Prisma | Veröffentlicht in MIZ 2/14 | Written by Redaktion MIZ

Geschichte der Apostasie im Islam

geschrieben vom Zentralrat der Ex-Muslime in Großbritannien

Abtrünnige zu bestrafen, ist ein lange bestehendes und wesent­liches Merkmal aller großen Religionen. Religion abzulehnen wird als das schlimmste Verbrechen erachtet. Von der Todesstrafe sind heute aber nur noch Menschen bedroht, die sich vom Islam abwenden.

Das arabische Wort für Abtrünniger ist murtadd, „der sich vom Islam abwendet“, und Apostasie wird mit irtidåd und ridda bezeichnet. Ridda wird scheinbar für „Abwendung vom Islam hin zum Unglauben“ (im arabischen kufr) gebraucht, und irtidåd „vom Islam hin zu einer anderen Religion“. Ein Kind islamischer Eltern, welches sich später im Leben vom Islam abwendet, wird murtadd fitri genannt; fitri bedeutet „natürlich“, außerdem kann es „instinktiv, einheimisch, angeboren oder eigen“ bedeuten. Jemand, der zum Islam konvertiert und sich anschließend wieder abwendet, wird als murtadd milli bezeichnet; von milla – „religiöse Gemeinschaft“. Der murtadd fitri kann als widernatürlich gesehen werden, als jemand, der den natürlichen Lauf der Dinge untergräbt, dessen Apostasie ein bewusster und eigensinniger Akt des Verrats an Gott sowie des einzig wahren Glaubens ist, ein Treuebruch und Verlassen der Gemeinschaft. Der murtadd milli ist somit ein Verräter der muslimischen Gemeinschaft und gleichermaßen störend.

Im 21. Jahrhundert jedoch sehen sich nur Abtrünnige vom Islam mit der Hinrichtung konfrontiert. Dies liegt in der politischen Macht und dem Einfluss der islamischen Bewegung begründet. Jene extrem rechts gerichtete Bewegung ist die Inquisition und der Totalitarismus dieser Ära.

Je nachdem wie viel politischen Einfluss der Islamismus hat, bestimmt dies das Ausmaß der Kontrolle jedes einzelnen Aspekts des Lebens der Menschen und der Gesellschaft, durch das Gesetz der Scharia – welche Kleidung die Menschen tragen, mit wem sie Geschlechtsverkehr haben, welche Musik sie hören, sogar was ihnen zu denken erlaubt ist. Eines der charakteristischen Merkmale einer Inquisition ist die Überwachung der Gedanken. Freidenkertum und Freiheit des Gewissens sind verboten. Sogar für Muslime ist eine „private“ Religion unter der Inquisition unmöglich: Man kann sich nicht herauspicken, was einem gefällt. Jeglichem Verstoß wird mit Bedrohung, Einschüchterung, Freiheitsentzug oder Exekution begegnet. Islamisten töten, bedrohen oder schüchtern alle ein, die die Dinge anders auslegen, widersprechen, frei denken oder ihre Normen übertreten. Selbstverständlich leisten Menschen trotz Islamismus und Scharia tagtäglich Widerstand zum Zeichen des menschlichen Geistes. Wo der Islamismus Macht besitzt, wie im Iran, gibt es 130 Vergehen, die mit dem Tode bestraft werden können – von der Ketzerei über Gotteslästerung und Feindseligkeit gegen Gott, bis hin zu Ehebruch und Homosexualität.

Apostasie jedoch ist das schlimmste und abscheulichste Verbrechen. Siebenundzwanzig Länder betrachten die Abwendung vom Islam als illegal und strafrechtlich verfolgbares Vergehen. Je nach Einfluss des Islamismus und der Scharia variieren die Strafen an Orten wie Malaysia, Marokko, Jordanien und dem Oman, von Geldstrafen, Gefängnis, Auspeitschen bis hin zum Ausschluss von bürgerlichen oder familiären Rechten. In elf Ländern (und zwar dem Iran, Sudan, Saudi-Arabien, Ägypten, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Somalia, Afghanistan, Qatar, Jemen und Mauretanien) wird die Apostasie mit dem Tode bestraft. Solange es eine religiöse Begründung für die Hinrichtung von Abtrünnigen gibt, sind die heutigen Apostasie-Gesetze unter der islamischen Inquisition das extremste Mittel, eher von politischer als religiöser Kontrolle. Sicherlich ist die Apostasie von einem religiösen Standpunkt aus gesehen die Auflösung des gesamten Systems von innen heraus, durch diejenigen, die als „Mitglieder“ der erdachten muslimischen Gemeinschaft gesehen werden. Hinterfragt man nur ein Gesetz, eine Hadith oder eine Sure im Koran, man würde beginnen, alles aufzulösen. Zu hinterfragen und zu widersprechen, nimmt dem islamischen Inquisitor die Gelegenheit, bestimmte Vorstellungen zu heucheln und verhindert die Unterwerfung, die verlangt wird. Wenn es erlaubt wäre zu gehen, würde dies ihre Bemühungen vollständig untergraben.

Ein führender ägyptischer Geist­licher, der die Tötung von Abtrünnigen unterstützt, hat es so ausgedrückt: „Wenn man die Apostasie zugelassen hätte, gäbe es keinen Islam.“ Geschichtlich gesehen, wurden Apostasie-Gesetze schon immer als Mittel der Kontrolle eingesetzt und dies ist heute nicht anders. Islamisten nutzen sie als Mittel der politischen Kontrolle. Schließlich repräsentieren sie Gottes Gesetz auf Erden und jeglicher Widerstand gegen ihr Gesetz ist eine direkte Beleidigung Gottes selbst.

Apostasie-Gesetze sind für eine Inquisition der dienlichste Weg, politische Gegner, Abtrünnige und Kon­trahenten auszumerzen. Man braucht jedoch dem Islam nicht zu widersagen, um als Abtrünniger gebrandmarkt zu werden. Jegliche verbale Leugnung irgendeines Prinzips des islamischen Glaubens wird als Apostasie angesehen. Betrachtet man diejenigen, die der Apostasie beschuldigt werden, könnte es alles einschließen vom Twittern über Mohammed (den Propheten des Islam) bis hin zur Herausforderung des Staates. Die Anschuldigung der Apostasie geht oft einher mit Anschuldigungen wie Gotteslästerung oder Feindseligkeit gegen Gott. Bei solchen Beschuldigungen ist es nicht notwendig, in langdauernden Gerichtsverfahren Verbrechen nachzuweisen oder akribisch Beweise zusammenzutragen, denn jegliche Übertretung kann als Apostasie ausgelegt werden – sowohl ein Verbrechen gegen Gott als auch politischer Verrat gegen seine Vertreter auf Erden.

Der Artikel erschien ursprünglich in Secular World 1/2014, die den Schwerpunkt Apostasie im Islam hatte. Die Informationen stützen sich auf Ibn Warraqs Buch Leaving Islam: Apostates Speak Out (Prometheus Books, 2003).

Aus dem Englischen übersetzt von Julia Poyant.