Allgemeines | Veröffentlicht in MIZ 2/14 | Geschrieben von Gunnar Schedel

Beantwortung der Frage, 
ob der Islam zu Europa gehört

Eigentlich eignet sich die Frage nicht für Parolen. Denn bevor eine auch nur halbwegs vernünftige Antwort gegeben werden kann, ob der Islam zu Europa gehört oder nicht, müsste erläutert werden, wie die Frage denn genau verstanden werden soll. Und ein solcher Text, der die Voraussetzungen der Beantwortung seriös erörtert, passt nicht auf ein Wahlplakat.

Da wäre zunächst die historische Perspektive. In Spanien war der Islam seit dem 8. Jahrhundert zuhause, für immerhin über 700 Jahre. Und als die Reconquista sich anschickte, die Spuren der muslimischen Herrschaft auf der iberischen Halbinsel zu tilgen, hatte sich das Osmanische Reich längst im Südosten Europas festgesetzt und blieb dort bis ins frühe 20. Jahrhundert.

Doch wer die Frage, ob der Islam zu Europa gehört, mit Nein beantworten will, wird sich auf den schlichten Hinweis auf die Vergangenheit nicht einlassen, sondern argumentieren, dass Europa nicht als geographischer Raum verstanden werden dürfe, sondern dass es eine spezifisch europäische Identität gebe. Und dann werden in der Regel die Wertschätzung des Individuums, Bürger- und Menschenrechte und Demokratie angeführt, manchmal auch die Gleich­berechtigung der Geschlechter und häufig das Christentum. Doch gerade einige dieser als Grundsteine der euro­päische Identität angenommenen Vorstellungen hätten Europa ohne den Islam möglicherweise nie erreicht. Denn
sie wurden in der Antike entwickelt und während der Islam in den ersten Jahrhunderten seiner Existenz die Rezeption antiker Ideen zuließ, war das lateinische Christentum bemüht, das „heidnische“ Wissen in Vergessenheit geraten zu lassen. Die Renaissance, die zum Ausgangspunkt jener Entwicklung wurde, auf die Abendlandfans so gerne verweisen, wenn sie sich vom Islam abgrenzen möchten, hätte es ohne den Wissenstransfer über muslimische Gelehrte so höchstwahrscheinlich nicht gegeben. Die Wissbegierigkeit und Toleranz der damaligen islamisch-arabischen Kultur hat es letztlich ermöglicht, dass in Europa ein Prozess in Gang kam, an dessen Ende die Emanzipation vom christlichen Feudalismus stand. Zugespitzt ließe sich sagen: Der Islam ist eine Voraussetzung von Europa, gerade wenn es über seine politische Kultur definiert wird.

Hinzu kommt: Während in Spanien die katholische Inquisition binnen weniger Generationen dafür sorgte, dass keine Muslime mehr in der Region lebten, gibt es in einigen Balkanstaaten heute muslimische Minderheiten. In den Ländern, deren Kolonialreich islamische Territorien umfasste, wanderten schon im 19. Jahrhundert Muslime ein und die Arbeitsmigration hat dazu geführt, dass heute Millionen Muslime in Europa leben. Mit ihnen ist ihr jeweiliger Islam gegenwärtig. Und das wird so bleiben, selbst wenn sich frem­denfeindliche Parteien, die für die Vertreibung der Eingewanderten plädieren, durchsetzen sollten. Wohin sollten Konvertiten wie Pierre Vogel (die aktuelle Galionsfigur der Salafisten in Deutschland) oder Ayyub Axel Köhler (langjähriger Vorsitzender des Zentralrats der Muslime) denn abgeschoben werden?

Schließlich: Politische Kulturen sind
nicht in Stein gemeißelt. Vor gerade einmal zwei Generationen erlebte Europa den größten nur vorstellbaren Kultur­bruch. Und als vor 100 Jahren der Erste Weltkrieg begann, wäre die Rede
von einer gemeinsamen europäischen
Identität auf weitgehendes Unver­ständnis gestoßen.

Wenn nun jene, die die Frage, ob der Islam zu Europa gehört, gerne mit Ja beantworten möchten, selbstzufrieden denken, damit sei nun alles gesagt, irren sie jedoch. Denn wer feststellt, dass der Islam zu Geschichte und Gegenwart Europas gehört, referiert nur die Fakten. Es ist so, wie beschrieben. Doch die Frage kann auch darauf abzielen, zu klären, ob es so sein soll bzw. ob es gut ist, dass es so ist, wie es ist. Gerade wenn wir oben genannte Werte als Maßstab nehmen, stellt sich in diesem Moment die Frage, was unter „Islam“ denn verstanden werden soll. Sobald Islam auch als Religion gesehen wird, die ihren Anhängern Vorgaben fürs alltägliche Leben macht, die über Ramadan und Freitagsgebet, also die persönliche Ausgestaltung von Religiosität, hinausgehen, die sich auf gesellschaftliche Verhältnisse beziehen, fällt das Konfliktpotential ins Auge. Gerade die Islamverbände, die in Deutschland derzeit von der Politik umworben werden, vertreten Positionen, die sich ungefähr im geistigen Horizont der Adenauer-Union bewegen. Wenn „dazugehören“ dann als „mitbestimmen dürfen“ verstanden wird, liegen die Probleme auf der Hand. Denn derart religiös und patriarchalisch durchwirkte Auffassungen kollidieren zwangsläufig mit einigen Grundrechten (wie Religionsfreiheit) oder der Emanzipation der Frau. Und auf eine Rolle rückwärts in die 1950er Jahre hat die Mehrheit der in Europa lebenden Menschen wohl keine Lust.

Und das gilt sicherlich auch für eine beachtliche Zahl der Eingewanderten. Denn Kulturen sind nicht homogen. Die oft beschworenen nationalen Identitäten sind nicht einfach so entstanden, sie wurden hergestellt und oft genug mit Druck und Gewalt. Und in Zeiten der fortschreitenden Globalisierung lösen sich selbst die soliden statistischen Häufungen auf, mit der sich vor 50 Jahren vielleicht noch annäherungsweise beschreiben ließ, was ein „Deutscher“ oder ein „Franzose“ sei. Und für den Islam, eine Religion, die nie ein dogmatisches Zentrum hatte und sich über den halben Erdball verteilt, gilt dies allemal.

Das heißt auch: Das tolerante, bildungsbeflissene Potential des Islam findet sich heute nicht mehr in den herrschenden Kreisen, aber in dissidenten Strömungen lebt es fort. In diesem Sinne ließe sich sagen: Die Trennlinie verläuft nicht zwischen „Islam“ und „Europa“. Der Islam, wie ihn beispielsweise der Zentralrat der Muslime oder DITIB vertreten, gehört sowenig zu Europa wie das Christentum eines Karol Wojtyła oder eines Joseph Ratzinger. Er gehört auch nicht zur Türkei oder zum Maghreb oder zu Indonesien. Auch die Menschen dort haben Besseres verdient. Er gehört auf den Misthaufen der Geschichte.