Zündfunke | Veröffentlicht in MIZ 3/13 | Written by Redaktion MIZ

„Die religiöse Wende der HU wollten wir nicht mittragen“

Viele Jahre veranstaltete die Humanistische Union (HU) Frankfurt zur Buchmesse eine Lesung im Club Voltaire. Dieses Jahr fehlte das orangefarbene Transparent. Über die Hintergründe sprach MIZ mit Peter Menne.

MIZ: Du hast heute die Ghosthunting-Lesung für die gbs Rhein-Main moderiert. Was hat Dich dazu bewogen, nach 22 Jahren die HU zu verlassen?

Peter Menne: Die religiöse Wende der HU wollten
wir nicht mittragen. Darauf wurden wir als „Säku
la­risationsstalinisten“ beschimpft. Der Bundes­vorstand stört sich nicht an solchen Ausfällen und der Geschäfts­führer mobbt die Aktiven weg.

Die Frankfurter HU hat 1972 Kirchenaustrittsberatung angeboten. HU-Gründer Gerhard Szczesny warnte im Gründungsaufruf vor „unserer Entmündigung und Gleichschaltung diesmal im Namen der christlichen Heilslehre“. Jetzt belehrte uns Geschäftsführer Sven
Lüders, die „Förderung religiöser Betätigung“ sei
Satzungszweck der HU. Weltanschauliche, künst
lerische etc. Freiheit hat er aber unterschlagen und
auch auf Nachfrage fielen ihm diese Kernbereiche der
alten HU nicht ein! Ob Religion damals nur wegen steuerlicher Gemeinnützig­keit aufgenommen wurde, kann ich nicht beurteilen.

MIZ: Wann hat die HU sich verändert?

Menne: Spätestens seit der Fusion mit der religiös ge
prägten Gustav-Heinemann-Initiative: Da rückten eine Synodale und ein Ossi zusammen. Ein Ossi, von dem ich nicht weiß, ob er den Antikommunismus der Kirchen mit Freiheitsliebe verwechselt. Orwellsches Zwiesprech beherrscht Lüders jedenfalls perfekt. Wenn wir uns gegen Salafisten wie Pierre Vogel stellen, bezichtigt er uns einer „aggressiven Religionskritik“. Wenn Lüders aber läppische 30 Euro haben will, nennt er die Giordano-Bruno-Stiftung eine gleichgesinnte Organisation – bis die seine Bettelbriefe ignoriert.

MIZ: Was hat das mit der Synodalen zu tun?

Menne: Mit der Fusion rückte Jutta Roitsch-Wittkow­sky in den Bundesvorstand und übernahm das Ressort
„Soziales“. Aktivitäten habe ich von der hessischen
Synodalin keine mitbekommen. Aber als wir eine Kontroverse zum „bedingungslosen Grund­einkommen“ planten, wollte sie das verhindern.

Vom kritischen Gedankengut der HU-Gründer ist nicht viel übriggeblieben: das Haupt des Arbeitskreises „Staat / Kirche“ war stolz auf „Berliner Gespräche“, bei denen konservativen Kirchenrechtlern „kritische Fragen“ gestellt wurden. Als ich bei Papst Ratzingers Rücktritt in den RTL-Hauptnachrichten dessen mittel­alterliche Moral kritisierte, protestierte jenes Haupt: Das sei nicht die Meinung des Bundesvorstandes!
Mal ehrlich: Wem außer Pius-Bruder Williamson sind päpstliche Moralvorstellungen zu fortschrittlich?