Blätterwald | Veröffentlicht in MIZ 1/12 | Written by Redaktion MIZ

Blätterwald … Papst Benedikt / Dschihad an der Spree / Affenrechte / Humanistik

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Papst Benedikt

Der habilitierte Historiker und Publi­zist Gerhard Feldbauer hat ein Buch
vorgelegt, welches die zwei­tausend­jährige Geschichte der katholischen Kirche kritisch beleuchtet und damit den Grundstein der reaktionären Weltsicht des Papsttums begründet.
Damit legt der Autor die enge Ver­flechtung von Kirche und Politik anhand vieler historischer wie aktueller Beispiele offen, ohne jedoch den aktuellen Papst aus dem Blick zu verlieren. Ganz im Gegenteil, denn gerade anhand Ratzingers Werdegangs lässt sich die Kontinuität dieses Herrschaftssystems bestens exemplifizieren.

Zwar führt Feldbauer viele Aspekte, die von anderen Autoren bereits ausführlich beleuchtet wurden, zusammen, die Besonderheit des Buches liegt jedoch vor allem in der eigenen Posi­tionierung des Autors, die immer wieder zu erkennen ist. Feldbauer verteidigt ein ums andere Mal das humanistische Menschenbild gegen die Autokratie der katholischen Kirche. Diesem Menschenbild liegen emanzipatorische Werte zugrunde, die gegen die Kirchen erkämpft werden mussten: die Gleich­berechtigung der Geschlechter, die formale Gleichheit aller Menschen sowie die (sexuelle und politische) Selbst­bestimmung. Eingeteilt ist das Buch in fünf Kapitel, abgeschlossen wird es durch ein sehr kurz gehaltenes Lite­raturverzeichnis, ein Personen­regis­ter und ein Abkürzungsverzeichnis. Neue Erkenntnisse lassen sich mit der Lek­türe nicht generieren, aber die Studie bringt die Kritik am Herrschaftssystem der katholischen Kirche und dem aktuellen Papst auf den Punkt.

Gerhard Feldbauer: Der Heilige Vater. Benedikt XVI. – Ein Papst und seine Tradition. Köln 2010. PapyRossa, 210 Seiten, kartoniert, Euro 14,90. ISBN 978-3-89438-415-9

Dschihad an der Spree

„Islamophobie-Wächter“ werden das Buch sicher auf ihre „Schwarze Liste“ setzen. Und tatsächlich enthält es nicht nur streitbare, sondern auch mit gutem Grund bestreitbare Aussagen. Dem Autor Fremdenfeindlichkeit zu unterstellen, ist allerdings schwierig. Denn Özdemir Başargan meint, der „Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland“, aber, so fährt er fort, „bitte ohne Koran-Scharia“. Er kritisiert (neben der türkischen AKP-Regierung) vor allem deutsche Einrichtungen, Politiker, Wissenschaftler, die nach seiner Ein­schätzung den Dschihad – bewusst oder unbewusst – begünstigen. Dabei geht er davon aus, dass große Teile der deutschen Gesellschaft die dschihadistische Strategie schlicht unterschätzen. Diese stellt Başargan anhand zahlreicher Zitate vor allem sogenannter gemäßigter Islamisten aus der türkischen Regierungspartei dar. Dem stellt er die Äußerungen jener gegenüber, die er „Gehilfen des Islam“ nennt. Oder er verweist auf eine Entscheidung des Bundesgerichtshofes, der im Mai 2007 die Strafbarkeit der Propaganda für Terrorgruppen deutlich eingeschränkt hat. Ein allgemeiner Aufruf zum (mit Gewalt durchgeführten) Dschihad gilt danach nicht mehr als Werbung für eine terroristische Vereinigung.

Das Buch verfolgt keine systematische Argumentation, reiht eher einzelne Argumente und Belege aneinander. Das macht es stellenweise nicht einfach, den roten Faden in der Hand zu behalten. Doch es enthält viele eindrucksvolle Fundstücke, die insbesondere ein bezeichnendes Licht auf die AKP und deren Agenda werfen.

Özdemir Başargan: Die Neo-Jihadisten an der Spree. Berlin 2011. Edition an der Spree; 132 Seiten, Abbildungen, kartoniert, Euro 13,95. 
ISBN 978-3-924880-03-3

Affenrechte

Als im Juni 2011 der Ethik-Preis der Giordano-Bruno-Stiftung an die Initia­toren des Great Ape Project verliehen wurden, löste dies einigen Wirbel aus. Denn neben der italienischen Philoso­phin Paola Cavalieri nahm Peter Singer den Preis entgegen, der sich in Deutschland aufgrund seiner auf dem Utilita
rismus begründeten Überlegungen zum
Lebensrecht heftiger Kritik bei jedem Auftritt ausgesetzt sieht.

Der Festakt drehte sich freilich nicht um diese Frage, sondern um die Situation der Menschenaffen und die Bemühungen, angesichts der Ver­wandtschaft des Menschen zu ihnen, die „Gemeinschaft der Gleichen“ auszuweiten und so ihr Los zu verbessern. In der Broschüre sind die an jenem Abend gehaltenen Reden dokumentiert. In einer Chronologie kann zudem der Verlauf der Debatte, die im Vorfeld der Preisverleihung größere Kreise zog, nachvollzogen werden.

Ethik-Preis 2011. Grundrechte für Menschenaffen. Redebeiträge von Paola Cavalieri, Colin Goldner, Peter Singer, Michael Schmidt-Salomon und Volker Sommer. Schriftenreihe der Giordano-Bruno-Stiftung. Aschaffenburg 2012. Alibri; 69 Seiten, Fotos, geheftet, Euro 5.- ISBN 978-3-86569-203-0

Humanistik

Der bislang umfangreichste Band in der Schriftenreihe der Humanistischen Akademie trägt den Titel „Humanistik“. Dieser bei uns noch wenig geläufige Begriff bezeichnet die Wissenschaft vom Humanismus. In 17 Texten breiten die Autorinnen und Autoren aus, womit sich die Erforschung des Humanismus gegebenenfalls zu befassen hätte.

In den Niederlanden und seit kurzem
auch in Belgien gibt es bereits Lehrstühle an Universitäten. In Flandern werden dort Berater für die humanistische Praxisarbeit ausgebildet. Welch vielfältige Gesichter diese haben kann, stellen Gily Coene und Ulrike Dausel dar.
Gleich mehrere Beiträge befassen sich mit dem „Antihumanismus“, wobei es unterschiedliche Zweige gibt, die sich teils religiös, teils aus säkularen Vorstellungen heraus begründen. Unklar bleibt an dieser Stelle jedoch, inwiefern die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesen Ideologien und ihren Vertretern dazu beitragen kann, deren Konzepte in der politischen Aus­einandersetzung zurückzudrängen.
Ökonomische Aspekte werden in
zwei Texten bearbeitet: Thomas Hein­richs erörtert „Prinzipien sozialer Güter
verteilung“; Friedrike Habermann stellt
das Menschenbild vom „Homo oecono­micus“ in Frage. Ihr Fazit: Individuell können wir die Welt nicht in eine bessere verwandeln können, aber möglicherweise im „gemeinschaftlichen Wirken und Werden“.

Horst Groschopp (Hrsg.): Humanistik. Beiträge zum Humanismus. Aschaffenburg 2012. Alibri; 274 Seiten, Abbildungen, kartoniert, Euro 22.-ISBN 978-3-86569-087-6