Allgemeines | Veröffentlicht in MIZ 1/20 | Written by Nicole Thies

Editorial

Kultur | -politik | -hegemonie | -kampf

Kulturpolitik ist ein weites Feld. Aus säkularer Perspektive stellt sich die Frage: Was ist dran an der Kulturpolitik, wenn Religion und Glaube als Privatsache verstanden sind?

Nach der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) ist der Kernbereich der Kulturpolitik Kunstförderung und Kulturvermittlung. Im weiteren Sinn umfasst dies die Bereiche der Medien- und Kreativwirtschaft (Kunstmarkt, Musikwirtschaft, Film- und Fernsehen, Verlagswesen, Dienstleistungen im Bereich Design, Software etc.). In Teilen gefördert vom Bund und in anderen von Ländern oder Kommunen. Weite Bereiche sind privatwirtschaftlich organisiert und finanziert, aber auch freie Träger (Verbände und Vereine) sowie Stiftungen und Kulturfonds sind Akteure, die sich weite Einflussmöglichkeiten schaffen und erhalten.

Auf den Seiten der bpb findet sich außerdem eine Bewertung der Förderpolitik aus dem Jahr 2010: „Kulturpolitik ist in der Praxis auf Bundesebene sehr stark kulturelle Ordnungspolitik, auf Landes- und kommunaler Ebene überwiegend Kulturförderpolitik und in Verbänden Interessenpolitik für die jeweilige Berufsgruppe oder für die betreffenden Kultureinrichtungen.“1

Diese Einschätzung teile ich in den ersten zwei Punkten. Mit den Beiträgen des Heftes gesprochen: Die „kulturelle Ordnungspolitik“ ist die Causa Humboldtforum, die Landes- und kommunale Kulturförderpolitik stellt sich im parteipolitischen Teilbereich in der Causa AfD dar.

Den letzten Punkt verstehe ich im Vergleich zu den zwei erstbenannten nicht: Warum steht erst in Bezug auf jeweilige Berufsgruppen und einzelne Einrichtungen die Interessenpolitik? Als gäbe es keine Interessen in der „Ordnungspolitik“ oder der „Kultur­förderpolitik“. Warum sind hier die Interessen der Akteur_innen Bund, Land und Kommune ausgeblendet? Die Frage nach den Interessen ist auf allen Ebenen sinnvoll. Es lohnt sich den Blick auf die ‘nationale Kulturpolitik’ des Bundes und die föderal organisierte Förderpolitik der Länder und Kommunen in diesem Sinne zu richten.

Die diskursiven Kämpfe um die kulturelle Deutungshoheit wurden in den früheren Heften thematisiert, beispielsweise bauliche Maßnahmen, wie der Neubau der Dominikanerkirche als Universitätsaula in Leipzig, oder anlassbezogene Kulturpolitik mit Eventcharakter, wie die Lutherdekade zum Reformationsjubiläum. Dies zeigt, dass die Kirchen eine unterschätzte kulturpolitische Macht in Deutschland sind. Damit sind nicht nur die Millionen von Steuergeld gemeint, die in die kirchliche Denkmalpflege und Bauunterhaltung fließen. Sondern es geht auch um die zahlreichen kirchlichen Trägerschaften der Landeskirchen und der Stiftungen.

Im Bereich der bildenden Künste steht auf der einen Seite der Unter­halt von kirchlichen Museen, Ausstel­lungen etc., auf der anderen Seite die Auftraggeberschaft, Preisver­lei­hun­gen, Stipendien etc. oder gar Groß­aufträge wie das Glasfenster des Kölner Doms von Gerhard Richter und die Glasfenster im Naumburger Dom von Neo Rauch. Großaufträge, die in staatlichen Profanbauten ihresgleichen suchen. Selbst wenn immer wieder kolportiert wurde, dass beide Künstler quasi umsonst arbeiteten und die Produktionskosten aus privaten Spenden finanziert seien.

Ein älteres, aber ausführliches Gutachten aus dem Jahr 2005 spricht von bis zu 4,396 Milliarden Euro, die beide Großkirchen jährlich investieren, etwa 20% ihrer Kirchensteuern und Vermögenserlöse für Kulturelles; ebenso konstatiert das Gutachten eine Tendenz zur künstlerischer Aktivität, was einen wesentlichen Unterschied zu den von Staat und Kommunen geförderten Kultureinrichtungen ausmacht.2 Spannend wäre dann die Frage, ob hier eine Aufgabe der öffentlichen Hand in Zeiten von klammen Kassen quasi freiwillig oder zumindest unbesehen abgetreten wird.

Nicht erst seit dem Skandal um Tebartz-van Elsts klerikalen Protzbau ist klar, dass kirchliche Bau- oder Kunstaufträge durchaus einträglich sind. Und die ökonomische Existenz von bildenden Künstler_innen hängt nicht selten von lokalen Aufträgen ab.

Der Bereich des Kunstmarktes funktioniert eben marktökonomisch. Der kapitalistische Kunstmarkt hat Einfluss auf die Werke und auf unsere Vorstellung von autonomen oder ‘freien Künsten’. Das Bild der Autonomie ist trügerisch. Prof. Dr. Wolfgang Ullrich hat 2019 einen Artikel über das weite Feld von Freiheit(en) von Kunst und das Selbstverständnis von einzelnen Kunstschaffenden in der Zeit verfasst.3 Darüber hat sich der Topverdiener und neben anderen Künstlern erwähnte Neo Rauch so sehr erbost, dass er dem Kunstkritiker in Form eines Bildes antwortete. Das Gemälde ist ein Schmähbild – nicht allein gegen das Bild von Kunstkritiker_innen, sondern gegen die Kritik als solche.4

Wie sich öffentliche Debatten und Meinungen verschieben (lassen), zeigt die Frage nach der „Rekonstruktion“ des Kreuzes auf dem Humboldtforum in Berlin. Der Architekturhistoriker Nikolaus Bernau schrieb: „Kritisches Geschichtsbewusstsein sieht anders aus“ und erklärte: „Einst wurde es von Friedrich Wilhelm IV. als Triumphzeichen über die demokratischen Revolutionäre von 1848 gestiftet. Dies Kreuz wird nun nachgebaut, uminterpretiert zum Zeichen christlicher Liebe und als Teil des äußerlich korrekten Nachbaus des Schlosses.“ Die Analyse ist zutreffend, und zudem benennt sie einen wesentlichen Kern, der in der Debatte kaum Gehör fand. Das Gebäude ist ein Nachbau.

Provozierend kann nämlich die Frage gestellt werden: Warum das Preußenschloss? Warum nicht den Renaissancebau wiedererrichten und das 19. Jahrhundert ad acta legen? Weil es darum ging, allein den Zustand vor der Sprengung der Schlossruinen und selbstredend vor dem Bau des „Palasts der Republik“ zu DDR-Zeiten wiederherzustellen? Und ich erinnere an die oben benannte „kulturelle Ordnungspolitik“?

Dieser Wiederaufbau, der bestimmte architektonische Elemente auswählt und neu baut, ist eben keine „originalgetreue Rekonstruktion“, wie hier und da zu lesen war. In diesem Heft zeigt die Zusammenschau der Argumente im Streit um das Humboldtforum das Kippen der Debatte an dem Argument „Rekonstruktion“ und „Bildersturm“ deutlich.

Wenn Horst Bredekamp die Forde­rung, Laterne und Kreuz nicht wieder­zuerrichten, mit Ikonoklasmus vergleicht, mutet das seltsam an. Hat er selbst als Kunsthistoriker doch auf diesem Gebiet der Bildwissenschaft kritische Impulse geliefert. Ich habe mich fern der akademischen Debatten gefragt: Wie kann ein christliches Symbol – und da gibt es ikonographisch keine Zweifel – umgedeutet oder sinnentleert werden? Argument war: Weil es keinen religiösen oder religiös kultischen Bezug gibt. Also die Kuppellaterne mit Kreuz nun nicht mehr im direkten Bezug zu einer darunter befindlichen Schlosskapelle (Zustand 19. Jh.) steht. Und folgerichtig nachgehakt: Kann ein „sinnentleertes Kreuz“ einen Bildersturm entfachen? Die christlichen Bilderstürmer haben in St. Matthias in Trier eine Venusstatue symbolisch gesteinigt, um den Akt der Zerstörung am heidnischen Glauben zu vollziehen. Das Objekt war vorhanden, der Akt der Zerstörung nur deshalb sinnvoll, weil das Artefakt – oder Sinnbild der Aggression und Zerstörung – vorhanden war und für eine Idee (heidnische Religion) stand. Die Bilderstürmer der Französischen Revolution haben die Köpfe der Königsfiguren der Kathedralen abgeschlagen, aber die Torsi stehen lassen. Was ich sagen will: Beim Bilderstürmen bedarf es der Bilder / der Artefakte an sich inklusive ihrer symbolischen Bedeutung, sprich Repräsentation. Ergo: Widerstand hat das Kreuz entfacht, weil es christlich ist und weil es eben nicht die Idee Humboldtforum trägt.

Gerade funktional betrachtet ist das Humboldtforum ein ethnographisches Museum und Bildungszentrum und nicht das Preußische Stadtschloss der Hohenzollern. Also wer nur durch die Stadt läuft und das Forum an sich nicht betritt, steht vor dem Abbild des Hohenzollernschlosses – erinnert an die christliche Kulturgeschichte. Was sieht die Mehrheit der Touristen vor dem kreuzbekrönten Objekt in Berlin? Ein Fotomotiv so groß und prächtig, verklärt wie der Dom an der Seite, so idyllisch wie die Spree davor ... Deshalb ist der Idealismus eines postkolonialen Museums fast nur Parodie unter dem Kreuz.

Diese Passage wäre nur halb so lang geworden, wenn das Bilder­sturm­argument nicht mittlerweile auch eine andere Dimension angenommen hätte. Die postkoloniale und in Teilen die feministische Betrachtung – so wichtig wie mir beide tatsächlich als Forschungsansätze sind – haben politische Bilderstürme auf den Plan gerufen: das Wandbild der Alice-Salomon-Hochschule, die Namensänderung der Universität Greifswald etc. So richtig und so wichtig mir Debatten in diesen Themenspektren sind, so absurd und abwegig erscheinen mir ideologische Prediger_innen drumherum. Denn Geschichte muss erinnert werden.

Ist nur die Frage wie. Zumindest darf Erinnerungskultur nicht halt machen vor unbequemen Themen, z.B. gab es intellektuelle Debatten bezüglich des Umgangs mit Tourist_innen in Konzentrations- und Internierungs­lagern. Ebensowenig dürfen Identitäts­konzepte ‘unbequeme’ Denkmäler, Kunstwerke etc. einfach aus dem öffentlichen Raum bannen. Tilgen heißt vergessen. Die Muster verschwinden damit aber nicht aus den Köpfen.

Kulturpolitik ist eben Politik. Der Beitrag von Manuela Lück zeigt, dass dieses Feld von der AfD nicht nur erkannt, sondern inszeniert und aktiv politisch genutzt wird. Das Umdeuten von Begriffen, das Sagbarmachen von völkischer und rassischer Terminologie und der Kontrollblick auf die Sprache (unser Gewissen scheint allein durch die Existenz von Klemperer im Buchregal beruhigt zu sein) und das Handeln der „Anderen“ ist eine verbale und politische Strategie. Kulturpolitische Debatten sind und bleiben oft nur Finanzierungsdebatten. Der Meinungs­druck und der sprichwörtliche Geld­hahn setzen nicht nur soziokulturelle Zentren und deren soziale Arbeit unter massiven Druck, was nicht selten sogar existenzielle Auswirkungen bis hin zur Schließung hat. Sie machen eben nicht halt vor der Hochkultur – vom Denkmalschutz bis zur Museums-, Oper- und Theaterpolitik und deren Programmgestaltung – seit die AfD in kommunalen und landespolitischen Parlamenten sitzt. Kulturpolitik ist ein wesentlicher Baustein, um alternative Strukturen zu zerschlagen und reaktionäre Denkweisen und rechte Ideologien schrittweise in den Köpfen zu verankern.

Dahinter steht nicht selten die Frage, was darf oder kann Kunst / Kultur. Schon in der Frage offenbart sich das Potential, das den Kampf um die kulturelle Hegemonie entfacht. Die Kunst- und die Meinungsfreiheit sind Menschen- und Grundrechte, aber auch Instrumente im Kampf um die Deutungsmacht. Deshalb ist es umso wichtiger, über ebendiese nachzudenken und die Akteure in der Kultur- und Kunstszene unter die Lupe zu nehmen.

Anmerkungen

1 Kulturpolitik in Zeiten der Globalisierung von Max Fuchs (Zugriff am 7.4.2020).
2 Gutachten von Prof. Dr. Matthias Theodor Vogt, Der Beitrag der Kirchen und Religionsgemeinschaften zum kulturellen Leben in Deutschland (2005), das in den Endbericht der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ des Deutscher Bundestags (2007) eingeflossen ist (Zugriff am 7.4.2020).
3 Auf dunkler Scholle von Wolfgang Ullrich, die ZEIT 15.5.2019 (Zugriff am 23.2.2020).
4 Michael Hübl: Bild von Neo Rauch zeigt früheren Karlsruher Professor, der mit Fäkalien malt: Interview mit Wolfgang Ullrich, Neueste Nachrichten 7.8.2019 (Zugriff am 23.2.2020).
5 Nikolaus Bernau: Stadtschloss Berlin. Fehlendes kritisches Geschichtsbewusstsein beim Nachbau, Berliner Zeitung 28.12.2019 (Zugriff am 23.2.2020).