Prisma | Veröffentlicht in MIZ 1/18 | Written by Gunnar Schedel

Diskurswechsel

Im Ferkelbuchstreit warf ein identitäres Religionsverständnis seine Schatten voraus

Es war ein außergewöhnliches Verfahren, das da am 6. März 2008 
vor der „Bundesprüfstelle“ stattfand. Wo ansonsten über die Dar
stellung brutaler Gewalt oder volksverhetzende Aussagen ver
handelt wird, ging es damals um die Frage, ob ein niedliches, im Kinderbuch-Stil gezeichnetes Schweinchen aus der Öffentlichkeit verbannt werden sollte. Der Vorwurf: Durch seine Kritik an den drei abrahamitischen Weltreligionen wirke das Ferkel sozial desorientierend auf Kinder.

Die Auseinandersetzung ging als großer Sieg in die säkularen Annalen ein, denn der Versuch, das religionskritische Kinderbuch kaltzustellen, scheiterte; die für eine Indizierung notwendige Stimmenzahl kam nicht zustande, das Ferkelbuch blieb uneingeschränkt lieferbar und verkaufte sich allein bis Jahresende über 30.000-mal. Das Bündnis für Erziehung, in dessen katholisches Umfeld sich die Initiative für den Indizierungsantrag ziemlich sicher zurückverfolgen lässt, unterlag dem Bündnis deutschsprachiger säkularer Verbände, die in einer gemeinsamen Erklärung die Freiheit der Religionskritik gefordert hatten. Aus heutiger Sicht wäre das Bild ein wenig zu korrigieren, und nicht nur, weil die Realität immer ein bisschen komplizierter ist als die Geschichtsschreibung.

Die Gefahr der „sozialen Desorien-
tierung“ begründete das Bundesfami­lienministerium damit, dass die drei großen Weltreligionen Christentum, Islam und das Judentum „verächtlich gemacht“ und der Lächerlichkeit preisgegeben würden, insbesondere aber mit dem Antisemitismusvorwurf. Die gut zwei Seiten Antragstext empfand ich damals als intellektuelle Peinlichkeit, sie erschienen mir so krude, dass ich einen Moment lang überlegte, ob wir nicht eine heimliche Sympathisantin im Hause von der Leyen hätten, die uns mit ihren besonders dummen Argumenten in die Karten spielen wollte. Heute habe ich eher den Eindruck, dass sich in dem Schreiben eine Veränderung im Diskurs über Religion abzeichnete, die sich heute in allen politischen Lagern durchgesetzt hat: die Unterordnung des Individuums unter traditionelle kollektive Identitäten.

Denn der Antisemitismusvorwurf gründete auf der bildlichen Darstellung und Charakterisierung der Person des Rabbi, der im Buch als ultraorthodoxer Geistlicher mit den entsprechenden reaktionären Ansichten dargestellt wird. Obwohl andere Juden im Ferkelbuch nicht zu sehen sind, leitete das Bundesfamilienministerium aus der Kritik der durch den Rabbi vorgetragenen Auffassungen die Ablehnung eines Personenkollektivs – der Juden – ab. Darin manifestiert sich in zweierlei Hinsicht die Verschiebung des Diskurses. Zum einen dürfte ein beachtlicher Teil des vermeintlich attackierten Kollektivs der Juden die Positionen des Rabbi nicht teilen, nicht einmal im orthodoxen Lager fände er uneingeschränkte Zustimmung, von liberalen oder nichtreligiösen Jüdinnen und Juden mal ganz zu schweigen. Die Kritik trifft folglich nicht „die Juden“ als Kollektiv. Zum anderen negiert der Indizierungsantrag die Trennung von Person und Position und fällt somit hinter eine zentrale Errungenschaft der Aufklärung zurück.

Zusammengenommen scheint hier eine Auffassung durch, die für mich eine Position der politischen Rechten markiert: Das Individuum wird einem Kollektiv zugeschlagen, von dem sich zu emanzipieren nicht vorgesehen ist.

Ungefähr zeitgleich las ich einen juristischen Aufsatz über Blasphemie. Darin wurde Religion in dieselbe Kategorie wie Hautfarbe und Geschlecht gestellt wurde, nämlich als gewissermaßen unveränderliches Merkmal, das die Identität eines Menschen so weitgehend bestimmt, dass eine Kritik daran immer auch die Person an sich trifft und deshalb (zumindest in pointierten, frechen, zugespitzten Formen) am besten zu unterbleiben habe.

Was damals vage zu ahnen war, ist mittlerweile augenfällig: Indem Religion von einem Bekenntnis zu einem Identitätsmerkmal umgedeutet wird, wird sie ein stückweit der Kritik entzogen. Gleichzeitig nimmt die heute vorherrschende Perspektive nicht die Religiosität des Individuums in den Blick, sondern die des Kollektivs – und da eine solche de facto natürlich nicht existiert, die Definition derer, die die Macht dazu haben. Das hat zur Folge, dass beispielsweise bei Religionen von Bevölkerungsminderheiten selbst interne Reformbemühungen als Angriff auf die Minderheit bzw. ihre vermeintliche Identität denunziert werden können. Ablehnung von Orthodoxie und Gruppenzwang wird ins Vorfeld der Fremdenfeindlichkeit eingeordnet.

Der Diskurs über die gesellschaftliche Stellung des Islam wird längst von der Alternative für Deutschland (AfD) und ihren identitären Ideen bestimmt. Liberale und linke Kräfte begnügen sich überwiegend damit, die Gegenposition zu beziehen – aber das spiegelt den AfD-Diskurs nur und hebt ihn nicht auf. Und es spielt den konservativen Islamverbänden in die Hände, die sich der Politik (oft erfolgreich) als erste Ansprechpartner für alle Muslime und aus islamisch geprägten Ländern Eingewanderte andienen.

Den identitären Diskurs aufzuheben und das Individuum wieder in den Mittelpunkt des Freiheitsverständnis­ses zu setzen, wäre eine aktuelle Auf­gabe der organisierten Säkularen; den Lobliedern der kollektiven Identität Dissonanzen der Abweichung entgegenzusetzen. Das Ferkelbuch kann dazu bis heute als Hilfsmittel dienen.