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Blätterwald … Selbstbewusste Islamkritik / taz verschleiert wieder / Freiheit für Raif Badawi

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Selbstbewusste Islamkritik

„Die Islamisten haben die absolute Waffe gefunden: den Vorwurf der Islamophobie. Wenn wir uns dagegen nicht wehren [...] werden wir wie stumme Schafe, die man ins Schlachthaus führt.“ So lautet das Zitat des algerischen Schriftstellers Boualem Sansal, Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2011, welches das Cover des Buches „Der islamische Kreuzzug und der ratlose Westen“ ziert. Geschrieben hat es der frühere Algerien-Korrespondent der ARD Samuel Schirmbeck. Schirmbeck, ein so genannter Alt-68er setzt sich in seinem Buch mit dem Islam kritisch auseinander und erzählt eindrücklich von seinen in Nordafrika gesammelten Erfahrungen. Der Autor plädiert für eine radikale Islamkritik und räumt dabei mit falschen Vorstellungen auf, die nicht zuletzt durch die, wie er sie nennt, „Von-Gestern-Linke“ getragen werden. Seit geraumer Zeit haben im linken Spektrum diejenigen die Diskurshoheit übernommen, welche den Islam verklären und Kritiker_innen unter den Generalverdacht der Islamophobie stellen. Doch „die Leute, die islamkritisch sind, die sind ja nicht islamophob: Sondern sie sind nur gewaltophob, intolerantophob, sie sind homophobophob“, so Schirmbeck. Die von dem Autor geforderte selbstbewusste Islamkritik wäre ein wichtiges Instrument, den um sich greifenden Rassismus à la PEGIDA und AfD ebenso zu bekämpfen wie die schleichende Islamisierung der muslimischen Community. Insoweit kommt das Buch zur richtigen Zeit, denn Islamkritik ist zugleich Religionskritik und daran mangelt es in Deutschland bis heute.

Samuel Schirmbeck: Der islamische Kreuzzug und der ratlose Westen. Warum wir eine selbstbewusste Islamkritik brauchen. Orell Füssli Verlag, Zürich 2016. 256 Seiten, gebunden, Euro 19,95, ISBN 978-3-280-05636-3

taz verschleiert wieder

Wer dachte, dass in der Tageszeitung (taz) nach dem Weggang von Daniel Bax und Simone Schmollack ein anderer Umgang mit Religionskritik Einzug halten würde, sieht sich enttäuscht. Nach wie vor gibt die einstmals wichtigste linke Zeitung identitären Positionen eine Stimme.

Diesmal ist es Patricia Hecht, die unter der Überschrift „Helfershelfer der AfD“ die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes angreift. Deren Ar
beitsgruppe „Frauenrechte und Religion“ hat eine vierzehnseitige Argumen
tationshilfe erstellt, die die Forderung nach einem Verbot der Vollverschlei­erung in der Öffentlichkeit begründet. Hecht wirft den Frauen in einem „Kommentar“ vor, „antimuslimische Ressentiments“ zu bedienen und un
terstellt ihnen eine mittelbare Unter
stützung der Alternative für Deutsch­land (AfD).

Ihr Urteil stützt sie allerdings nicht auf eine durch Zitate untermauerte Kritik der Terre des Femmes-Stellungnahme. Ob die taz-Journalistin das Papier überhaupt gelesen hat, ist ungewiss. Denn was sie vorbringt, wird im Terre des Femmes-Papier ausführlich abgehandelt. Auf die Argumente des Papiers geht Hecht jedoch an keiner Stelle ein, auf eine Widerlegung des vertretenen Positionen verzichtet sie; bezeichnenderweise wird auch nicht auf das Papier verlinkt.

Stattdessen führt Hecht an, dass Debatten „in bestimmten Kontexten geführt“ würden und suggeriert, dass die Argumentationshilfe von Terre des Femmes unter die „immer weiter nach rechts driftende[n] Positionen“ gerechnet werden müsse. Dabei verkennt sie, dass eine Umkehrung der AfD-Position den reaktionären Diskurs über „den Islam“ keineswegs auflöst, sondern allenfalls die Vorzeichen verändert. Die Sätze „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ und „Der Islam gehört zu Deutschland“ repräsentieren gleichermaßen identitäres Denken.

Im Gegensatz dazu wählt die Terre des Femmes-AG einen völlig anderen Zugang zum Thema, stellt die Frage nach der Rolle, die Religion grundsätzlich in einer Gesellschaft spielen soll, und wo die Grenzen des Zugriffs religiöser Gemeinschaften auf ihre Mitglieder verlaufen. Natürlich ließe sich darüber diskutieren, ob Verbote generell oder in dieser speziellen Frage eine emanzipatorische Entwicklung auslösen können; nicht einmal das NPD-Verbot wurde innerhalb des linken Spektrums durchgehend befürwortet. Doch während die NPD von allen als Problem angesehen wurde, ist dies bei der religiösen Rechten, solange sie sich auf islamische Vorstellungen und Praktiken beruft, nicht der Fall.

So kommt auch Hecht zu dem Er
gebnis, dass das Problem der Voll­verschleierung keines ist. Die hinter den Kleidungsstücken Niqab oder Burka stehenden Ehrvorstellungen übergeht sie ebenso wie die damit einhergehenden Folgen für Frauen, die sich diesen widersetzen. In welchen ideologischen Kontext diese eingeordnet werden müssen, kann beispielsweise in Klaus Theweleits Männerphantasien nachgelesen werden, denn es handelt sich dabei keineswegs um ein explizit islamisches Phänomen.

Nicht das Terre des Femmes-Papier wird von der Idee bestimmt, Islam, Geflüchtete und MigrantInnen seien in einem Atemzug zu nennen, es ist die taz-Redakteurin Hecht, die sich unfähig zeigt, den identitären Diskursrahmen zu verlassen. Auch darin liegt der Erfolg der AfD ein stückweit begründet. Denn wer Religionskritik und Rassismus nicht unterscheiden kann, hat sich von der Grundlage jeglicher Kritik verabschiedet und ist der religiösen Rechten, die längst bekenntnisübergreifend zusammenarbeitet, auf den Leim gegangen.

Freiheit für Raif Badawi

Soeben erschienen ist die siebte Bro­schüre der Schriftenreihe der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs). Sie dokumentiert die Verleihung des Deschner-Preises an den inhaftierten saudi-arabischen Blogger Raif Badawi und seine im kanadischen Exil lebende Frau Ensaf Haidar – und damit einen Versuch, Solidarität mit jenen zu üben, die in islamisch geprägten Staaten eine säkulare Gesellschaft fordern.

Deschner-Preis 2016: „Freiheit für Raif Badawi!“. Redebeiträge von Hamed Abdel-Samad, Ensaf Haidar, Andrea C. Hoffmann und Michael Schmidt-Salomon. 48 Seiten, geheftet, Euro 5.- (zu beziehen über www.denkladen.de)