Prisma | Veröffentlicht in MIZ 3/20 | Written by Axel Rüdiger

Ein Leben für den dialektischen Materialismus

Friedrich Engels zum 200. Geburtstag

Friedrich Engels ist an der Seite von Karl Marx bekannt geworden als Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus, Autor des Manifestes der kommunistischen Partei und Vordenker der internationalen und deutschen Sozialdemokratie. Er war wohl ein fröhlicher Mensch, der von sich frei heraus mit Sokrates bekannte, alles leider nur halb zu wissen, dessen Vorstellung vom Glück sich durchaus mit einer Flasche Wein Château Margaux (Jahrgang 1848) verband und der die Heuchelei ebenso hasste wie Baptistenpastoren, insbesondere wenn sie die eifernde Penetranz eines Charles Haddon Spurgeon (1834-1892) besaßen.

Dies alles schrieb Engels zumindest 1868 in das Poesiealbum (Confession Book) von Marxens Tochter Jenny. Engels liebte, so ist darin weiter zu erfahren, neben der Dichtung des Reineke Fuchs auch Shakespeare, Lessing, Goethe und blaue Glockenblumen. Zu ergänzen wären vor allem seine beiden Frauen Mary und Elizabeth Burns, die aus einfachen irischen Verhältnissen stammten und mit denen er eine freie und unorthodoxe Lebensgemeinschaft führte.

Er selbst stammte aus einer pietistisch geprägten Fabrikantenfamilie in Barmen und politisierte sich im deutschen Vormärz wesentlich über den Widerspruch zwischen seiner pietistischen Erziehung und der fortschreitenden sozialen Verelendung der Arbeiterschaft im Zuge der industriellen Revolution. Wissenschaftliche Furore machte er schlagartig mit der Veröffentlichung der Umrisse zur Kritik der Nationalökonomie (1844) in den von Marx und Arnold Ruge herausge­gebenen Deutsch-Französischen Jahr
büchern. Mit dieser, laut Marx, „geni­ale(n) Skizze zur Kritik der ökonomischen Kategorien“ (MEW 13, S. 10) lieferte er den Anstoß zu einer umfassenden Kritik der politischen Ökonomie aus postkapitalistischer Perspektive, die den späteren Autor des Kapitals überhaupt erst zum Übergang von der Philosophie zur Ökonomie anregte.

Besonders innovativ und heute nur selten als Verdienst von Engels gewürdigt, war in den Umrissen die gänzlich neuartige Verbindung von Religions- und Ökonomiekritik, die über einen abstrakten Gegensatz zwischen „Materialismus“ und „Spiritualismus“ hinauswies. Ebenso wie der „abstrakte Materialismus“ des liberalen Bürgertums der Aufklärung zwar den „abstrakten Spiritualismus“ angriff, ohne jedoch, wie Engels betont, „christliche Verachtung und Erniedrigung des Menschen“ anzutasten und daher an die Stelle „des christlichen Gottes [nun] die Natur dem Menschen als Absolutes gegenüber“ zu stellen, wären auch die liberalen Ökonomen bei der Revolutionierung der Ökonomie lediglich „einseitig“ in ihrem unmittelbaren „Gegensatz stecken[ge]blieben“ (MEW 1, S. 500). So wäre seit Adam Smith, dem „ökonomischen Luther“ (MEW 1, S. 503), die begrüßenswerte Forderung nach einer global gerechten und freien Handelsordnung jenseits des „unwissenschaftlichen Schachers“ des Handels- und Finanzkapitals nur halbherzig formuliert worden, weil darin nie grundsätzlich nach der monopolistischen „Berechtigung des Privateigentums“ gefragt würde (MEW 1, S. 499 f.). Neben der Kritik am Privateigentum und dem negativen augustinistischen Menschenbild, das die liberalen Ökonomen direkt aus der Theologie übernehmen, zeigt sich hier, wie Engels mit der dialektischen Methode der Negation der Negation gegen die einseitig-abstrakte Auflösung der Widersprüche in Philosophie und Ökonomie polemisiert, um sie zu einer wirklichen ‘Aufhebung’ im linkshegelianischen Sinne fortzuführen.

Was die Umrisse von Engels endgültig zu einem großen Wurf macht, ist die These, dass die Voraussetzungen für die progressive Revolutionierung der Gesellschaft im Sinne von universaler Vernunft und Sittlichkeit (Hegel) eben nicht allein in der Religion, sondern vor allem in den materiellen Sozialverhältnissen der Ökonomie zu suchen sind. Kant wie Hegel hatten noch in der protestantischen Reformation die Bedingung für die revolutionäre Emanzipation der bürgerlichen Gesellschaft gesehen und aus deren Fehlen das exzessive Scheitern der Französischen Revolution abgeleitet. Aus der originellen Sicht von Engels jedoch, der sich Marx bald anschloss, werden die realen Bedingungen für die autonome Subjektivität nicht im religiös-protestantischen Bewusstsein, sondern in der Praxis der ökonomisch-sozialen Verhältnissen erzeugt. Da in der Ökonomie aber sowohl die Bedingung für die Möglichkeit freier Subjektivität als – über die bourgeoise bzw. liberal beschränkte Form derselben – auch die 
Bedingung ihrer Unmöglichkeit vorliegen, genüge hier kein evolutionärer Determinismus, sondern es bedarf der Subjektivierung des politischen Klas­senkampfes in Theorie und Praxis. Um diesen Gordischen Knoten der sozialen Emanzipation zu zerschlagen, entwirft Engels eine radikale Kritik der Religion, die notwendig mit der Kritik von Ökonomie und Politik verbunden ist.

Es ging ihm folglich darum, den freiheitlichen Impuls der Reformation nicht idealistisch-konservativ gegen die Revolutionierung von Politik und Ökonomie, wie sie sich in Frankreich und England vollzog, auszuspielen, sondern diese unterschiedlichen Dimen­sionen der Emanzipation miteinander zu verbinden. Diesbezüglich kam er mit dem Philosophen Marx überein, der im selben Jahrbuch erklärte: Wenn „der Protestantismus“ schon „nicht die wahre Lösung“ gewesen sei, „so war er [doch] die wahre Stellung der Aufgabe“ (MEW 1, S. 386). Beide näherten sich folglich über die parallele Kritik an Luther und Smith einander an. Wenn die liberale Ökonomie von Smith das bürgerliche Subjekt zwar nicht nur in der Idee und im Glauben, sondern auch in der ökonomischen Praxis befreie, so bleibt sie trotzdem über ihre unkritische Ignoranz gegenüber dem Privateigentum immer noch einer äußerlichen und abstrakten Form von Emanzipation verhaftet, die sie mit der lutherischen Reformation teilt. Wenn Marx über Luther sagte, er habe zwar „den Leib von der Kette emanzipiert“, dafür aber höchst effektiv „das Herz in Ketten gelegt“ (MEW 1, S. 386), so konnte Engels dies in Bezug auf Smith wiederholen. Solange das Herz vom religiösen Dogma und dem Privateigentum eingeschreint ist, bleibt die menschliche Freiheit eine abstrakte Phrase.

Dieses in seiner Komplexität oft unterschätzte Konzept, das der junge Engels gemeinsam mit Marx und zunächst noch mit tatkräftiger Hilfe von Moses Hess entwickelte, entwirft eine Kritik, die sich gewissermaßen zwischen der Religion, der Ökonomie und der Politik bewegte. Durch diese dialektisch-materialistische Zwischenperspektive jenseits der bornierten Sichtweise einer partikularen Disziplin, Lokalität oder Identität war die Kritik zugleich auch international und im besten Sinne europäisch, da sie sich zwischen Deutschland (Philosophie), Frankreich (Politik) und England (Ökonomie) bewegte. In der später etablierten Formel vom ‘historischen Materialismus’ geht diese Dimension der Zwischenweltlichkeit leider leicht verloren, allerdings hat Marx dafür gern den von Epikur geborgten Begriff des „Intermundium“ verwandt (MEW 23, S. 93). Um die Kritik an der sogenannten Deutschen Ideologie verstehen zu können, von der sich Engels und Marx in einer Reihe von Manuskripten emanzipierten, ist die Kenntnis dieser transkritischen Zwischenperspektive hilfreich.

Nachdem Engels mit seiner Arbeit Die Lage der arbeitenden Klasse in England (1845) unter Bezug­nahme 
auf die neue französische Sozialwis­senschaft einen Klassiker der Sozial­geschichtsschreibung verfasst, aktiv als Publizist und tatkräftig als Adjutant der badisch-pfälzischen Armee in die Revolution von 1848/49 eingegriffen hatte, wandte er sich 1850 im Rahmen der Aufarbeitung der gescheiterten Revolution dem deutschen Bauernkrieg und der historischen Person Thomas Müntzer zu. Bereits 1845 hatte Engels den englischen Chartisten empfohlen, neben Georg Forster „den deutschen Thomas Paine“, den „wahren Demokrat(en)“ Müntzer zu ehren (MEW 2, S. 577). Bei der politischen Rehabilitation der von der konservativen Geschichtsschreibung verteufelten Person Müntzers kam Engels sicher die Kenntnis der radikalpietistischen Unparteiischen Kirchen- und Ketzerhistorie (1699/1700) von Gottfried Arnold (1666-1714) zugute, die er wohl spätestens seit seiner kaufmännischen Lehrzeit in Bremen (1839-1841) kannte, wo er im Haushalt des Pastors Georg Treviranus lebte. 
Engels politischer Anschluss an den rebellischen Priester Müntzer und den Jakobiner Forster verschaffte der Tradi
tion des demokratischen Republikanis­mus und der anti-augustinischen Ra­di
kalreformation eine politische Heimat in 
der revolutionären Arbeiter­bewegung.

In der Zeit zwischen 1850 und 1870 widmete sich Engels primär der Arbeit in der Fabrik seines Vaters in Manchester (Ermen & Engels), von dem er nach dessen Tode die Anteile übernahm. Mit den Einnahmen konnte er die theoretische Arbeit von Marx finanzieren, dem er die weitere Ausarbeitung der ursprünglich gemeinsam geplanten Kritik der politischen Ökonomie überließ. Nach dem Rückzug aus der Firma und dem Verkauf seiner Anteile (1869) wurde Engels neben der nie eingestellten politischen Publizistik auch wieder verstärkt wissenschaftlich tätig. Hier soll nur die Arbeit an der Fragment gebliebenen Dialektik der Natur zwischen 1872 und 1883 sowie die populäre Schrift Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft (Anti-Dühring) (1878) kurz erwähnt werden. Im Mittelpunkt stand hier die weitere theoretische Ausarbeitung und Popularisierung des wissenschaftlichen Sozialismus auf der methodischen Grundlage der Dialektik, nicht zuletzt vor dem Hintergrund der sich stürmisch entwickelnden Naturwissenschaften.

Die materialistische (Real-)Dialek
tik definiert Engels „als die Wissen­schaft von den allgemeinen Bewegungs- und Entwicklungsgesetzen der Natur, der Menschengesellschaft und des Denkens“ (MEW 20, S. 132). Als deren Hauptgesetze formuliert er: „das Gesetz des Umschlagens von Quantität in Qualität und umgekehrt; das Gesetz von der Durchdringung der Gegensätze, das Gesetz von der Negation der Negation“ (MEW 20, S. 348). Wie schon bei Hegel kritisiert, wird ihm dafür immer wieder zum Vorwurf gemacht, die Dialektik in eine allgemeine Seinslehre (Ontologie) zu transformieren und ein perspektivisch beschränktes Wissen zu ‘allgemeinen Bewegungsgesetzen’ zu hypostasieren. Aber auch wenn Engels in seinen späten Arbeiten im naturwissenschaftlichen Wissen des 19. Jahrhunderts gefangen bleibt, so sind doch auch seine Irrtümer heute noch nützlich – und selbst wenn es sich dabei nur um den symptomatischen Schrecken handelt, den die Dialektik der Natur bis heute allen neukantianischen und postmodernen „Priestern des Nichtwissens“ (Marx) beibringt, die sich durch ihren erklärten Verzicht auf ontologische Fragestellungen von der emanzipatorischen Praxis der Vernunft zugunsten einer scholastisch kastrierten Wissenschaftlichkeit (Pierre Bourdieu spricht vom „Epistemozentrismus“) abschneiden.

All dies sollte doch wohl am 28. November eine Flasche Château Margaux oder eines ähnlich guten Tro­pfens wert sein, die am besten vor dem Monumentalbild von Werner Tübkes Frühbürgerlicher Revolution in Deutschland in Bad Frankenhausen entkorkt werden sollte, denn auch dieses wäre wohl ohne Friedrich Engels nie gemalt worden. Prosit!