Schwerpunktthema | Veröffentlicht in MIZ 3/20 | Written by Elke Prinz

Elke Prinz 
zum Selbstbestimmungsrecht homosexueller Menschen

MIZ: Wie stand es um die Selbst­bestim­mungsrechte von Lesben und Schwulen in der DDR?

Elke Prinz: Es gab nur sehr begrenzte Möglichkeiten für selbstorganisierte lesbisch-schwule Arbeit, dafür aber eine Vielzahl von alltäglichen Problemen – gerade für lesbische Frauen. Isolation, Scham, Angst und eine latente Homofeindlichkeit im Alltag machten die Lebensbedingungen lesbischer Frauen schwierig. Lange Zeit wurden homosexuelle Paare u.a. bei der Wohnungsvergabe benachteiligt. Ebenso waren gleichgeschlechtliche Kontaktanzeigen bis in die 1980er Jahre hinein verboten. Eine öffentliche lesbische Subkultur von Lesben gab es nicht. Vereinzelte einschlägige Lokale zum Kennenlernen und Austausch waren nur Insiderinnen bekannt, weshalb es fast nur private Treffen gab. Es gab keine offzielle Homosexuellen-Politik.

In der DDR war der § 175 StGB in der moderateren Fassung von vor 1935 von 1950 bis 1968 gültig, die Strafverfolgung wurde aber de facto Ende der 1950er Jahre eingestellt. Der neue § 151 StGB-DDR (Strafen für gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen mit Jugendlichen) und die damit verbundenen Heraufsetzung des Schutzalters für Homosexuelle von 14 auf 16 Jahre kriminalisierte im Osten Deutschlands erstmals auch lesbische Frauen.

Zentrales Anliegen lesbischer Aktivistinnen in den 1970er Jahren war das Sich-Zeigen. Die transnationale Ver
netzung Homosexueller und das Auf­kommen von AIDS führte vor allem in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre zu einem Umdenken des Staates. Das Verbot gleichgeschlechtlicher Kontakt
anzeigen aufgehoben. 1987 kam es zur Aufhebung und 1988 zur Strei­chung des seit 1968 geltenden § 151 StGB-DDR. Homosexualität wurde in den 
Themenkatalog der Ehe- und Sexual
beratungsstellen aufgenommen.

MIZ: Welche Kämpfe haben Lesben und Schwule zum Ende der DDR geführt?

Elke Prinz: 1973 gründete sich die Homosexuelle Interessengemeinschaft Berlin (HIB). Diese war Anlaufpunkt ebenso wie Wahlfamilie, setzte sich für gesellschaftliche Veränderungen ein. Die HIB kämpfte beispielsweise für die Schaffung eines offiziellen Beratungs- und Gesundheitszentrums. Es gab wöchentliche Treffen, Feste und Aufführungen des bisexuell-schwul-lesbischen Kabaretts Hibaré. Allerdings engagierten sich im HIB mehr Schwule als Lesben. Der Versuch Christiane Seefelds, einen lesbischen Zweig zu initiieren, verlief schon nach kurzer Zeit im Sande. Das Verbot weiterer Treffen im Gründerzeitmuseum und vor allem die ausbleibende offizielle Anerkennung führten zum Ende der HIB.

1978 waren Räume für (oppositionelle) Gruppen möglich. An der Ev. Akademie Berlin-Brandenburg fand am 9. Januar 1982 die Tagung „Kann man darüber sprechen? Homosexualität als Frage an Theologie und Gemeinde“ statt. Einzelne Personen, die zumeist nicht kirchengebunden waren, gründeten homosexuelle – und auch einige exklusiv lesbische – Arbeitskreise (AK) und trafen sich in Räumen der evangelischen Kirche.

Durch das Engagement vor allem von Ursula Sillge wurde 1978 das erste DDR-weite Lesbentreffen organisiert. Mehr als 100 Teilnehmende folgten der über persönliche Netzwerke verbreiteten Einladungen. Weil die Volkspolizei versuchte, das Treffen dort zu verhindern, wichen die Frauen auf zwei Gaststätten und eine Privatwohnung aus. Ab 1982/83 gab es „Lesben in der Kirche“ (LiK) und 1983 kam es nach der Trennung von den Schwulen zur Bildung des Berliner Lesbenkreises. Bis zur Wende gründeten sich mehr als 20 AKs in der DDR – allerdings ohne offizielle Anerkennung.
Lesbengruppen, Frauenfriedens­gruppen und Gruppen feministischer Theologinnen bildeten die sogenannte nichtstaatliche Frauenbewegung der DDR mit 200 bis 300 Frauen, deren größter Erfolg die Bündelung und die Gründung des Unabhängigen Frauenverbandes (UFV) am 3.12.1989 in der Volksbühne Berlin war. Unter den mehr als 1000 Frauen waren auch Jaqueline Brösicke aus Magdeburg und Pat Wunderlich, die über dieses Ereignis im Film Uferfrauen berichtet.

MIZ: Was hat sich verändert in den 
30 Jahren? Welche Gräben haben sich aufgetan?

Elke Prinz: Nach 1989/90 gab es in den verschiedensten Medien zunehmend positive Wortmeldungen zum Thema Homosexualität. Universitäten richteten Kongresse o.ä. aus: 1989 gab es in der Universität Jena die Ta­gung „Psychosoziale Aspekte der Homo­sexu­alität“.

In der DDR endete mit der Strei­chung der § 175 (1968) und § 151 (am 30.6.1989) die Kriminalisierung Homosexueller fünf Jahre eher als in Westdeutschland. Die endgültige Streichung des § 175 StGB erfolgte dort auch nur im Zuge der Rechts­angleichung zwischen Ost und West. So hatte die ostdeutsche Eman­zi­pa­tionsbewegung maßgeblichen Einfluss auf den gesamtdeutschen Eman­zi­pationskampf von Lesben und Schwu­len, was u.a. 2000 auch zur einstimmigen Erklärung des Bundestages gegen Diskriminierung, Anfeindungen und Gewalt gegen Lesben und Schwule geführt hat.

In der heteronormativen, auf männ
liche Akteure ausgerichteten Erinne
rungskultur spielen die Les­bengruppen und der AK Homosexu­ali­tät trotz ihres überdurchschnittlichen Engagements am Zentralen Runden Tisch und im UFV keine Rolle.

Die bisher von der Community erkämpften Rechte sind jedoch gerade in den Jahren seit dem Einzug der AfD in die Parlamente in Gefahr. So kämpfen wir in Sachsen-Anhalt für die Fortschreibung des 2016 beschlossenen Aktionsprogramms für die Akzeptanz von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender, Transsexuellen und intergeschlechtlichen Menschen (LSBTTI) … im Rahmen des Landesprogramms für ein geschlechtergerechtes Sachsen-Anhalt, u.a. mit der Forderung nach der Aufnahme der Thematik ‘sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in die Lehrpläne der Schulen.