Prisma | Veröffentlicht in MIZ 1/13 | Written by Peter Ullrich

Fragmentierter Antisemitismus

Aktuelle Befunde und ein Kommentar zur Antisemitismusdebatte

Die Ergebnisse der aktuellen Studie Die Mitte im Umbruch sind schockierend. Was wir dort an Einstellungsmustern zutage för­derten und insbesondere die deutlichen Abwärtstrends bei demokratiefeindlichen Ansichten signalisieren einen Zustand der Gesellschaft, die sich besonders dort, wo die Krise stärker anklopft, immer chauvinistischer geriert. Das Verdienst der Mitte-Studien seit 2002 ist, dass sie immer darauf hingewiesen haben, dass extremes rechtes Gedankengut (Diktaturbefürwortung, Chauvinismus, Ausländerfeindlichkeit, Sozialdarwinismus, Ver­harmlosung des Nationalsozialismus und Antisemitismus) nicht nur ein Phänomen der politischen ‘Ränder’ ist, sondern in allen Klassen und sonstigen Segmenten der Gesellschaft anzutreffen ist. Denn es basiert auf allgemeinen Strukturen und Kategorien, vor allem aber auf den Widersprüchen, die unsere gesamte Gesellschaft prägen.

So ist übersteigerter Nationalismus nicht denkbar ohne die grundlegende Annahme, dass es so etwas gibt wie das deutsche Volk, welches eine Herkunft teile und daher gemeinsame Interessen habe, die nach außen verteidigt werden müssen oder die damit einhergehende Annahme, dass es quasi ganz natürlich sei, zu „seiner“ Fußballnationalmannschaft zu halten.

Der moderne Antisemitismus hat hier eine wesentliche Quelle. Er knüpft zwar an alte christliche Stereotype von den „Jesusmördern“ an, die im Mittel­alter für jedes Unheil verantwortlich gemacht werden konnten, doch er findet mit dem Prozess der Herausbildung moderner Nationalstaaten und der Ras
senideologie im späten 19. Jahrhundert eine völlig neue Funktion. Die Jüdinnen
und Juden werden hier zu Personifi­zierungen der unverstandenen Erschei­nungen der Moderne. Die Antisemit/innen machen sie verantwortlich für Individualisierung und freie Presse, für Liberalismus und Sozialismus, für Kapitalismus, Geld und Zinsen. Und sie sind das Gegenprinzip zur Nation. Während alle betrauerte Ursprünglichkeit sich in der Moderne zu zersetzen scheint, ist mit ihnen ein Sündenbock dafür gefunden. Diese Aspekte finden sich auch heute so in den Einstellungen weiter Bevölkerungsteile. 20% glauben an einen übergroßen Ein­fluss der Jüdinnen und Juden auf die öffentliche Meinung; 28% gehen von einer besonderen jüdischen Kontrolle auf die Wall Street aus. 20% finden, dass sie „mit ihren Ideen für Unfrieden sorgen“ und 15% sind der Meinung, dass sie dadurch an ihrer Verfolgung mit schuld seien.

Stark national gesinnte Personen neigen besonders stark zum Anti­semitismus. Auf dieser nationalen Identifikation basiert zu großen Teilen auch der sogenannte sekundäre Antisemitismus, welcher nun erstmals im Rahmen der Studie mit erfasst wurde. Damit ist der Antisemitismus „nach und wegen Auschwitz“ gemeint, der sich insbesondere im Relativieren der Naziverbrechen zeigt oder im Vorwurf, die Jüdinnen und Juden seien selbst in den Holocaust verstrickt. Die Identifikation mit der Nation lässt viele Deutsche das deutsche Verbrechen Auschwitz als persönlichen Makel empfinden. Deshalb wird die Erinnerung an das Verbrechen abgewehrt oder die Geschichte verdreht. Sie wollen einen Schlussstrich unter die NS-Vergangenheit ziehen (62% Zustimmung, 20% teils-teils) oder sind es leid, von den Verbrechen der Deutschen an den Jüdinnen und Juden zu hören (38% Zustimmung, 27% teils-teils), sie glauben, dass Reparationsforderungen nicht den Opfern helfen, sondern einer Holocaust-Industrie findiger Anwälte (43% Zustimmung, 29% teils-teils).

Bei einigen der in der Befragung genannten Statements ist also nur eine kleine Minderheit übrig, die entsprechende Einstellungen überwiegend ablehnt. Es fällt jedoch auf, dass die Zustimmung zu einzelnen der antisemitischen Äußerungen viel höher ist als der Anteil weltbildhafter Antisemit/innen an der Bevölkerung. Bei „nur“ 11,5% der Befragten liegt ein festes Syndrom judenfeindlicher Einstellungen vor, d.h. sie stimmen allen judenfeindlichen Aussagen im Fragebogen mehrheitlich zu. Beim sekundären Antisemitismus sind es 23,8%.

  Primärer Antisemitismus Sekundärer Antisemitismus
Gesamt 11,5 23,8
West 11,3 24,9
Ost 12,6 18,8
Männer 12,7 27,4
Frauen 10,6 20,5
Evangelisch 9,5 25,1
Katholisch 10,6 26,4
Muslimisch 16,7 20,8
ohne Konfession 16,6 17,5

Tab. 1: Antisemitismus in Abhängigkeit von Geschlecht, Konfession und Wohnort (Quelle: Ullrich et al. 2012)

Dieser Befund zeigt in aller Deutlichkeit, dass der generelle Ansatz der Mitte-Studien auch beim Thema Antisemitismus den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Natürlich sind nicht alle Deutschen ideologisierte Judenhasser/innen wie nicht alle Rechtsradikale sind. Doch die verbreiteten extremen Einstellungen fußen auf Ansichten, die im allgemeinen Diskurs weit verbreitet und salonfähig sind. Dazu kommt, dass einzelne antisemitische Einstellungen auf immense Zustimmung treffen, teilweise bei deutlich mehr als der Hälfte der Bevölkerung. Geschichtlich haben verschiedene dominante Er­scheinungsformen (christlicher Anti­judaismus, Rasseantisemitismus und moderner/nationaler Antisemitismus sowie sekundärer Antisemitismus) einander abgelöst. Rudimente älterer Formen sind heute weiterhin vorhanden, auch wenn andere Aspekte sie überformen. Der Antisemitismus schöpft in einer heterogen zusammengesetzten Bevölkerung aus sehr unterschiedlichen kulturellen und sozialstrukturellen Quellen und kann sehr unterschiedliche, oft sogar einander widersprechende Inhalte transportieren. So neigen beispielsweise Menschen mit Migrationshintergrund weniger zum sekundären Antisemitismus. Im Westen sind die Werte in den letzten 10 Jahren rückläufig, während sie im Osten kontinuierlich anstiegen. Im Jahr 2012 sind sie im Osten der Bundesrepublik erstmals höher als im Westen. Und auch wenn der Antisemitismus klar eine rechte Ideologie ist, die entsprechend insbesondere im rechten politischen Lager verbreitet ist, sind antisemitisch gesinnte Personen auch unter den Anhänger/innen linker und liberaler Parteien zu finden

  Primärer Antisemitismus Primärer Antisemitismus
Rechte 61,1 63,2
CDU/CSU 11,8 24,1
SPD 13,7 28,5
FDP 7,1 25,9
Grüne 5,4 14,3
Die Linke 15,7 21,2
Piraten 5,7 19,6
Nichtwähler 7,9 21,3
Unentschiedene 7,1 22,4

Tab. 2: Antisemitismus und Parteipräferenzen (Quelle: Ullrich et al. 2012)

Wir sehen also eine Formenvielfalt und eine starke Fragmentierung des Antisemitismus und sehr weit verbreitet zumindest die Überlegung, ob denn an dem einen oder anderen ‚Gerücht über den Juden‘ nicht etwas ‘dran ist’.

  Primärer Antisemitismus Primärer Antisemitismus
bis 24 7,4 15,3
25-34 8,7 18,5
35-44 10,8 17,8
45-54 8,4 22,4
55-64 10,1 26,4
65-74 18,6 34,7
ab 75 19,4 27,8

Tab. 3: Antisemitismus in Abhängigkeit vom Alter (Quelle: Ullrich et al. 2012)

Insbesondere das Nachleben des Anti
semitismus nach dem National­sozialismus ist vielfältig, auch wenn die Betrachtung des Antisemitismus in Abhängigkeit vom Alter zeigt, dass die Bildungsanstrengungen der letzten Jahrzehnte durchaus von Erfolgen gekrönt sind und jüngere Generationen weit weniger stark von dieser nationalsozialistischen Ideologie geprägt sind. Die sekundär-antisemitische Ver­harmlosung der Nazizeit aus nationaler narzisstischer Kränkung ist eine der NS-Folgen, die allgemeine deutsche Verunsicherung, wie man mit Jüdinnen und Juden umgehen solle (oder wer überhaupt jüdisch ist und was genau Jüdinnen und Juden ausmacht) eine andere. Die Gleichsetzung von Jüdinnen und Juden mit Israel ist ebenso eine Folge davon (24% finden beispielsweise wegen der israelischen Politik Jüdinnen und Juden unsympathisch), wie der Versuch die nationalen moralischen Dilemmata zu umgehen, indem man den Spieß einfach umdreht und alles Jüdische und/oder Israelische bewundert oder für quasi sakrosankt erklärt.

Leider jedoch findet die Durch­dringung der gesamten Gesellschaft zumindest mit Aspekten und Versatz­stücken des Antisemitismus und die Omnipräsenz von Grauzonen und Übergängen keine Entsprechung in der deutschen Antisemitismusdebatte. Die übt sich oft nicht im Aufspüren dieser Komplexität und Vielfalt. Meist sucht sie nach Tabuverletzern. Die werden dann nach skandalförmigen Erregungen aus der Gemeinschaft ausgeschlossen (sie müssen zurücktreten) wie Martin Hohmann. Und die Diskutant/innen sind meist in zwei klare Lager gespalten, selbst da, wo die Fälle viel komplexer gelagert sind. Entsprechend wurde beispielsweise Günter Grass nach seinem israelfeindlichen Gedicht von den einen als Antisemit verteufelt und von den anderen als mutiger Mahner gefeiert, der selbstverständlich über jeden Antisemitismusverdacht erhaben sei. Kaum einer konnte sehen, dass in beiden Sichtweisen ein Körnchen Wahrheit verborgen ist, und nur beide in ihrer Widersprüchlichkeit wirklich Sinn ergeben und uns etwas über Antisemitismus und die ambivalenten Folgen der Versuche seiner ‘Bewältigung’ in Deutschland mitteilen.

Der deutsche Diskurs über den Antisemitismus ist einer über den Antisemitismus der anderen. Dies ist ebenso verheerend, wie die in der Studie zutage geförderten extrem rechten Einstellungsmuster. Mit den periodisch auftretenden Skandalen gelingt es trotz gleichzeitigen Dauergedenkens und Mahnens immer wieder, den Antisemitismus zum großen Bösen zu stilisieren, zur Ausnahme, zur Abweichung von der Normalität. So bleibt Antisemitismus aber ein Problem der anderen. Doch diese Sichtweise ist ein Selbstbetrug – und dies gilt auch für viele immer achtsame Mahner und Antisemit/innenjäger. Antisemitismus ist ein genuin soziales Phänomen und keine individuelle Pathologie einzelner ‘Betroffener’. Antisemitismus, dies zeigen auch die neuen Befunde, ist ein strukturelles Problem, mit Ursachen in den grundlegenden ideologischen und ökonomischen Strukturen moderner europäischer Nationalstaaten, mit einigen deutschen Spezifika. Er ist ein kollektives, weitreichendes Phänomen und keine individuelle Pathologie. Er ist tief verwurzelt in unserer westlich-modernen Kultur und materialisiert sich in Sprache, stereotypen Einstellungen und formelhaften Ritualen seiner Perpetuierung und seiner Bekämpfung, in Phänomen also, die uns alle tangieren. Dies gilt es anzuerkennen, um Antisemitismus bekämpfen zu können. Nicht nur durch Ausschluss der ‘anderen’, sondern durch einen kritischen Blick auf unsere gesamte Gesellschaft und uns selbst.

Literatur

Ullrich, Peter / Decker, Oliver / Kiess, Johannes; Brähler, Elmar 2012: Judenfeindschaften. Alte Vorurteile und moderner Antisemitismus, in: Decker, Oliver; Kiess, Johannes; Brähler, Elmar (Hrsg.): Die Mitte im Umbruch. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2012, Bonn: J.H.W. Dietz Nachf., S. 68-86, online: http://www.fes-gegen-rechtsextremismus.de/pdf_12/mitte-im-umbruch_www.pdf.

Informationen: Formen der Judenfeindschaft

Christlicher Antijudaismus ist die jahrhunderte­alte, religiös motivierte Feindschaft gegen die Anhänger/innen der Ursprungsreligion.

Der moderne oder nationale Antisemitismus entsteht in Europa im Zuge der kapitalistischen Modernisierung und Nationalstaatsbildung. Er ist ein Weltbild, das das Judentum als feindliches Kollektiv konstruiert, um das eigene (Volk, Nation, Rasse, Religion) zu festigen. Es macht das Judentum für die abgelehnten und unverstandenen Aspekte der Moderne verantwortlich und verbrämt die eigene Feindseligkeit als Notwehr gegen jüdische „Machenschaften“ oder Verschwörungen.

Sekundärer Antisemitismus ist ein schwieriger messbares Konzept. Es erfasst Feindschaft gegen Jüdinnen und Juden nach und besonders wegen Auschwitz. Er entsteht, weil die jüdische Existenz an sich und die Erinnerung an die NS-Verbrechen die deutschen Nationalist/innen an die ‘eigenen’ Verbrechen erinnert. Durch Täter-Opfer-Umkehr oder überzogene Vorwürfe werden Jüdinnen und Juden beispielsweise als schlimmer als die Nazis dargestellt und so die eigene Gruppe entlastet.

Informationen: Konfessionslose & Antisemitismus

Die hohen Werte beim Anti­semitismus Konfes­sionsloser können verschiedene Ursachen haben, die nur mit speziellen Analysen und Wieder
holungsbefragungen aufgeklärt werden können.

Ein Faktor ist, dass es in Ostdeutschland hohe Werte und viele Konfes­sionslose gibt. Erklärende Ursachen sind somit nicht säkulare Einstellungen, sondern die wirtschaftliche Lage und der Pessismismus in ‘abgehängten’ Regionen. Es ist auch vorstellbar, dass religionskritisch
eingestellte Menschen auch spezifische Reli­gionsgemeinschaften stärker ablehnen und auf entsprechende antijüdische Fragen reagieren. Also müsste untersucht werden, unter welchen Bedingungen die allgemeine Religionskritik Einfallstor für die Abwertung bestimmter Gruppen wird.

Diese Grauzone wurde in der Beschneidungs­debatte deutlich, die von Säkularen aber auch von Rechten vorangetrieben wurde — mit sicher meist unterschiedlichen Motiven, aber ähnlichen Argumenten. Zudem ist es plausibel anzunehmen, dass bei vielen Personen beide Motive überlappen.

Entscheidender als die Einstellungsebene sind die Auswirkungen entsprechender religionskritischer Äußerungen im gesamtgesellschaftlichen Diskurs. Dort spielen die individuellen Motive keine Rolle mehr. Im rassistisch (insbesondere antimuslimisch und antisemitisch) gefärbten öffentlichen Diskurs in Deutschland kann die Argumentation gegen Beschneidung (die ja spezifisch Judentum und Islam betrifft) den ohnehin manifesten Rassismus/Antisemitismus befeuern. Dies gelingt durch die diskursive Produktion einer moralischen Überlegenheit der Weißen/Deutschen/Nichtjuden über die ‘barbarischen Bräuche’ der homogenisiert wahrgenommenen muslimischen/jüdischen ‘an
deren’ und damit durch die Verstärkung des Gefühls kollektiver Ausgrenzung der entsprechenden Menschen — eine Erfahrung, die sie ohnehin nur allzuoft machen. Diese problematische diskursive Gemengelage stellt entsprechend säkulare Anti-Beschneidungs-Positionen vor die Herausforderung, höchstgradig differenziert zu argumentieren, um beispielsweise nicht dem Vorwurf ausgesetzt zu sein, die immense psychische Zurichtung im Christentum als weniger dramatisch zu werten als den im Gesamt religiöser Unterwerfungspraktiken relativ (!) geringfügigen Eingriff der Beschneidung.