Blätterwald | Veröffentlicht in MIZ 3/14 | Geschrieben von Nicole Thies

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Neue Osnabrücker Zeitung

Die Neue Osnabrücker Zeitung, die mit ihren Mantelausgaben vor allem im Nordwesten Niedersachsens stark vertreten ist, hat sich von einem Islam-Funktionär instrumentalisieren lassen. Ohne über dessen fundamentalistische Hintergründe aufzuklären, räumte sie dem Mann ein Podium ein.

Anlass der Berichterstattung Ende Oktober war eine Strafanzeige, die ein „Muslim aus Osnabrück“ namens Erhat Toka gegen den Kabarettisten Dieter Nuhr wegen „Beschimpfung von Religionsgemeinschaften“ (§ 166 StGB) erstattet hatte. In sein aktuel
les Programm hat Nuhr auch einige
Bemerkungen über bestimmte Vor­schriften der Scharia (hadd-Strafen)
eingebaut, verweist auf die Auffor­derung zur Gewalt im Koran und kritisiert in flapsigem Tonfall die untergeordnete Stellung der Frau.

Erhat Toka sieht in Nuhr einen
„Hassprediger“, der unter dem Deck­mantel der Satire „blöde, dumme Hetze“ gegen eine Minderheit betreibe. So zitiert ihn die Neue Osnabrücker Zeitung. Ausführlich wird anschließend dessen Auffassung des Islam dargestellt: der Islam sei eine Religion der Liebe, Hinweise auf die Unterdrückung der Frau seien „Lügen“ und die von Nuhr angesprochenen Koran-Passagen über das Töten von Ungläubigen seien aus dem Zusammenhang gerissen. Anschließend kommen noch ein Theologieprofessor und ein Islamwissenschaftler zu Wort, die beide Nuhr ebenfalls kritisieren (der Theologe betont immerhin auch das Recht des Kabarettisten, Religion mit Ironie und Sarkasmus zu begegnen, während der Islamwissenschaftler in Nuhrs Programm nicht Satire sondern „Zoten“ entdeckt).
In einem weiteren Artikel übernimmt die Neue Osnabrücker Zeitung unkommentiert aus der Welt ein Zitat des Migrationsforschers Klaus J. Bade, der die Opfer religiöser Gewalt verhöhnt: „Da verwechselt einer den Islam mit dem Islamischen Staat. Das hat in etwa so viel miteinander zu tun wie eine Kuh mit dem Klavierspiel.“

Gegen die präsentierte Kritikfeind­lichkeit stand lediglich eine kurze Stel
lungnahme des Kabarettisten Kalla Wefel und ein Kommentar eines Re­dakteurs („Gläubige müssen es aushalten, wenn sie und ihre Ideale durch den Kakao gezogen werden“).

Was die Neue Osnabrücker Zeitung unterlassen hat, war, zu recherchieren und ihrer Leserschaft mitzuteilen, wer denn die Anzeige erstattet hatte. Denn Erhat Toka ist keineswegs schlicht ein betroffener Osnabrücker Bürger muslimischen Glaubens. In einem Interview mit dem Internetportal Muslim Markt aus dem Jahr 2013 gibt dieser ausführlich über sich und sein Engagement in der Muslim Demokratischen Union Auskunft. Bereits im Vorspann ist zu lesen, dass Toka für die Milli Görüs Gemeinde in Osnabrück tätig ist – in der Öffentlichkeitsarbeit. Vor diesem Hintergrund erscheint die Strafanzeige gegen Dieter Nuhr als geschicktes Kommunikationsmanöver einer islamistischen Vereinigung, auf das die Neue Osnabrücker Zeitung hereingefallen ist.

Allerdings war es auch nicht das erste Mal, dass sich in der Neuen Osnabrücker Zeitung ein Artikel fand, der mit großem Aufwand und völlig undifferenziert gegen „Islamfeindlichkeit“ zu Felde zog. Anfang 2013 gab das Blatt dem Vorsitzenden des Zentralrates der Muslime Aiman Mazyek eine Bühne, als dieser forderte, den Begriff der Fremdenfeindlichkeit aufzugeben und stattdessen von Islamfeindlichkeit zu sprechen, wenn die Opfer „Muslime“ seien. Auch damals war niemand in der Redaktion auf den Gedanken gekommen, kritisch nachzufragen, wie hoch der Anteil der Übergriffe gegen „Muslime“ in Deutschland denn tatsächlich ist und wie sich diese gegenüber rassistisch motivierten Übergriffen gegen als „fremd“ eingestufte Menschen denn sauber abgrenzen lassen. Stattdessen hatte die Neue Osnabrücker Zeitung mit „Religiöser Rassismus nimmt zu“ getitelt.

Oh Gott! – Die Linke

Die Zeitschrift der Rosa-Luxemburg-Stiftung befasst sich in der im Sommer erschienenen Ausgabe schwerpunktmäßig mit dem Thema Religion. Ein gutes Dutzend Artikel ist unter drei Oberbegriffen sortiert: Glaube, Opium und Widerstand.

Unter der ersten Überschrift werden eher theoretische Fragen abgehandelt. Um die Frage, welche Bedeutung
Säkularität für die Entwicklungsfähig­keit einer Gesellschaft hat und wie linke Strategien für dieses Politikfeld aussehen könnten, geht es allerdings nur am Rande. Ein Beitrag befasst sich mit der Bedeutung von Paulus für die Linke. Diese bestehe darin, dass es dem Begründer der christlichen Kirche gelungen sei, herrschaft
liche Zuschreibungen so umzukehren,
„dass sie ihre denunziatorische Wir
kung einbüßen und die eigene Hand­lungsfähigkeit stärken“. Angesichts der
derzeitigen Kräfteverhältnisse, die vergleichbar seien mit denen im Imperium Romanum, sei es lohnend, Paulus zu studieren. In einem Interview kommt Bodo Ramelow zu Wort, das Problem, warum „abstrakte Religionskritik ins
Leere läuft“ behandelt der Referent für Klimagerechtigkeit und Energie­demokratie, der sich „seit Neuestem für Religion“ interessiert.

Unter „Opium“ sind die kritischen Aufsätze versammelt. Diese behandeln unterschiedliche Einzelaspekte, der Abschnitt ist international angelegt. Es geht um den arabischen Frühling, den Hindunationalismus, die us-amerikanische Tea Party oder katholische Angriffe auf Lebensformen jenseits der traditionellen Kleinfamilie. Auch MIZ-Chefredakteur Christoph Lammers ist mit einem Beitrag vertreten: Er beschreibt den rechten Rand des christlichen Spektrums, benennt Akteure, Netzwerke und Betätigungsfelder, weist
aber auch darauf hin, dass in den Volkskirchen in den letzten Jahren eine Öffnung nach rechts stattgefunden hat.

Im dritten Abschnitt wird das Widerstandspotential religiösen Glau­bens ausgelotet. Dabei geht es vor allem um die Frage, ob die Kirchen das Bündnis von Thron und Altar aufgeben und stattdessen mit sozialen Bewegungen kooperieren werden.

Luxemburg. Gesellschaftsanalyse und Linke Praxis 2/2014: Oh Gott! 131 Seiten. Kostenlos zu beziehen über: Rosa Luxemburg Stiftung, Franz-Mehring-Platz 1, 10243 Berlin, www.zeitschrift-luxemburg.de/abonnement.

Freidenker-Kalender

Die Freidenkerinnen & Freidenker Ulm/
Neu-Ulm haben wieder einen Jahres­kalender herausgebracht. Diesmal wur
den von Mitgliedern und Sympathisant (inn)en des Vereins Bilder, meist Aquarelle oder Gouache-Gemälde, gefertigt zu Sentenzen, markanten Aus­sagen und Aphorismen zu Kirche und Glauben. Auch Kinderzeichnungen wurden in den Kalender mit aufgenommen.

Der vierfarbige DIN A 4 Kalender besteht aus 12 Monatsblättern mit übersichtlichem Kalendarium und mehr als 750 Gedenkdaten. Der Verkaufspreis liegt bei 8 Euro.

Zu beziehen über: Freidenkerinnen & Freidenker Ulm/Neu-Ulm e.V., Postfach 1667, 89006 Ulm oder www.denkladen.de.