireligiösen mit dem Nationalsozialismus vollzogen. Auch der NS-nahe Carl Peter, in drei politischen Systemen hauptamtlicher freireligiöser Geschäftsführer und schließlich in der DDR Mitglied der SED, befand seinerzeit, der Nationalsozialismus sei der „neue Glauben“ für „uns Deutschreligiöse“. 1939 wünschte er sich, „dass es nur eine Religion gäbe, eine artgemäße deutsche Volksreligion ohne fremdgläubige Einschläge“. Pick ging darüber noch hinaus und erklärte am 6. September 1941 die nationalsozialistische Weltanschauung grundsätzlich zur Fortsetzung der freireligiösen Tradition: „Der Nationalsozialismus erstrebt vom Politischen her, was wir vom Religiösen her erstreben“.1 Pick vertrat auch die Ansicht, dass den Freireligiösen gegenüber anderen Reli­gionsgemeinschaften ein „höherwertiger, wesensgemäßerer Inhalt“ zukomme.

Doch die wortradikale Selbstinsze­nierung unter Preisgabe der letzten Reste von aufklärerischer Tradition fand weiterhin mit wenig Publikum statt und nützte deshalb letzten Endes kaum. Außerhalb der eigenen Reihen interessierten sich wenige für diese merkwürdige Truppe. Der antiklerikale Flügel der NSDAP bzw. die einschlägig befassten Beamten des „Sicherheitsdienstes“ SD ließen sich kaum überzeugen. Zwar unterstützten sie Konzepte zur „Gottgläubigkeit“ gerne, wenn sie eindeutig innerhalb des Nationalsozialismus stattfanden, blieben aber skeptisch, wo sie sich daneben unter Wahrung eigenständiger Organisationsstrukturen bis hin zur Beibehaltung von Schutzmechanismen für „Nichtarier“ zu etablieren versuchten. Die Freireligiösen standen deshalb immer wieder unter dem Verdacht, Trittbrettfahrer zu sein und letzten Endes doch ihren eigenen Ideen zu sehr verhaftet zu bleiben. Alles in allem ließ der SD gott- bzw. deutschgläubige Freireligiöse, da man sie immerhin auf einem guten Weg sah, gewähren, vielleicht zeitweise sogar mit einer gewissen Sympathie, nahm sie angesichts ihrer politischen Bedeutungslosigkeit aber niemals wirklich ernst.

Verblassende „Gottgläubigkeit“ nach 1945

Die Einführung der religiösen Kate­gorie „Gottgläubigkeit“ scheiterte letz
ten Endes an einer zu geringen Akzeptanz und Mitwirkung der Bevöl­kerung. Ursprünglich gemeint war sie wohl als vom Staat gewünschter sicherer Hafen für religiös Unange­passte mit „arischen“ Wurzeln, vielleicht sogar als sozialplanerischer Mo­dernisierungsimpuls in Zeiten einer noch stark konfessionell dominierten Wirklichkeit. Doch offensichtlich war das kirchenferne Segment der Bevölkerung in seiner Bedeutung überschätzt worden. Im Vergleich mit der späteren Kirchenaustrittsbewegung ab den 1960er Jahren lagen säkulare und nachchristliche Werte in einigen Großstädten des „Dritten Reiches“ zwar durchaus schon in der Luft, befanden sich andererseits aber angesichts der geltenden autoritär-faschistischen Standards doch noch zu sehr in Kinderschuhen.

Wie wenig nachhaltig „Gottgläu­bigkeit“ religionspolitisch blieb, belegt der historische Längsschnitt: „Gottgläubige“ kehrten nach dem Ende der NS-Herrschaft in ihrer Mehrheit so schnell wie möglich in den Schoß der Kirchen zurück. Mit den steigenden Kirchenaustritten in der Bundesrepublik hatten letzte „gottgläubige“ Mohikaner kaum zu tun. Unabhängig davon behielten im „freien“ Mikrokosmos der 1950er und frühen 60er Jahre einige NS-belastete „Altgottgläubige“ ihren Einfluss, der bisher allerdings kaum erforscht ist. Neben dem bis 1966 als freireligiöser Pfarrer amtierenden Dr. Georg Pick in Mainz waren das z.B. Dr. Dietrich Bronder bei den Freireligiösen Niedersachsens, Walter Alexander in der Freireligiösen Gemeinde in München oder spätere NPD-Aktivisten wie Herbert Böhme, Dr. Herbert Grabert und Dr. Sigrid Hunke bei den Unitariern. Allerdings stießen sie, auch angesichts eigenen Unvermögens, nicht selten auf den Unmut der Linken und der Linksliberalen; zuletzt sind sie, abgesehen von den NPD-Anhängern, sang- und klanglos „ausgestorben“, gelegentlich unter egoistischer Mitnahme von Organisationswissen und auch Besitztümern, deren Wegbrechen den Nachfolgenden Probleme bereitete.
Mittelfristig erwies sich die humanitäre 1848-Tradition mit Grundwerten wie Selbstbestimmung, aufklärende Religionskritik, Durchsetzung von Bürgerrechten und überhaupt Bekäm­pfung von Dogmatismen unter den bewussten Freireligiösen und Freigeistern als attraktiver und durchsetzungsstärker als die vermeintlich „artgemäße“ Frömmigkeit. An dieser Entwicklung hatten die Aufbruchstimmung und der Wertewandel von 1968 (noch lange nachhallend) ihren kaum zu unterschätzenden Anteil. Von dieser zeitweisen progressiven Stimmung ist allerdings zu wenig geblieben. Obwohl es längst anstünde, fehlt es den insbesondere betroffenen freireligiösen Gemeinden im Südwesten und im Rhein-Main-Gebiet an ernsthaftem Willen, die eigene NS-Vergangenheit hinreichend aufzuarbeiten. Die pauschale Distanzierung von früherem Nazitum in den eigenen Reihen ersetzt nicht die wissenschaftliche Aufarbeitung der Verwicklung von „freier Religion“ in gottgläubige Deutschtümelei bzw. handfesten Rechtsextremismus, schon gar nicht der auch nach 20 Jahren immer noch übliche Hinweis auf die teilweise schrägen Unterstellungen des damaligen Kritikers Peter Kratz.

„Gottgläubigkeit“ hat nichts mit „Konfessionslosigkeit“ 
zu tun

Im Ergebnis hat die frühere „Gott­gläubigkeit“ aus NS-Zeiten nichts mit der den MIZ-Leser*innen vertrauten, atheistisch fundierten Konfessionslosigkeit zu tun. „Gottgläubigkeit“ entstand zwar kirchenfern und gegen die Amtskirchen, ist in ihrem unbedingt gläubigen Habitus de facto aber eher das Gegenteil einer politisch verstandenen, kritisch zweifelnden Konfessionslosigkeit. Wirkliche Vorläufer heutiger organisierter Säkularer dürften vielmehr sog. „Glaubenslose“ gewesen sein, die im „Dritten Reich“ rigoros verfolgt wurden, bisher aber kaum als Opfergruppe verstanden oder gar in ihrem zu vermutenden Zusammenhang mit Resistenz und Widerstand untersucht worden sind. Momentan wissen wir nicht einmal genau, wie die vermutlich eher vereinzelten „Glaubenslosen“ sich genau zusammensetzten und was sie bewegte. Als Anhaltspunkt existiert eine Zahl: Bei der Volkszählung 1939 waren ca. eine Million Menschen (1,5% der Bevölkerung und damit mehr als es Mitglieder z.B. bei den beiden Freidenkerverbänden gegeben hatte) als „glaubenslos“ bezeichnet worden.

Die aktuelle „Gottgläubigkeit“

Heute ist „Gottgläubigkeit“ bemerkenswerterweise nicht mehr außerhalb, sondern als gesellschaftlich wenig brisante Strömung innerhalb der konventionellen religiösen Matrix verortet. Heute haben „ökumenisch“ bewegte christentumsnahe Zeitgenoss*innen den schillernden Begriff „Gottgläubigkeit“ für sich entdeckt. Da wird ganz harmlos erzählt, wie schön es doch wäre, gäbe es offiziell die Einheit aller ihrem Gott verbundenen christlichen Gläubigen, wie sie de facto vor Ort oft doch schon längst bestehe. Erstrebenswert sei eine einzige Kirche inklusive dem einen Abendmahl für alle, z.B. auch für Geschiedene. Abgesehen davon, dass hinter solchem Tratsch von zumeist tiefgläubigen Menschen altbekannte römische Herrschaftsinteressen durchschimmern, wird in quietschfideler Patchwork-Manier und naiver Oberflächlichkeit herausgegriffen, was zum Zeitgeist passt und ignoriert, was ihm zu sperrig wird. Die alten theologischen Fundamente scheinen an dieser Stelle besonders schnell zu verdunsten. Das Christentum in seiner ganzen Breite erscheint nur noch als bloße Kulisse. Meine These lautet, dass die unbedarft-frohgemute „Gottgläubigkeit“, die heute diesen Begriff zumeist nicht einmal kennt, momentan die zeitgenössische Spielart von „Freiheit in der Religion“ darstellt. Sie steht fernab der Orthodoxie, weiß nichts über ihre Vergangenheit und gibt sich betont tolerant, obwohl sie nach außen wie eh und je repressiv, ja totalitär agiert; außerhalb des grundsätzlichen „Gottglaubens“ zu stehen ist in diesem Milieu weiterhin sanktionsbedroht. Nach innen hinein wird ein scheinliberales religiöses Sammelsurium geboten: für jeden und jede etwas, in der Symbolkraft gefühlt vergleichbar mit den Söderschen Allerweltskreuzen im Eingangsbereich von bayerischen Amtshäusern. Atheist*innen sollten bedenken, dass am interessantesten an solchen Vorgängen die primär erwünschte Außenwirkung bei paralleler Entfremdung von der kirchlichen Dogmatik ist. All dies darf als weiterer Beleg für eine zwar kompliziert verlaufende, oft das Hirn marternde, alles in allem aber voranschreitende Säkularisierung gewertet werden.

Anmerkung

1 Pick, Georg: Die Freie Religionsgemeinschaft Deutschlands in der religiösen Entwicklung der Gegenwart. Rede des Gemeinschaftsvorstehers Dr. Georg Pick auf dem Gemeinschaftstag der FRD am 6.9.1941 in Mainz, in: Freie Religion 1941, S. 93-98, hier S. 96.