Schwerpunktthema | Veröffentlicht in MIZ 3/19 | Written by Jutta Jahn und Nicole Thies

„… dass ich erst weiß, wohin ich gehe, wenn ich weiß, woher ich komme“

Eine subjektive Sicht auf die DDR, die Rolle der Kirche 
und Religion in der DDR

In dem Jahr des Mauerfalls feierte die DDR ihr 40-jähriges Bestehen. 40 Jahre haben Menschen Alltag erlebt, berufliche Laufbahnen eingeschlagen, Familien gegründet und Kinder erzogen etc. und zwar in einem „System“ oder besser in einer Gesellschaft, die anders organisiert war als in der BRD. Die politische Idee der DDR organisierte nicht nur Bildung, Geschichtsschreibung und Politik anders und in vielen Bereichen doktrinärer, sondern insbesondere den Alltag der Menschen. Bildung und Sprache wurde geprägt von anderen Worten, nicht nur von Neologismen wie „Antifaschistischer Schutzwall“, sondern u.a. bekamen die Worte Humanismus und Solidarität einen anderen Stellenwert und Bedeutung. Für die MIZ sprach Nicole Thies mit der Kunstwissenschaftlerin Jutta Jahn über die Rolle der Kirchen im Alltag und in der Gesellschaft.

MIZ: In welchen Situationen bist du in deiner Kindheit und Jugend mit Kirche in Berührung gekommen?

Jutta Jahn: Meine ersten 12 Lebens­jahre waren geprägt von einem Umfeld, das in der damaligen Phase idealistisch und begeistert am sogenannten Aufbau der jungen Republik mitwirkte. Meine Eltern waren beide seit 1949 in der SED und vielfach engagiert. Beruf, Alltag und Politik waren bei uns zu Hause miteinander verwoben. Den ideellen Hintergrund unserer Erziehung bildete ein Geflecht aus humanistischen, aus der Aufklärung wohl hergeleiteten Vorstellungen vom Menschen verquickt mit den dazu passenden sozialistischen Idealen.

Mit Religion und Kirche kamen wir dann in Kontakt, wenn wir auf dem Dorf waren. Zum ersten Mal bei der Dorfhochzeit meiner Tante – wir durften den Schleier tragen und vorne sitzen. Auch unsere Oma väterlicherseits aus bäuerlichem Kontext hat uns mitgenommen zum Gottesdienst, aber freiwillig, es gab keinen Zwang. Kirche konnte durchaus zum alltäglichen Leben gehören. Für mich in den Ferien auf dem Dorf. Meine Familie hatte aber mit Religion nichts am Hut. Mein Elternhaus war areligiös. Religion war eine Welt, die nicht zu ihrer gehörte.

Mein Bild von Religion und Kirche war damals ebenso geprägt von meiner Oma mütterlicherseits. Sie hat immer gesagt: „Wenn der liebe Gott den Zweiten Weltkrieg zuließ, dann gibt es keinen Gott.“ Sie kam aus Kalisz (Polen), ist mit viel Toleranz und Renitenz aufgewachsen. Sie berichtete voller Stolz, dass sie „Drei Litter“ statt „Heil Hitler“ rief. Meine Mutter hat das immer mit rollenden Augen kommentiert, wir Kinder waren fasziniert.

Meine Eltern wollten die gesellschaftliche Veränderung. Bis ich 10 Jahre alt war, haben wir im Erzgebirge – einem traditionell roten Viertel – gelebt, wo die Wismut [Bergbaubetriebe, die insbesondere Uran abbauten – Anm. d. Red.] die Leute gut versorgt hat. Woran ich mich erinnere: Dort war der Arzt, der „die Antenne nach Westen gedreht“ hatte, eher verpönt. Der eine Lehrer, der nicht mehr im Gymnasium unterrichten durfte, hatte mich und meine Zwillingsschwester mit nach Hause genommen: Und dort hing der Papst an der Wand. Für uns war das eine andere Welt. Unsere Welt war richtig, die andere Welt gab es auch und wir waren davon überzeugt, dass man die Menschen nur vom Richtigen überzeugen musste. Sie waren nur noch nicht so weit.

Meine Schwester und ich sagten damals voller Überzeugung: „Wenn wir mal groß sind, führen wir eine sozialistische Ehe.“

MIZ: Wie war das gemeint? Emanzipa­torisch?

Jutta Jahn: Ehrlich gesagt, weiß ich nicht mehr, was genau wir darunter verstanden haben. Aber es gab eine emanzipatorische Bedeutung. Denn ich erinnere mich an eine Fit-Werbung [Fit ist ein Spülmittel – Anm. d. Red.], die mich empörte. Der gezeichneter Ablauf: Vater und Sohn spielen Fußball im Garten. Die Mutter schaut aus dem Fenster und ruft: „Kommt abtrocknen“. Die Antwort: „Fit trocknet ab.“ Und ich habe mich grundsätzlich gefragt: „Warum muss denn die Mutter alleine abwaschen?“

Ich habe mich als gleich verstanden – meine Überordnung war: Mensch. Und ich fand zutiefst ungerecht, wenn Jungs oder Mädchen anders behandelt wurden. Auch in meiner Familie wurde ich nicht auf das Mädchen-Sein reduziert, obwohl es eine Arbeitsteilung bei uns gab.

MIZ: Und was war dann gemeint mit „sozialistischer Ehe“?

Jutta Jahn: Der Ausspruch „sozialistisch“ war damals für uns: edel, hilfreich und gut. Deshalb waren wir die Freude aller LehrerInnen und PionierleiterInnen. Sie mussten die verordneten Zeitungsschauen durchführen und seit wir lesefähig waren, lasen wir „das Neue Deutschland von vorn bis hinten“ [„von vorn nach hinten“ war eine feststehende ironische Umschreibung für parteitreue Lesegewohnheiten; denn im hinteren Teil waren der Sportteil, Annoncen etc., die anderen Lesegewohnheiten und Interessenlagen entsprachen – Anm. d. Red.]. Deshalb waren wir immer über innen- und außenpolitische Ereignisse informiert und wir konnten das Gelesene „richtig“ bewerten, gegen „falsche“ Meinungen argumentieren – dabei waren wir sehr überzeugend. Denn wir waren überzeugt, dass die Diskussion zur Meinungsänderung führte, und letztendlich das Mittel ist, gesellschaftliche Widersprüche zu beseitigen.

Gegenläufig dazu war, dass wir zwar leistungsstarke Schülerinnen waren, die aber dem idealtypischen Mädchenbild insofern nicht folgten, als unser Wahrheitsanspruch und das von uns in Anspruch genommene Recht auf Individualität stets im Widerspruch zur üblichen Disziplinierung stand. Was sich darin zeigte, dass die so wichtigen Kopfnoten wie Betragen, Fleiß und Ordnung in der Regel nur befriedigend waren, was meine Schwester fast den bewilligten Studienplatz kostete.
Tatsächliche Risse bekam diese ideale Wirklichkeit für mich erst ab der Mitte der Sechziger.

MIZ: War das typisch oder hast du dich da von deinen Freunden in der Kindheit unterschieden?

Jutta Jahn: Wenn ich mich als Kind bis zur Pubertät beschreiben soll, dann würde ich sagen, wir hatten eine Art der Gläubigkeit, aber an die sozialistischen Ideale. Nach unserem Umzug aus dem Erzgebirge nach Stendal kam es zum ersten Bruch.

Bei uns zu Hause wurde kein West­fernsehen geschaut und wir waren von der Richtigkeit dieser Haltung überzeugt, denn es war doch klar, dass vom Klassenfeind keine Wahrheiten kommen konnten. Unsere neuen Mitschülerinnen und Mitschüler taten so, als wäre das für sie auch selbstverständlich, bis wir nach und nach merkten, dass es alle tun, nur wir nicht. Das war die erste große Erschütterung in unserem Weltverständnis.

Andere waren wahrscheinlich weniger überzeugt, und haben das Muster bedient – bewusst sich konform verhalten, eingepasst bzw. reinpasst. Für mich war das ein Widerspruch – ambivalent. Wir haben damals gedacht, die Mehrheit ist wie wir. Aber dem war nicht so. Da haben wir angefangen, die Maskierung zu hinterfragen.

Mitte der Sechziger zogen wir nach Königs Wusterhausen (bei Berlin). Es war die Zeit von Kulturminister Hans Bentzin. Da gab es eine relative, spürbare Öffnung: Beatles-Platten, die Reihe Jazz Lyrik Prosa mit den Inter­pretationen Die Kuh im Propeller von Manfred Krug und Hase im Rausch von Eberhard Esche. 1966 kam Klaus Gysi und die Kulturszene wurde anders...

Für mich war einschneidend: der nun ganz andere Informationszugang, die ständige Polizeipräsenz, die Ausweiskontrollen beim Einfahren und Verlassen der Hauptstadt in allen Verkehrsmitteln, Begegnungen mit Sowjetsoldaten, die von ihren unvorstellbaren und für mich unglaublichen Lebensbedingungen in den Kasernen berichteten, das Verbot, in der Schule Schlaghosen oder Jeans zu tragen, der ständige Kampf um die Haarlänge bei den Jungen, die Ablehnung der neuen, westlichen Jugendkultur, die uns doch so wichtig und progressiv schien, der ganze tagtägliche Dogmatismus. Dann das Initialerlebnis: die Zusammenschlagung und Krimi­nalisierung der Jugendlichen bei dem angeblichen Rockkonzert der Stones auf dem Springer-Hochhaus 1967/68 durch FDJ-Schlägertruppen und die Polizei. Nur wegen eines Zufalls waren wir nicht dabei, während meine Freunde einkassiert wurden. Das Ereignis führte mich damals in meine persönliche Emigration und auf die Suche nach etwas anderem als dem offiziell gelebten Lebensmodell. Wir suchten unsere Nischen. Das heißt, ich versuchte gerade im Unterlaufen aller gebotenen Regulative und im Abweichen von der DDR-Norm mein Lebensmodell zu formulieren. Dies waren natürlich keine offiziellen Protestakte sondern subversive Besitznahmen von nichtregulierten Freiräumen. Berlin hatte damals schon in den 70er Jahren eine starke Subkultur von ähnlichen Existenzmodellen, faktisch das Substrat, aus dem die intellektuelle Opposition erwuchs, das aber weniger politisch denn kulturell subversiv war.

Dazu haben wir uns bewusst in die Narrenposition begeben. Der Narr, der gefährlich lebt, aber naiv, danebenstehend. Narrenfreiheit durch Naivität. Der schmale Grad war mir nicht bewusst. Die Gefahr war mir nicht immer bewusst. Ich habe zwar an den Sozialismus an sich geglaubt, aber niemals mehr an diesen Staat.

Ob ich mich unterschieden habe von meinen Freunden? Kann sein. Denn mich hat Religion tatsächlich interessiert als ich mich für Kunst, Bilder und Geschichte interessiert habe. Meine erste Erfahrung waren Bilder aus der Renaissance und dem Barock, und ich, weil ich das Dargestellte nicht verstehen konnte, wollte verstehen und habe gelesen.

MIZ: Wurde im Alltag über Religion geredet?

Jutta Jahn: In meinem Alltag und Umfeld spielte Religion keine Rolle. Kirchen haben wir als TouristInnen besucht und sie waren Teil der Kulturgeschichte und Geschichte. Das hatte aber nichts mit Religion zu tun.

Und die Menschen, die ihre Kinder taufen ließen haben, gab es, sie waren da. Auch das Teilnehmen gehörte dazu. Aber mit Religion und aktiver Praxis hatte das wenig zu tun. Religiöse Praxis gehörte zur Veranstaltung, aber das änderte nichts an der passiven Einstellung der meisten Teilnehmenden. Das war dann so. Darüber wurde nicht geredet. Die waren so. Denn irgendwie waren wir ja die „Richtigen“, die anderen waren noch nicht so weit. Denn trotz aller Widersprüche waren wir schon davon überzeugt, dass sich die Gesellschaft verändert wird. Man braucht nur die richtigen Argumente, und wir müssen sie nur immer wieder sagen. Dahinter stand schon ein missionarischer Drang.

Es gab vieles, das quasi-religiöse Züge hatte: Die Helden des Kampfes waren Märtyrer. Die Symbolik der Friedenstaube, die in der DDR nicht selten den Olivenzweig aus der biblischen Genesis trug (im Gegensatz zur Lithographie Picassos zum Welt-friedenskongress 1949), trägt mystisch-religiöse Züge. Und als ich damals die 10 Gebote las, dachte ich, das passt zu den Geboten der Pioniere. Dann kann „mein Glaube“ doch nicht falsch sein. Klingt doch irgendwie folgerichtig.

Rückblickend sage ich heute, ja gerade als Kind hat mich der Zauber des Wunderbaren angesprochen. Die FRÖSI [die DDR-Kinderzeitschrift, die aber nach Meinung der Interviewten und Interviewerin längst nicht so gut und bildungspolitisch war wie das MOSAIK – Anm. d. Red.] war voll davon, wie man gut sein kann als Kind, wie die sozialistische Moral in jeden Lebensbereich vordrang. Auch die Jugendweihe in der DDR trug diese emotionale Ansprache in sich, die eine Verbundenheit zur Gemeinschaft und zum System fördern sollte.

Wir sind alle mit Helden und Hel­dinnen in Bildern aufgewachsen. Das haben wir bewundert. Die Partisanen in den russischen Filme waren Vorbilder, weil sie so leidenschaftlich für die Sache eingetreten sind. Dasselbe Motiv haben ja christliche MärtyrerInnen. Sie sind ihrem Glauben treu geblieben.

MIZ: Wie waren die Sichtweisen auf die Kirchen und die Erwartungen der gläubigen und der ungläubigen Menschen?

Jutta Jahn: Ich hätte so niemals unterschieden. Kirche war für mich nichts Schlechtes in der DDR. Kirche gehörte für mich kulturhistorisch dazu. Ich fand es gut, dass sich Widerstand in der DDR in den Räumen formiert hat. Wobei mir völlig egal war, ob protestantisch oder katholisch. Religion und die Rituale waren uns damals egal. Aber die protestantische Kirche habe ich – allein aus der historischen Situation, sprich der empirischen Mehrheitssituation – einfach stärker wahrgenommen.

Die Rolle der Kirchen war: einen Raum geben. Wir sollten nicht christlich infiltriert werden. Wenn wir nicht systemkonform waren, haben wir uns dort getroffen. Wir konnten in den Räumen laut reden und anders miteinander sprechen. Ich habe mich nie so gefühlt, dass mich Menschen überzeugen wollten, glückliches Mitglied ihrer Gemeinde zu werden.

Ich hatte viele Bekannte, die am (protestantischen) Sprachenkonvikt Berlin [heute: Theologisches Konvikt] studiert haben. Ich habe die Theologen eher als Freigeister wahrgenommen. Auch ich habe damals überlegt, dort zu studieren. Denn du konntest Geschichte nicht studieren, wenn du keine gute Marxistin warst. Und mir war klar, dass ich nicht mehr als lupenreine Marxistin durchgehe. Weil ich aber nicht getauft war, habe ich die Überlegungen dann auch schnell verworfen.

MIZ: Getauft werden wolltest du nicht?

Jutta Jahn: Ich hätte mich niemals verkauft. Ich wäre niemals in die Partei eingetreten und ich hätte mich auch nie taufen lassen, um etwas zu erreichen.

MIZ: Gab es Bereiche, in denen die Kirchen das Leben der Menschen bestimmt hat?

Jutta Jahn: Ich habe Kirche allein nur aus historischer Sicht betrachtet. Mein Interesse galt der Kunstgeschichte. Aus der Draufsicht kann ich sagen, in meiner Wahrnehmung hat Kirche keine Rolle gespielt. Selbst bei den Theologiestudis habe ich eher den Widerstand und den Freigeist gegen die starren Dogmatismen erlebt. Sie haben weder missioniert noch ihre Rituale aufgezwungen. Es gab die Strukturen dahinter nicht.

Einmal habe ich in Bad Doberan eine Andacht mitgemacht. Es war die Stimmung, der Ort, der mich fasziniert hat. Darüber hinaus hat es mich aber nicht gebunden. Und es gab keinen Anlass beizutreten. Ich brauche das nicht. Und ich denke, es gibt auch viele, die das seit der DDR-Zeit nicht als sinnstiftend betrachten. Ich habe Kirche in der DDR so wenig wahrgenommen.

MIZ: Habt ihr nach Westen geschaut? Gab es Diskussionen darüber, dass in der BRD die Kirchen in die Politik eingreifen und ihre Vorstellungen zumindest teilweise durchsetzen können?

Jutta Jahn: Für mich und meine FreundInnen waren die Nischen viel wichtiger. Ich hatte meine unter den KunstwissenschaftlerInnen gefunden. Dort gab es Einige, die sich so durchmogelten, aber auch sagten, dass sie nicht ganz einverstanden waren mit dem Umgang mit christlichen Kulturgütern.

Wir wussten, dass auch immer jemand von der Stasi dabei war. Wir wollten nicht das System stürzen, wir wollten nur unsere Nischen. Deshalb sind wir wahrscheinlich als nicht gefährlich eingestuft worden, obwohl wir den Spiegel, den Stern oder Bücher aus dem Westen hatten. Also haben wir darüber gelesen, aber es spielte keine Rolle in unserer Lebensrealität.
Zu DDR-Zeiten hat mich die Verflechtung von Staat und Kirche nicht interessiert. Denn ich bin immer davon ausgegangen, dass die Trennung von Staat und Kirche zum demokratischen System dazu gehört. Historisch gesehen habe ich das seit der Aufklärung immer zusammengedacht.

Priester oder Pfarrer hatten keine Autorität. Die Autoritäten waren andere. Wenn die Reinigungskraft den Professor an der Universität duzte, nur weil sie in einer Parteigruppe waren, dann war das eine Bestätigung für eine weniger hierarchische Gesellschaft – für mich. Mich hat die frühe BRD-Erfahrung vielmehr schockiert: Da gab es das „ständische Denken“ noch. Ich wollte nie in den Westen. Die DDR war für mich ein vertikales System und die BRD habe ich dann als horizontal und ständisch betrachtet.

Aber wie im Westen so auch im Osten hat jede Stadt und Region ihre eigene Dynamik. Es gab Codes für die Politik. Und es gab Codes für das private Leben. Es gab Codes für Dinge, die wir als Kind verstanden haben oder nicht verstanden haben. Und es gab Codes, die ich erst zwanzig Jahre danach verstanden habe.

Zum Beispiel habe ich in den 1970er Jahren ein Buch gelesen, darin wurde von Mischehen gesprochen und ich dachte, es handelt sich um Nationalitäten. Tatsächlich habe ich eine Weile gebraucht, um zu verstehen, dass hier Ehen zwischen KatholikInnen und ProtestantInnen gemeint waren. Dieser Sprachgebrauch war mir völlig fremd – diese Wahrnehmung gehörte nicht zu meiner Lebensrealität – und dazu gibt es mehrere Beispiele. Religiöse Codes konnte ich nicht nachvollziehen und begreifen. Bei Vorträgen in religiösen Kontexten waren immer alle leise und nett. Und ich wollte bewusst laut sein, weil die Räume immer so vor Liebe getrieft haben. Das war nicht authentisch, diese Harmonie habe ich ihnen einfach nicht geglaubt.

Ich gehörte immer zu denen, die die DDR reformieren wollten. Deshalb habe ich auch aus vollster Überzeugung den Aufruf von Christa Wolf unterschrieben. Ich wollte das westdeutsche, kapitalistische System nicht, und das hat sich bis heute nicht in meinem Leben verändert, ich arrangiere mich mit dem System, indem ich die Nischen suche. Denn es gibt bis heute systemimmanente Widersprüche zur Demokratie, die mich zweifeln lassen.

Mein Misstrauen gegenüber großen Strukturen und Organisationen ist geblieben, der vermeintliche Pluralismus dieser derzeitigen Gesellschaft und ihre scheinbare Liberalität, die immer an Besitz, Kapital und Eigentum ihre Grenzen finden, machen sie mir noch weniger durchschaubar als die vergangene DDR-Gesellschaft mit ihrem relativ großflächigen Normierungsraster.

Mein berufliches Interesse hat sich von der Kunstgeschichte mehr auf Frauen- und Gendergeschichte gerichtet. Wobei den Wirkmechanismen von Macht in beiden Bereichen mein grundsätzliches Forschungsinteresse galt und gilt. Diese historische Aufarbeitung ist mir ein ganz wichtiges Anliegen und ich empfinde diese Arbeit als meinen persönlichen Beitrag zur Veränderung von Strukturen. Ich stehe auf dem Standpunkt, dass ich erst weiß, wohin ich gehe, wenn ich weiß, woher ich komme.

Ich beklage, dass diese jetzige Zeit, die die Arbeit für Geld im Mittelpunkt hat, die Zeit für soziale Kontakte so minimiert, wenn nicht verhindert. Die Spontaneität, die früher meinen sozialen Kontakt eigen war, ist einer Diktatur des Terminkalenders gewichen.

Ein wichtiges Wendeergebnis ist für mich auch, dass ich in der Regel die Informationen und den Zugang zu Informationen und Wissen bekomme. Wer je einen „Giftschein“ für wissenschaftliche Literatur besorgen musste, weiß wovon ich spreche.

MIZ: Und wo wir von Selbstermäch­tigung und in einzelnen Punkten von emanzipatorischem Denken für Frauen gesprochen haben – wie ist dein Resümee?

Jutta Jahn: Wenn ich jetzt von meiner Position, die in meiner Biographie gründet und die ich hier versucht habe, zu verdeutlichen, auf die Wende zurückschaue und auf die Ergebnisse, die sie Frauen gebracht hat, so würde ich folgendermaßen konstatieren:

Nicht nur der Wegfall der Frauen­arbeitsplätze, der Krippenplätze, der ja auch verordneten Frauenberufstätigkeit hat die soziale Lage der ehemaligen DDR-Frauen so verschlechtert. In großen Teilen sind die Ost-Frauen, weiblich sozialisiert, eben den für sie entworfenen Lebensmodellen gefolgt und haben sich darin, so gut es ging, eingerichtet. Die patriarchale Struktur wurde nicht erkannt, sie war auch schwierig zu durchschauen. Das Fehlen jedweder andersartiger Lebensentwürfe in der Öffentlichkeit und vor allem die seit Mitte der 70er Jahre staatlich orientierte Konsumhaltung auch der weiblichen Bevölkerung mit ständig materiellen Anreizen für Leistung – Wahlslogan 1984/85: „Ich leiste was, ich leiste mir was“ – machte es relativ leicht, die DDR-Frauen mit der Konsumwillkür des Westens zu verführen, die Priorität gegenüber den tatsächlichen wesentlichen Problemen der Wende bekam.

Gleichzeitig zur Konsumhaltung, die bereits in der DDR ausgeprägt wurde, die mit einem verstärkten Rückzug in die Familie („Privat geht vor Katastrophe“) einherging, familienzentriertes Leben war die Regel, hatte gesellschaftliches Engagement oft Feigenblattfunktion, d.h. eine Aus­einandersetzung inhaltlicher Art mit den Gesellschaftsverhältnissen in der DDR fand nicht statt, und somit war auch kein Training für neue Formen gesellschaftlicher Auseinandersetzung vorhanden.

Die Probleme, die die Berufstätigkeit von Ost-Frauen nach der Wende betreffen, wurden von der Masse der Frauen gar nicht wahrgenommen, auch nicht reflektiert. Jetzt konnte man endlich ganz öffentlich privat sein. Eine der wichtigsten Aufgaben für mich ist in diesem Zusammenhang immer das genaue Hinsehen auf solche, hier von mir sehr schematisch benannten Sachverhalte. Die kritische Betrachtung des eigenen Anteils der Ost-Frauen an der heutigen Situation ist meines Erachtens noch zu leisten.