Allgemeines | Veröffentlicht in MIZ 4/19 | Written by Christoph Lammers

Die dialektische Aufklärung

1784 formulierte der Philosoph Immanuel Kant die folgenden Sätze: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“ Es gibt bis heute kaum eine bekanntere – und vielleicht auch keine griffigere – Definition des Begriffes Aufklärung. An dessen Ende ein Aufruf Kants, ja ein Imperativ steht, den es auch heute noch zu beherzigen gilt: „Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“1

1784 formulierte der Philosoph Immanuel Kant die folgenden Sätze: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“ Es gibt bis heute kaum eine bekanntere – und vielleicht auch keine griffigere – Definition des Begriffes Aufklärung. An dessen Ende ein Aufruf Kants, ja ein Imperativ steht, den es auch heute noch zu beherzigen gilt: „Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“1

Kants programmatische Definition der Aufklärung wurde im Laufe der Geschichte durch viele Denker_innen, Intellektuelle und Revolutionär_innen mit Leben gefüllt. Aufklärung wurde nicht mehr nur als ein philosophisches Gerüst verstanden, über welches sich in Vorlesungen und an Stammtischen trefflich streiten ließ. Aufklärung wurde in gewisser Weise vom Kopf auf die Füße gestellt, oder anders ausgedrückt, mit Leben gefüllt. Der Kampf für Humanismus, Emanzipation und Menschenrechte und gegen Fanatismus, Faschismus und irrationales Denken prägte über viele Jahrzehnte und Jahrhunderte die gesellschaftliche Wirklichkeit und ist ein beredtes Zeugnis für den Wandel.

Mit der Aufklärung wurden neue Wege beschritten. Die Naturwissen­schaften traten an die Stelle der Reli­gionen und ersetzten diese bei der Erklärung von Fragen nach dem Woher und dem Wohin. Das Monopol der Kirchen und ihrer Fürsten von Gottes Gnaden wurde gebrochen. In der Medizin wurden maßgebliche Fortschritte erzielt, mit deren Hilfe wir nicht nur immer älter und fitter werden. Wir sind darüber hinaus längst in der Lage, Medizin von Scharlatanerie zu unterscheiden – wenn wir es denn wollen. Mit der Bildung und der Emanzipation entkleideten sich die Menschen ihrer religiösen und irrationalen Ketten, die ihnen über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg durch so genannte heilige Schriften angelegt wurden. Mit der Aufklärung wurde somit das Fundament gelegt, auf dem unsere heutige Gesellschaft fußt. Eine Gesellschaft, die dem Ideal nach für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit steht, so wie es die Losung der Französischen Revolution vorsah.

Wer möchte nicht in diesen Chor der Lobgesänge einsteigen? Wozu also einen (kritischen) Blick auf das Verhältnis von Aufklärung und gesellschaftlichem Fortschritt wagen? Und wenn schon ein Poster Boy der säkularen Szene wie Philipp Möller, ein „eloquentes Kerlchen“ wie Daniela Wakonigg unlängst feststellte, dazu aufruft, sich endlich von der Angst und den Zweifeln zu befreien, schließlich würden die nackten Zahlen eine ganz andere Sprache sprechen, dann kann doch eigentlich nichts falsch laufen – oder doch?2

Die Vorstellung, wonach die Welt immer besser, friedlicher, glücklicher und was auch immer wird, entspricht so gar nicht der Wahrnehmung vieler Menschen in diesen Tagen. Ganz im Gegenteil. Die Welt scheint aus den Fugen geraten zu sein. Krisen und Konflikte bestimmen die gesellschaftliche Wirklichkeit. Das Versprechen einer besseren Zukunft, dank des ökonomischen und politischen Fortschritts der letzten Jahrzehnte, ist verflüchtigt. Flüchtlingskrise, Finanzkrise, Klimakrise und nicht zuletzt die Demokratiekrise. In der Gesellschaft errungene Fortschritte, beispielsweise in Fragen reproduktiver Rechte oder der (sexuellen) Selbstbestimmung, werden plötzlich wieder in Frage gestellt. Rassistisches und völkisches Gedankengut werden ganz offen artikuliert. Hier wird die erinnerungspolitische Wende um 180 Grad gefordert (Bernd Höcke), dort möchte man die (damalige) Integrationsbeauftragte Aydan Özoğuz in Anatolien entsorgen und den Nationalsozialismus zum Fliegenschiss der Geschichte erklären (Alexander Gauland).3

Die derzeit mal wieder lauter werdende Kritik an Aufklärung hat die MIZ-Redaktion dazu veranlasst, das Verhältnis von Aufklärung und gesellschaftlichem Fortschritt näher unter die Lupe zu nehmen. Dabei gilt es, bestimmte Fra­gen näher in den Blick zu nehmen. Was ist eigentlich Aufklärung? Wie definiert man Aufklärung? Wie gehen wir mit der historischen Aufklärung um? Wie sieht das Verhältnis von früheren zu heutigen Positionen aus? Was sind diese Positionen und welcher Methodik bedienen sie sich?

Um diesen Fragen nachzugehen, werden wir mit der Ausgabe 4/2019 eine Serie starten, in welcher wir mit Beiträgen von Autor_innen aus unterschiedlichen Disziplinen die Aufklärung zum Thema machen. Der erste Beitrag ist von dem Philosophen Hermann Josef Schmidt. Es handelt sich dabei um einen Beitrag, der die Aufklärung (historisch) nicht nur würdigt, sondern zugleich verdeutlicht, dass „die frühes­te belegbare Geschichte europäischer Philosophie und Wissenschaften bereits auch eine Geschichte von Religionskritik(en) in konsequent aufklärerischer Perspektive ist“. Im Laufe der kommenden Hefte werden wir uns der Aufklärung unter weiteren Perspektiven nähern, so beispielsweise aus dem Blickwinkel des Poststrukturalismus, der Kritischen Theorie und des Feminismus.

Es lässt sich nicht von der Hand weisen, dass die Ideen der Aufklärung immer öfter und immer stärker einer in Teilen harschen Kritik ausgesetzt sind. Neben der Kritik von Seiten rechtskonservativer bis völkischer-nationalistischer Ideolog_innen, die unsere Gesellschaft gerne wieder in die Zeit der 1930er bis 1950er zurückwerfen möchten, sind es linke und linksliberale Denker_innen, die den Finger in die Wunde legen und das Erbe der Aufklärung kritisch hinterfragen.
Stellvertretend sei an dieser Stelle die Kritische Theorie genannt. Allen voran Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, die in der Dialektik der Aufklärung ein Plädoyer zur Ambivalenz des Begriffes Aufklärung verfasst haben. In dem Werk haben beide Autoren betont, wie wichtig die Kritik und Reflexion von Rationalität und Vernunft sind, denn „schon der Mythos ist Aufklärung, und: Aufklärung schlägt in Mythologie zurück“.4

Die heutige Debatte ist von postkolonialen Positionierungen geprägt und hat der so genannten Frankfurter Schule längst den Rang der ‘Kritisch(st)en Theorie’ abgelaufen. Deren Vertreter_innen fühlen sich progressiven und gesellschaftsverändernden Positionen verpflichtet und schicken sich an, nicht nur den akademischen, sondern auch den politischen Diskurs mitzubestimmen. Ihnen geht es um Herrschaftsverhältnisse, hegemoniale Positionen, historische auszudifferenzierende Diskontinuitäten, Dekonstruktion von Machtstrukturen über das Reflektieren dessen, wo Machtgefälle, Unterdrückung oder bipolare Denkweisen (wie schwarz-weiß, primitiv-zivilisiert etc.) sichtbar werden – soweit so richtig.

Denn der Ansatz war angetreten, um soziale, politische und ökonomische Krisen des globalen Südens aus der Kolonialisierung zu erklären – primär werden die kulturellen Dimensionen untersucht, die Erfahrungen von Unterdrückung von kolonisierten Subjekten und deren Widerstand in den Fokus genommen. Historisch betrachtet ist die Kritik an den Kolonialmächten und Kolonialisierer_innen, die mit der Zunge von ‘Aufklärern’ sprachen, aber es mit der Gleichheit der Menschen nicht so ernst nahmen, durchaus berechtigt. Und bis heute profitiert der globale Norden ökonomisch. Dagegen wiegen kleine Sozialprojekte wenig, die mit Menschen arbeiten und sie empowern, ihre Menschrechte und ihre Würde selbstbestimmt entgegen von tradierten sozialen Ausschlüssen einzufordern – wie beispielsweise das Hexenprojekt beschrieben in der letzten Ausgabe der MIZ 3/19.

Gerade in Europa tun sich Verfechter_innen des Ansatzes des Postkolonialismus jedoch im Umgang mit Religionen, der Kritik an Religionen und deren Machtasymmetrien sowie säkularen Neutralitätsforderungen schwer. Dabei geht es dann im Wesentlichen nicht um das Argument, dass die Aufklärung mit religiösen, moralisierenden Wertvorstellungen aufräumt und ein universalistischen Ansatz verfolgt wird, sondern dass die historischen Vertreter_innen der Aufklärung und deren Positionen ethno- und eurozentrisch, patriarchal und diskriminierend waren. In diesem Zusammenhang formulierte Verallgemeinerungen und missverstandene Identitätsdebatten oder 
Zuschreibungen, die Individuen auf Gruppenzugehörigkeiten reduzieren und 
festlegen, streckenweise gepaart mit Wissenschaftsfeindlichkeit und histo­rischer Gleichgültigkeit machen Dis­kussionen schon fast unmöglich. Im schlimmsten Fall führen sie zu Diffamie­rungen, allem voran unter dem Verdikt der Mehrheitszugehörigkeit / -zuschreibung.

Sich mit der Aufklärung, ihrer Geschichte, Gegenwart und Zukunft auseinanderzusetzen, bedeutet sich der Kritik zu stellen. Die Losung lautet wie eh und je, Kritik, Kritikfähigkeit und Diskussion statt Dogmatismus. In diesem Sinne, Geschichte wird gemacht!

Anmerkungen

1 Kant, Immanuel: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?, In: Berlinische Monatsschrift 4/1784. Zitiert in Was ist Aufklärung? Thesen, Definitionen, Dokumente. Herausgegeben von Barbara Stollberg-Rillinger. Stuttgart 2011, S. 9.
2 Vgl. Wakonigg Daniela: Herr Möller hat keine Angst mehr. Quelle: https://hpd.de/artikel/herr-moeller-hat-keine-angst-mehr-17266 [letzter Zugriff: 10.1.2020]. In eine ähnliche Kerbe schlägt der US-amerikanische-kanadische Psychologe Steven Pinker. In seinem Buch Gewalt. Eine Neue Geschichte der Menschheit behauptet der Autor, dass die menschliche Zivilisation als Geschichte abnehmender Gewalt zu lesen sei. Eine kritische Würdigung erfuhr das Buch u.a. in der FAZ von Herfried Münkler. Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/steven-pinker-gewalt-alle-kurven-weisen-auf-den-ewigen-frieden-11497412.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2 [letzter Zugriff: 10.1.2020].
3 Hierbei handelt es sich um die bekanntesten Aussagen von AfD-Politikern. Es gibt eine Vielzahl weiterer grenzüberschreitender Aussagen von AfD-Politiker_innen, die kaum Beachtung gefunden haben. Vgl. dazu die Dokumentation ausgewählter Aussagen von Mitgliedern der AfD-Bundestagsfraktion in der Zeitschrift Konkret. „Wir werden uns unser Land und unser Volk zurückholen“, in: Konkret 11/2017, S. 14f. Dass dies nicht ein deutsches Phänomen ist, dürfte längst bekannt sein. Wer sich einen Eindruck dazu verschaffen möchte, sei folgender Band ans Herz gelegt: Rabinovici, Doron / Klenk, Florian: „Alles kann passieren!“ Ein Polittheater. Wien 2018.
4 Horkheimer, Max / Adorno, Theodor W.: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt am Main 1988, S. 6.