Schwerpunktthema | Veröffentlicht in MIZ 1/16 | Written by Arzu Toker

Frauen, Flucht, Emanzipation?

Im Rahmen der Flüchtlingsdebatten wird diskutiert, ob Flucht für Frauen nicht auch ein Tor zur Emanzipation öffnen kann. Emanzi­pation ist keine Pflanze, die nur in bestimmten Breitengraden wächst. Es gibt auch reichlich gebildete, emanzipierte syrische Frauen. Doch die Frauen, die schon in Syrien nichts mit Emanzi­pation gemein hatten, werden durch die Flucht und ungewollte Begegnung mit einer neuen Gesellschaft damit konfrontiert, herausgefordert.

Flucht bedeutet, sich auf einen Weg zu begeben, dessen Verlauf völlig unklar ist. Wie die Flucht verläuft, liegt nicht in der Entscheidung der Frauen. Für Gläubige steht fest, dass nur Allah weiß, was geschieht! „Gottvertrauen“ erleichtert manchen Menschen solche schweren Entscheidungen, denn dabei bleibt immer ein Fragezeichen, das nur „er“ kennt, und er ist „mächtig“, er ist „gnädig“!

Natürlich hat jeder Mensch, jede Frau in fast allen Situationen des Lebens eine Entscheidungsmöglichkeit. Sie kann bleiben. Oder jede Gefahr in Kauf nehmen, trotz der Angst als ständiger Begleiter flüchten – trotz der Angst vor Gewalt und sexuellen Übergriffen, Hunger und Krankheit, dem Verlust von Angehörigen. In eine ungewisse Zukunft zu flüchten, ist ein gewaltiger Schritt, der ein Umdenken erzwingt. Dies bedarf einer starken Persönlichkeit und der Selbstachtung.

Frauen gehen diese ersten selbstständigen Schritte im Leben und verlassen ihr Land allein oder mit den Kindern und älteren Familienangehörigen, weil ihre Ehemänner, Väter oder Brüder getötet, gefangengenommen oder von der Armee oder den Rebellen eingezogen wurden. Diese Frauen kämpfen für das Überleben ihrer Familien.

Dies konnte ich kürzlich in Istanbul an jeder Straßenecke beobachten. Obwohl die Türken, wenn es um Frauen geht, gern mit der Ehre argumentieren, obwohl die streng Religiösen in Deutschland sogar ihre Töchter für die Ehre umbringen, konnte ich mitten in der Stadt, am Taksim Platz, beobachten, wie die Flüchtlingsfrauen um ihre Ehre gebracht wurden. Syrische Mütter saßen eng umschlungen mit ihren kleinen Kindern auf dem Schoß oder ihr Baby stillend auf dem kalten Bürgersteig. Gruppen von Kindern bettelten, bedrängten die Fußgänger und wurden als lästig abgeschüttelt. Von der islamischen Barmherzigkeit und Hilfsbereitschaft der Regierung war nichts zu sehen. (Es stehen demnächst keine Wahlen an. Da ist es nicht nötig, ihnen schnell Pässe und das Wahlrecht zuzugestehen, wie vor den letzten Wahlen geschehen.)

Die deutschen Frauen kennen eine 
vergleichbare Situation aus der jüngeren deutschen Geschichte. Es blieb ihnen während des Krieges und in der ersten Zeit nach dem Krieg gar nichts anderes übrig, als, die gesell
schaftlichen Normen und das Ge­schlechterverhältnis zeitweise auf­zu­heben und manchmal sogar in Frage zu stellen. Nicht anders geht es den syrischen Frauen heute. Keine der Frauen hatte so etwas in ihrem Leben vorgesehen, auch derjenigen nicht, die sich bewusst dafür entschieden haben zu flüchten. Sie hatten jedoch angesichts des Islamischen Staates nicht die Freiheit, das Risiko abzuwägen, sondern waren der Situation ausgeliefert. Die Fluchtentscheidung ist durch eine Katastrophe, durch den Krieg hervorgerufen. Die Bedrohung besteht sowohl wenn sie bleiben als auch wenn sie flüchten. Die Flucht bietet immerhin die Hoffnung, vielleicht ein Land zu erreichen, das sicher ist, während bleiben den Tod bedeuten könnte.

Für die gebildeten Lehrerinnen, Ärz­tinnen und viele andere, die gute Positionen innehatten, bedeutet die Flucht einen beruflichen Rückschritt in ihrem Leben. Sie werden Jahre brauchen, um hier eine vergleichbare Position zu erlangen, wenn es überhaupt möglich ist. Noch tiefer als der Verlust der beruflichen und materiellen Sicherheit sitzt, dass sie die Kontrolle über ihr Leben, über die Gestaltungsmöglichkeit einbüßen. So
bald ihr Aufenthaltsstatus geklärt ist, beginnt nicht nur der Aufbau eines neuen Lebens, sondern auch das Hinterfragen der Ursachen des Krieges, der Flucht. Je nach Bildungsstand kann das dazu führen, dass die Frauen sich der Religion noch stärker zuwenden oder das bisher Geglaubte auf den Prüfstand stellen. Viele Frauen – und auch Männer – suchen die Fluchtgründe bei anderen. Schicksal, Gott, der Westen, die Amerikaner, das unreligiöse Leben, Assad, der Islamische Staat, der Islam – die Bandbreite ist groß.

Verwirrende Erfahrungen 
im neuen Alltag

Sowohl die Hinwendung zur Religion als auch die Emanzipation sollten eigentlich den Aufbau von Selbstachtung unterstützen und den Frauen dabei helfen, den Stress und das Hin- und Hergerissensein zu bewältigen. Denn hier begegnen sie einer völlig neuen Gesellschaft. Die „Heiden“, die „Ungläubigen“ welche der Koran befiehlt zu islamisieren bzw. zu töten, falls sie sich verweigern, nehmen sie auf, sie „helfen“ ihnen (sofern sie keine sächsischen Saufbolde sind). Was sollen diese Frauen denken?

Viele Gläubige kennen die Inhalte des Korans nicht. Möglicherweise wissen sie sogar weniger als viele Deutsche darüber. Für sie hatte der Glaube vielleicht dieselbe Bedeutung wie Kirche und Bibel für jene, die lediglich zum „Weihnachtskonzert“ in die Kirche gehen. Für sie existieren möglicherweise „Atheisten“ nicht. Und nicht zuletzt ist gerade diese Frage derzeit ganz und gar nicht der wichtigste Tagesordnungspunkt ihres Lebens.
Die Frauen erzählen nichts von ihrer Flucht. Sie sagen, wir schauen jetzt in die Zukunft. Dies mag aus der Scham resultieren, das Erlebte auszusprechen. Menschen, die sich wundern, warum die Frauen das Kopftuch nicht vom Kopf reißen, sollten wissen, dass das Kopftuch während der Flucht auch eine Art Schutz war. Nicht nur Schutz vor Kälte, sondern auch Schutz vor männlicher, sexueller Gewalt. Und nun sollen sie, was sie „beschützte“, ablegen? Das mag einigen sogar wie ein Verrat vorkommen.

Schließlich deuten sie das Leben in Deutschland mit dem bisher Er­lernten. Jede von Ihnen hat Familienangehörige, Freunde, Nachbarn verloren. Sie versuchen, ihrem Leben, das zerrüttet ist und angesichts der Verluste auch sinnentleert erscheinen mag, mit einer neuen Deutung einen Sinn zu geben. Da erweist sich die Religion als „nützlich“, sie nimmt ihnen die Verantwortung ab. Es mag sein, dass es ihnen noch nicht klar ist, wer den Krieg, ihre Flucht zu verantworten hat. Da sind die religiöse Erklärung, dass alles vorbestimmt sei, und „At Tawakkul“ (d.h. das Vertrauen auf Allah) hilfreich. Ihr Glaube, dass in Wahrheit niemand außer Allah das Gute gewährt oder verwehrt, nimmt ihnen ab nachzudenken, nach Erklärungen suchen, sich kritisch mit dem Geschehenen auseinander zu setzen.

Es ist für traditionell gesinnte Flüchtlinge schon schwer genug, dass das Verhältnis der Geschlechter allein durch den Ortswechsel und die vielen helfenden heidnischen und atheistischen Menschen hier auf den Kopf gestellt wird. Der ansonsten mächtige muslimische Mann ist ohnmächtig. Andere muslimische Länder haben nicht die Hand gereicht, sondern womöglich sogar die versklavten Frauen des Islamischen Staates aufgekauft. Je hilfsbereiter die hiesige Gesellschaft ist und je schneller die Integration klappt, umso mehr wird dieser Prozess des Umdenkens beschleunigt.

Die alten Regeln für Mann und Frau werden schon bei kleinen Dingen des Alltags in Deutschland in Frage gestellt, verändert. Es gibt weniger Männer, die im Bus Frauen sexuell belästigen, weniger Männer, die hinter Frauen herpfeifen, es gibt weniger gierige ausziehende Blicke, die Frauen zwingen, auf den Boden zu sehen. Hier lernen die Frauen Fahrrad fahren. Das war in Afghanistan nicht möglich, zwar nicht verboten, aber gesellschaftlich geächtet, und die Frauen erleben somit konkret die Aufhebung eines Stückes Macht über sie.

Die Verpflichtung, die deutsche Sprache zu erlernen, führt zwangsläufig zu mehr Unabhängigkeit vom Mann und dazu, die Gesellschaft um sich herum zu verstehen, eigenständig soziale Beziehungen aufzubauen.

Die schwangeren Frauen und die Mütter mit Kindern haben tausende von Kilometer Berge und Meere überwunden. Das ist großartig und gibt vielen Frauen die Erkenntnis, dass sie stark sind und dass das Leben an sich ein Wert ist. Noch ist die Flucht frisch, die Ankunft neu. Aber sie werden ihr Leben mit Sinn erfüllen. Und dieser Sinn wird sicher nicht die Unterwerfung vor dem Mann sein.