Allgemeines | Veröffentlicht in MIZ 4/13 | Written by Christoph Lammers

Dichtung und Wahrheit

Der Blick in die Zeitungen und ins Fernsehprogramm verrät viel über den jeweiligen Zustand einer Gesellschaft. In
Bezug auf das aktuelle Schwerpunkt­thema ist damit weniger die Quali­tät der Informationen und des Enter­tainments gemeint, sondern vielmehr die Frage, womit sich die Medien zurzeit beschäftigen. Und hier zeigt sich, dass Verschwörungstheorien und Geheim­bünde en vogue sind.1

Die Faszination, die das Thema aus
löst, speist sich aus ganz unterschiedlichen Motivationen. Ist es für die einen der Ausdruck von Skepsis gegenüber Herrschaftsstrukturen, wie sie durch Religionen und den Staat seit Jahrhunderten ausgeübt werden,
ist es für eine wachsende Zahl an Men­schen eine Wahnvorstellung. Unter Zu­hilfenahme von Religionen, Esoterik und dem Staat werden Theorien konstruiert und missliebige Personen und Gruppen diffamiert.

Dies alles geschieht auch heute, ob
wohl oder gerade weil wir im Zeitalter der Globalisierung leben. Egal auf welche Teilbereiche des Lebens man
schaut, die Globalisierung hat dazu beigetragen, dass die Welt kleiner und
zugleich intransparenter geworden ist. Davon sind auch die Ent­scheidungen betroffen, die auf politischer Ebene getroffen werden. Auch wenn viele die Globalisierung dafür verantwortlich machen, bin ich eher davon überzeugt, dass die Intransparenz daher rührt, dass die Bürger_innen regelmäßig und
systematisch mit Halbwahrheiten, Le­genden und Lügen getäuscht werden. Tagtäglich ist zu beobachten, dass eine neue Sau durchs Dorf getrieben, ein neues Wundermittel auf dem Markt angepriesen oder die Zukunft von selbsternannten Expert_innen gedeutet wird. Immer geht es um das so genannte Unvermeidliche. Sei es der notwendige Umbau des Sozialstaats, die Sicherung des Friedens durch Krieg oder die Einschränkung von Grundrechten in Zeiten des Terrorismus.

Politische Entscheidungen werden nicht im öffentlichen Raum gefällt, sondern in den Hinterzimmern der Büro­kratie. Absprachen und Korruption sind die Regel, nicht die Ausnahme. Was also liegt da näher, als dass sich die Bürger_innen fragen, ob dies alles
mit rechten Dingen zugeht? Kann es
da verwundern, dass Menschen Ver­schwörungsideologien, und mögen sie noch so absurd sein, mehr abgewinnen können, als der Wahrheit. Schließlich scheint es weitaus einfacher, dem Mossad die Verantwortung für die Anschläge vom 11. September 2001 zuzuschieben oder, wie die derzeitige Diskussion um den Bildungsplan der rot-grünen Landesregierung in Baden-Württemberg zeigt, an eine Gender Mainstreaming-Verschwörung zu glauben, statt diese konstruierten Sichtweisen (selbst)kritisch zu hinterfragen und nach den tatsächlichen Ursachen der Krise zu suchen.

Die Intransparenz hat dazu geführt, dass sich die Demokratie in einer ernstzunehmenden Krise befindet. Das Vertrauen in die Politik ist verloren gegangen. Doch nicht der Vertrauensverlust ist das Problem. Schließlich ist es gar nicht verkehrt, den Reichen und Mächtigen dieser Welt nicht zu glauben, was sie uns erzählen. Ich bin davon überzeugt, dass erstens, die Krise der Demokratie zugleich eine Krise der Aufklärung und der Wissenschaft ist. Zweitens, dass diese Entwicklung (religiöse und esoterische) Kräfte befördert, die durch das Moralisieren die Krise für sich zu nutzen suchen. Und drittens, dass durch die Intransparenz das noch verbliebene kritische Denken von Verschwörungsideologen zu einem gewissen Teil abgeschöpft und für eigene Zwecke missbraucht wird.

Ordnung und Harmonie

Viele Menschen fragen sich angesichts der Krise, warum dies passiert? Nicht wenige von ihnen teilen die Vorstellung, dass alles einen Sinn haben, alles einer (inneren) Logik folgen müsse. Da die Welt immer komplexer und unüberschaubarer wird, wird der Ruf nach einfachen und geschlossenen Erklärungen immer lauter. Religionen und Esoterik bieten durch ein radikal vereinfachtes Weltbild ein geschlossenes Erklärungsmodell für den Zustand der Welt an. Alles hat seinen Platz in der Gesellschaft. Alles folgt einer bestimmten Ordnung. Auch Verschwörungsideologien bauen
auf dieses Konstrukt der Komplexitäts­reduktion auf. Politische Ereignisse und fehlende Erklärungen dafür werden benutzt, um missliebige Zustände der Gesellschaft zu benennen und vor dem Verfall der Sitten zu warnen. „Anstatt die Verhältnisse in unserer immer komplizierter werdenden Welt zu erklären, wird alles einfach auf Verschwörungen zurückgeführt. An die Stelle der Wissenschaft tritt die Esoterik, die Lehre von dem geheimen Wissen über die ‚Ganzheitlichkeit‘ und natürliche Harmonie.“2 Diese Harmonie funktioniert jedoch nur, solange sich alle Menschen an den für sie fest zugeteilten Platz in der Geschichte halten. Dieser Platz wird durch Abstammung, Geschlecht, Klasse und „Rasse“ determiniert. Das Ausbrechen aus dieser kosmischen Harmonie führt zu Katastrophen, Kriegen und individuellen Krankheiten.3 Verschwörungsideologien nennen die
Schuldigen beim Namen. Sie weisen
denen die Schuld zu, die auszubrechen
versuchen bzw. nicht bereit sind, sich ihrem Schicksal zu ergeben. Opfer dieser Wahnvorstellungen sind in erster Linie Minderheiten, die der moralischen Ordnung widersprechen. Auch in dieser Hinsicht sind sich Verschwörungsideologien, Religionen und Esoterik gleich.

Wir möchten uns in dieser Ausgabe dem Phänomen der Verschwörung nähern. Für die MIZ-Redaktion stehen dabei zwei Dinge im Vordergrund: Zum einen interessiert uns der Glaubensaspekt, der hinter den Verschwörungsideologien steckt. Wieso glauben Menschen an Verschwörungen? Wann schlägt berechtigte Skepsis und die begründete, aber nicht konkret bewiesene Annahme, dass die Herrschenden uns belügen, in Glauben um? Hierzu haben wir mit Thomas Grüter gesprochen, der zu den bekanntesten Forschern auf dem Gebiet der Verschwörungsideologien gehört. Zum anderen interessiert uns
der Ausgrenzungsaspekt, denn Ver­schwörungsideologien können von Herrschenden eingesetzt werden, um bestimmte missliebige Gruppen gegeneinander auszuspielen oder eine Gruppe auszugrenzen. Auf beide Aspekte gehe ich im Folgenden kurz ein.

Der Glaubensaspekt

Gibt es so etwas wie eine Disposition bei Menschen, die dazu verleitet, an Verschwörungsideologien zu glauben? Bisher konnte derlei nicht nachgewiesen werden. Es gehört aber, soweit ist sich die (Natur)Wissenschaft einig, zum Menschen dazu, dass er (dem) Fremden skeptisch begegnet. Es hat uns im Laufe der Evolution ein ums andere Mal das Leben gerettet, Vorsicht walten zu lassen. Somit ist die gesunde Skepsis ein Produkt menschlichen Denkens und Handelns. Doch manchmal verselbständigt sich diese Haltung zu einem fragwürdigen, mitunter krankhaften Glaubenskonstrukt, in welchem Zuordnungen und Zuschreibungen eine größere Rolle spielen als Fakten und Erkenntnisse.

Gerade in Krisenzeiten wächst der Zuspruch für Verschwörungen rapide. Die Menschheitsgeschichte ist voll von solchen Beispielen ideologisch aufgeblähter Muster: Illuminaten, Freimaurer, die Weisen von Zion, die jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung, die Auschwitzlüge, die Ermordung John F. Kennedys und die Kosher Conspiracy.
Der Historiker Wolfgang Wipper­mann macht insgesamt fünf Epochen aus. Erste Phase: Das ausgehende Mit­telalter und der Beginn der frühen Neuzeit; zweite Phase: Aufklärung und Französische Revolution; dritte Phase: die bolschewistische Revolution; vierte Phase: der Kalte Krieg; fünfte Phase: die Anschläge vom 11. September 2001.4 Doch es sind nicht nur historische bzw. politische Ereignisse, um die sich Mythen und Legenden ranken und die dazu geführt haben, dass Menschen an eine Verschwörung gegen sich und andere glauben. Auch die Medizingeschichte ist voll davon. AIDS steht bis heute in dem Verdacht, eine Verschwörung der Industrie zu sein. Auch gilt die MMR-Impfung bei vielen Impfgegner_innen weiterhin als Ursache für Autismus-Erkrankungen bei Kindern. Die Zahl derer, die dem Glauben schenken, wächst. Leider werden solche Mythen immer wieder durch Intransparenz der Politik und durch die Gewinnsucht der Wirtschaft befördert. Die Folge ist die Ablehnung der klassischen Medizin und der wachsende Zuspruch zur Paramedizin (z.B. Homöopathie).

Der Ausgrenzungsaspekt

Eine gesellschaftliche Krise erfordert die Suche nach Schuldigen. Nichts liegt für viele näher, als gezielt nach einer Gruppe zu suchen, die als Verursacher der Krise angesehen werden kann. Um das Problem zu lösen, gibt es zwei mögliche Vorgehensweisen. Entweder man versucht, die Akteure gegeneinander auszuspielen oder man sucht gezielt nach einer bestimmten Gruppe, der die Verantwortung für die Krise zugeschrieben werden kann. Die Schuldzuweisung in beiden Fällen geschieht durch die Konstruktion und Fälschung von In­formationen.

Die „Kriminalgeschichte des Chris­tentums“ ist voll von Verschwörungen. Durch konstruierte und gefälschte Tatsache wurden Menschen zugleich zu Tätern und Opfern gemacht. Die Brunnenvergiftungslegenden, wonach
die Juden die Brunnen vergifteten, um die Pest zu verbreiten, stehen hierfür ebenso stellvertretend wie die Hexenverfolgung, die bis in die Neuzeit reicht.
Eines der wohl bekanntesten Bei­spiele der Neuzeit ist die so genannten Protokolle der Weisen von Zion. Für Nationalsozialisten und Islamisten bildet die im russischen Zarenreich, unter Federführung der Geheimpolizei, entstandene Fälschung bis heute die Grundlage, um einer jüdischen Welt­verschwörung das Wort zu reden. Überhaupt gelten Juden, aber auch Sinti und Roma als Problem, aus unterschiedlichen Gründen. Sie gehören zur Gruppe derer, die sich gegen die natürliche Ordnung versündigt haben.

Aufklärung stärken

Jede Krise verlangt nach einer Erklärung, die transparent und nachvollziehbar und auf die Krisenbewältigung hin ausgerichtet ist. Die Geschichte zeigt, dass in Krisenzeiten weniger die gesellschaftlichen Veränderungen im Vordergrund stehen, sondern vielmehr der Erhalt von Macht und Einfluss. Dies
kann dadurch gewährleistet werden,
indem Schuldzuweisungen und Verschwörungstheorien formuliert werden. Somit sollte klar sein, dass Krisenzeiten immer eine der Grundvor­aussetzungen für den Zuspruch für Verschwörungsideologien bilden.

So inkonsistent sie auch aus wissenschaftlicher Sicht sein mag, für viele ergibt die Verschwörungstheorie einen Sinn, weil sie sowohl einen Schuldigen als auch einen Ausweg aus der Krise benennt. Dass dabei die Komplexität der Krise so stark reduziert und deterministisch argumentiert wird, zeigt nicht nur die Ähnlichkeit mit Religion und Esoterik, sondern auch die Gefahr eines drohenden Rückfalls in eine vor- und antiaufklärerische Zeit. Daraus folgt, dass die erfolgreiche Bewältigung der Krise, egal ob ökonomischer oder politischer Natur, zugleich eine Schwächung der religiös-esoterischen Deutungsmuster mit sich bringt. In diesem Sinne, Geschichte wird gemacht!

Anmerkungen

1 Vgl. u.a. die dreiteilige Dokumentation des französisch-deutschen Kulturkanals ARTE vom 4.1.2014.
2 Wippermann, Wolfgang: Agenten des Bösen. Verschwörungstheorien von Luther bis heute. Berlin 2007, S. 152.
3 Vgl. ebd., S. 146.
4 Vgl. ebd., S. 160-163.