Allgemeines | Veröffentlicht in MIZ 3/19 | Written by Nicole Thies

Einst im Osten

Vor 30 Jahren fiel die Mauer. Deutsch-deutsche Geschichte wird zwar zahlreich geschrieben, nur blendet sie zugunsten einer nationalen Einigungsgeschichte und zugunsten einer identitätsstiftenden Erinnerungskultur gern mal ein paar Fakten aus.

Widersprüchlich und auffällig wird dieser selektive Blick dann, wenn strukturelle Phänomene im Osten nicht mehr so einfach wegzudiskutieren sind und erklärt werden wollen: größere Armut und geringere Kaufkraft, der demographischer Wandel, insbesondere die Überalterung in ländlichen Regionen, und das scheinbar nun doch ausgeglichene Verhältnis zwischen Abwanderung und Zuwanderung, Betreuungszahlen von Kindern und Ein-Eltern-Familien etc. Und dass man statistisch betrachtet bei der bundesweiten Jobsuche besser im Lebenslauf verschweigt, wenn man zufällig östlich des ehemaligen Grenzverlaufs geboren ist. Oder auch das Wahlverhalten wird oft ins Feld geführt, insbesondere wenn die AfD zweitstärkste Partei in ostdeutschen Landtagen wird. Oder medial getragen eine große Öffentlichkeit den Fokus auf den Osten legt: nämlich dann, wenn sich die rechtsradikale Verankerung und deren Akzeptanz innerhalb der ostdeutschen Bevölkerung bei Pegida-Demonstrationen, Hetz­jagden wie in Chemnitz oder Vor­verurteilungen wie in Köthen und wie nun auch der Anschlag von Halle am 9. Oktober 2019 zeigt. Und sich darin das Vorurteil des „zurückgebliebenen“ Osten nur allzu gut bestätigen lässt. Und da die Mehrheit der MIZ-Leser_innen westdeutsch sozialisiert ist, stelle ich die Frage: Wann bzw. wie oft waren Sie wachen Auges und gesprächsbereit im Osten? Ich meine nicht als Kulturtourist_in im Elb-Florenz Dresden oder an der Ostseeküste. Oder anders gefragt, wer hat überhaupt mit ostdeutsch sozialisierten Menschen ganz persönlich über deren Erfahrungen in der DDR, der Wendezeit und den Folgejahren gesprochen?

Die Fragen sind nicht abschätzend gemeint. Worum es mir dabei geht, sind die offenen Wunden des Übernahmeprozesses. Gerade weil erst sehr langsam die lauten Stimmen der „Opfer der Diktaturgeschichte“, die die Geschichtsschreibung Jahrzehnte dominierten, leiser werden. Bleibt zu hoffen, dass sie einem differenzierten Blick auf die DDR weichen. Gerade weil das Demokratieverständnis im Kontext des Wahlverhaltens immer tagespolitisch eine Rolle in der Diskussion spielt. Wie viel von den sozialgeschichtlichen Realitäten, die Horst Groschopp in seinem Artikel beschreibt, kannten Sie schon?

Einen differenzierten Blick auf die Wendezeit zeigt beispielsweise die Studie von Mandy Tröger über die ostdeutsche Presselandschaft. Wussten Sie, dass es in der Wendezeit mehr als 100 neu gegründete Zeitungen und Zeitschriften gab? Obwohl die Verkaufzahlen zunächst stimmten, dachten die Macher_innen zu idealistisch und nicht kommerziell genug, um eine ernsthafte Chance gegen die Konkurrenz aus dem Westen zu haben. Die Vertriebsgebiete teilten sich die vier westdeutschen Großverlage durch eine Kartellabsprache auf, dem politisch nur wenig entgegengebracht werden konnte.1

Das ist nur eines von vielen Beispielen, wie die zarten Pflänzchen getragen von zivilgesellschaftlichem Engagement zertrampelt wurden. Leider immer noch werden: Etwa wenn die letzten soziokulturellen Einrichtungen, deren Strukturen und insbesondere deren Finanzierung, und antirassistischen Projekte in Frage gestellt und offen angegriffen und verwüstet werden, was sie handlungsunfähig macht (auch auf parlamentarischem Weg durch den Druck der AfD-Fraktionen in den Landtagen).

Das benannte Pressebeispiel steht für den Idealismus, nun selbstbestimmt Presse- und Meinungsfreiheit zu gestalten, und die Aufbruchstimmung, die viele Aktive der Zeit als Anarchie im Kleinen bezeichnen, aber auch für Resignation. Obwohl es nicht an Ideen, Idealismus und Gestalter_innen mangelte, jenen Menschen, die Jutta Jahn im Interview die „NischenbewohnerInnen“ in der DDR nennt.

Die Betrachtungen von Karsten Kampitz und der beklagte Mangel an empirischen Untersuchungen zum religiösen Glauben in der DDR machen die Kehrseite auf und zeigen am Beispiel Christian Dietrich, welche Fragestellungen und Perspektiven auf DDR-Geschichte in Bezug auf die Rolle der Kirchen und der Religion die Geschichtsschreibung bis heute prägen und mitunter dominieren. Dabei deuten sie lediglich die Motivationen Einzelner an. Und so bleiben weiterhin im ungeachteten Hintergrund die – auch in diesem Heft nur angerissenen bzw. angedeuteten – Fragen: Warum wurden religiöse Symboliken und Rituale aufgenommen und welche Funktion steht dahinter, dass in der DDR religiöse Symboliken und Rituale lediglich umgedeutet und eben nicht grundsätzlich hinterfragt und ad absurdum geführt wurden? Wie hat sich der Status quo in der DDR in Bezug auf Trennung von Staat und Kirche und eine säkulare Idee von einem sozialistischen Staat während der 40 Jahre verändert und mit welchen Konsequenzen? Also mit welchem Einfluss auf die jeweiligen Generationen der DDR-sozialisierten Menschen?

Als es um das Abstecken des Themas ging, war innerhalb der Redaktion sehr schnell klar, dass wir den Versuch eines Perspektivwechsels wagen wollten. In diesem Heft wollen wir zum Mauerfall den rückwärtsgewandten Blick auf die DDR und die Rolle der Kirchen und Religion richten. Zum 30. Jahrestag des Einigungsvertrages und dem Beitritt zur BRD planen wir für 2020 ein Heft, das sich mit dem Wende- bzw. dem Transformationsprozess beschäftigt.

Anmerkung

1 Mandy Tröger: Pressefrühling und Profit - Wie westdeutsche Verlage 1989/1990 den Osten eroberten. Köln 2019.