Schwerpunktthema | Veröffentlicht in MIZ 1/15 | Written by Carsten Frerk

Doc Jesus

Über den Zusammenhang von Gesundheit und Religiosität

Realistisch betrachtet ist der einzelne normale Mensch verschie­denen Mächten unterworfen, denen er sich manchmal, nicht zu
Unrecht, ausgeliefert fühlt. Wir neigen auch dazu, ständig Zusam­menhänge und Bedeutungen zu konstruieren, auch wenn es diese gar nicht gibt. Beides zusammen bildet die Basis eines magischen Denkens, in dem man sich Mächtigen verbündet, um sich nicht so hilflos zu fühlen.

Dabei ist der Unterschied zwischen einer „schwarzen“ und einer „weißen
 Magie“, nur der Unterschied, dass die
 christliche Religion behauptet, gut zu
sein, also „weiß“ und alle Konkurrenz­unternehmungen zum Bösen („schwarz“) gehören. Magie ist beides: der Glaube an das Eingreifen von übermenschlichen Instanzen. Dazu gehören auch alle Vorstellungen eines Schutzengels, der Wirksamkeit von Gebeten und die Geschichten vom Wunder Jesu, der Blinde wieder sehend und Krüppel als wieder laufend heilte: Doc Jesus.

Religiosität und organische Gesundheit

Die frühe Christenheit ist – in Über­einstimmung mit nahezu allen Reli­gionen – davon überzeugt gewesen, dass es einen engen Zusammenhang zwischen Religion und Medizin, Heil und Heilung gibt. Letztlich gehöre beides ineinander, sei beinahe schon identisch. Das zeigt auch der sprachliche Befund des gemeinsamen Wortstammes: Heil/Heilung/Heilen/Heiligung und – in an
deren Kulturen – die Identität des Scha­manen als Medizinmann.

Seit Hippokrates (um 460 v. Chr.), dem Begründer der rational-empirischen Medizin, werden Medizin und Religion jedoch getrennt voneinander betrachtet. Der Verlauf der Krankheiten ist nicht mehr von den Göttern, sondern vom vernunftgemäßen, auf Erfahrung beruhenden Handeln des Arztes abhängig. Allerdings gibt es immer noch Hypothesen über den Zusammenhang von Beten und Gesundheit. Drei Bei­spiele:

These 1: 
Rosenkranz beten ist gut fürs Herz

Wer die 150 „Ave Maria“ des Rosen­kranzes vor sich hin murmelt, beruhigt Herzschlag, Atmung und Blutdruck. Das zeigte sich in einer Untersuchung italienischer Ärzte an freiwilligen Test­personen. Die – viel zu hektische – durchschnittliche Atemfrequenz von 14 Atemzügen pro Minute wird durch das gleichmäßige Aufsagen der Gebete auf nur sechs Atemzüge gesenkt. Überdies passt sich der Pulsschlag dem Rhythmus der normalen körpereigenen Blutdruckschwankung an. Die
ser Gleichklang übt eine starke Schutz­wirkung auf das Herz aus.

Aus welcher Religion die Gebets-Formeln stammen, ist aber offenbar nicht so wichtig: Mit dem buddhistischen Mantra „Om mani padme hum“ ließ sich dieselbe harmonisierende Wirkung erzeugen.
Man kann sich sonntags auch bei Sonnenschein in den Schatten eines großen Baumes legen, ein Schläfchen machen und sich entspannen – das hilft auch.

These 2: 
Beten hilft nicht, Handauflegen schon

Forscher der Duke University (USA) beobachteten 748 Patienten mit Herz
prob­lemen, die alle für eine Herzope­ration vorgesehen waren. Für 371
Patienten hatten Buddhisten, Katho­liken, Juden und Vertreter anderer Religionen gebetet, 377 Herzkranke wurden keiner Gebetsgruppe zugeteilt.

Ob für einen Patienten gebetet wurde oder nicht, wussten dabei weder die Ärzte noch die Patienten. Zusätzlich erhielt die Hälfte aller Probanden eine MIT-(Music, Imagery and Touch)-Therapie. Die anderen 50 Prozent der Studienteilnehmer kamen nicht in den Genuss dieser unkonventionellen Behandlungsform, die eine Mischung aus neu erlernten Atemtechniken, Stressabbau-Training mit Hilfe von Musik (klassische und Country-Musik) sowie angenehme Berührungen darstellt.

Unterschiede waren nicht feststell
bar. Nur die Gruppe mit dem Handauf­legen war deutlich entspannter und hatte Monate später eine leicht verminderte Sterblichkeitsrate.

These 3:
Beten führt zu erhöhten Komplikationen

Unter besonderen Umständen kann das Beten aber auch einen gegenteiligen Effekt haben. Innerhalb einer Studie zur Wirksamkeit des Betens wurden zwischen 1998 und 2000 insgesamt 1.800 Patienten an sechs Krankenhäusern nach einer Bypass-Operation beobachtet.

Die Patienten wurden in drei Grup­pen aufgeteilt: Der ersten Gruppe der Operierten wurde mitgeteilt, dass für sie gebetet wurde, der zweiten Gruppe wurde es nicht mitgeteilt, während für die dritte Gruppe nicht gebetet wurde, was ihnen auch mitgeteilt wurde.
Bei den Kranken, die darum wussten, dass für sie gebetet wurde, trat eine signifikant größere Anzahl von Komplikationen auf, als bei denen, für die nicht gebetet wurde.

Warum? Dazu gibt es verschiedene Hypothesen. Eine lautet, dass die Kranken, für die gebetet wurde und die darum wussten, „ängstlicher“ wurden und Komplikationen befürchteten. Eine andere lautet: Die Kranken sagten sich: „Wenn schon um mich gebetet wird, dann muss es mir verdammt schlecht gehen!“ und gaben die Hoffnung auf Gesundung gänzlich auf.

Religiosität und psychische Gesundheit

Sebastian Murken, der sich auf dieses Thema spezialisiert hat, hat dazu grundsätzlich festgestellt, dass es keine eindeutigen Zusammenhänge zwischen Glauben und psychischer Gesundheit gibt und hat die Widersprüchlichkeit einmal aufgelistet: die Argumente, die in der Debatte immer wieder genannt werden.

Für einen positiven Zusammenhang zwischen Religiosität und psychischer Gesundheit spricht: Religion...

  • verringert Angst, indem sie eine Erklärungsstruktur für eine sonst chaotische Welt anbietet;
  • bietet das Gefühl von Hoffnung, Sinn und Zweck und daraus resultierend ein Gefühl emotionalen Wohlbefindens;
  • vermittelt Vertrauen in die Sinn­haftigkeit von allem, wodurch Schmerz und Leid besser erträglich sind;
  • bietet für eine Vielzahl situativer und emotionaler Konflikte eine Lösung an;
  • löst zumindest teilweise das beunruhigende Problem der Sterblichkeit durch Glauben an ein Weiterleben;
  • vermittelt moralische Richtlinien für den Umgang mit sich selbst und anderen, unterdrückt einen selbstzerstörerischen Lebensstil.

Argumente für einen negativen Zusam­menhang zwischen Religiosität und psychischer Gesundheit – die den positiven auf der gleichen Bedeutungsebene gegenüber stehen –, sind: Religion...

  • fördert Selbstentwertung und geringes Selbstwertgefühl durch Glaubensvorstellungen, die die menschliche Natur abwerten;
  • unterdrückt Ärger, ohne ihn zu beseitigen;
  • fördert Gefühle von Furcht und Angst durch Glauben an Sünde und Bestrafung;
  • verhindert Autonomie, selbstgesteuerte Kontrolle und persönliches Wachstum;
  • fördert Unterordnung, Konformität und Suggestibilität mit dem Ergeb­nis der übermäßigen Abhängigkeit von äußeren Kräften;
  • fördert eine Aufteilung der Welt in „gute“ und „schlechte“ Menschen. Daraus entstehen Vorurteile und Feindseligkeiten.

So eindeutig oder eindimensional ist es also nicht. Worin kann also die Ursache liegen, dass diese sich widersprechenden Argumente bestehen?

Emotionen bestehen nicht nur für
sich alleine, sondern sind Teile eines
Sets mit anderen Emotionen, Lebens
erfahrungen, Hoffnungen und Zielsetzungen. Erst in diesem Zusammenspiel bekommen religiöse Elemente eine spezifisch positive oder negative Be­deutung.

„Alles Unsinn“

Richard Sloan, vom Institut für Ver­haltensmedizin an der Columbia Uni­versität, hat sich mit dem Phänomen „Beten fördert Gesundheit“ genauer
beschäftigt. Sein Ergebnis: Die Lebens­führung steht im Zentrum der Studien, nicht die Religion.

Er kommt zu dem Schluss, dass 83 Prozent der Studien wertlos sind, denn sie beschäftigen sich gar nicht wirklich mit den Auswirkungen der Religion und der religiösen Praktiken auf die Gesundheit, sondern mit Fragen der Lebensführung im Allgemeinen. Also: „Alles Unsinn“, sagt Sloan.

Alle, die für ihre Lebensführung einen geordneten Rahmen haben – egal um welche Lebensweise es sich dabei handelt – seien es religiös Gläubige oder seien es Vegetarier, Veganer, militante Nichtraucher u.a.m. – führen, solange sie davon überzeugt sind, ein ausgeglicheneres und geruhsameres, im Effekt gesünderes Leben – es sei denn, sie werden von der „Langweiligkeit“ dieses Lebens genervt – das wäre wiederum ungesund.
„Gesund“ und „ungesund“ sind hier auch im Sinne einer Lebenserwartung genannt, denn ledige und geschiedene Menschen, Menschen mit schlecht bezahlten Arbeiten, mit einem geringeren Bildungsabschluss, etc. haben eine geringere Lebenserwartung, egal wie religiös sie sind.

Lange Zeit hieß es, dass Pastoren
und Priester die höchste Lebenswar­tung hätten, insbesondere die Pasto­renwitwen. Fragte man sie selbst, dann war es ihr Glaube an Gott und ihr „gottgefälliges Leben“. Das hat sich aber mittlerweile geändert. Seit Pastoren und Priester aus der Gewissheit einer sozialen Anerkennung herausgefallen sind, wegen der immer geringer werdenden Zahl an Gottesdienstbesuchern, eher am „Burn-Out-Syndrom“ leiden und sich gegebenenfalls als Sozialarbeiter versuchen, ist ihre Lebenserwartung jetzt nur noch durchschnittlich.

Lebensumstände

Wesentlich für eine bessere Gesundheit ist dabei die psychische Stabilität des Einzelnen, wo auch immer diese gefunden wird, sei es in der Familie, im beruflichen oder privaten Freundeskreis oder auch in der Kirchengemeinde, aus der der Einzelne, wenn ihm eine positive Bindung gelingt, eine Stabilität gewinnen kann, die ein gutes Selbstwertgefühl und Zutrauen gibt. Das kann gelingen, aber, selbst in formal vergleichbaren Konstellationen, eben auch nicht.

Die höchste Lebenserwartung haben – statistisch gesehen –, Menschen mit einem geregelten und als gut empfundenen Einkommen, einer sozialen Einbindung und einer formal höheren Bildung. Sie haben weniger Probleme.

Selbstheilungskräfte

Ein hoher Prozentsatz organischer Er­krankungen hat psychosomatische Ur­sachen, wie z. B.: „Seine Bewertung hat mich gekränkt!“ So gibt es auch den „Psycho-Schnupfen“, wenn man sich einer unguten Situation am Arbeitsplatz entziehen möchte: Anzeichen einer Hilflosigkeit und des Ausweichens.

Aber die Medizin kennt verschiedenste Beispiele, dass Menschen wieder gesund wurden, obwohl sie von der ‘‚klassischen Medizin’ bereits aufgegeben worden waren. Das beruht auf der gleichen Erfahrung, dass Medikamente gegebenfalls nicht helfen, wenn der Patient nicht gesund werden will. Die religiöse Überzeugung: „Der Mensch denkt, Gott lenkt!“ und ein daraus resultierendes „Gottvertrauen“ kann auch anders betont werden, dass der Mensch eben so denkt und niemand lenkt.

Schnupfen, sagt die Lebenserfah­rung, dauert mit Medikamenten zwei Wochen und ohne Medikamente vierzehn Tage. Wenn ich nun keine Medi­kamente nehme und vierzehn Tage jeden Abend bete, gesund zu werden, bin ich nach vierzehn Tagen wieder gesund – ich bin es allerdings in jedem Fall, ob mit oder ohne Zuweisung auf eine „göttliche“ Instanz. Vermeintliche Projektionen.

„Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!“ Diese Volksweisheit benennt genau diese Selbstheilungskräfte und ihre falsche Zuweisung. Das betrifft nicht nur naive Menschen oder Ungebildete, ganz im Gegenteil: Gerade Intellektuelle brauchen nur eine (vermeintliche) Be­gründung, dann glauben sie einem jeden Quatsch.

Wie diese Wahrnehmung von Glau
be und Gesundheit wahrgenommen
wird, sagt der Begriff des „Gesund­heitsapostels“ – Menschen, die behaupten, dass ihr einseitiges Konzept (Kein Fett!) der Schlüssel zur Gesundheit sei, was es aber nicht ist – eben „Apostel“.
Und dass diese „Propheten“ selbst scheitern, zeigt der Guru Bhagwan (Osho), der seinen Anhängern ein hundertjähriges Leben versprach, wenn sie nach seinen Regeln lebten – und selbst mit 58 Jahren verstarb. Mit vielen Rolls-Royce in der Garage, aber mit Übergewicht, Asthma und Herzschwäche.

Insofern ist das Geschäft mit dem magischen Denken lukrativ – allein
die Esoteriker, zu denen auch die Homöopathen gehören, haben in Deutschland einen Jahresumsatz von 400 bis 500 Millionen Euro. Aber nur die werden wieder gesund, ob gläubig oder nicht, die in einer Form krank sind, für die eine Selbstsuggestion der Heilung möglich ist. Alle anderen sterben frühzeitiger.

Und die „Tröstung“ eines ewigen Lebens ist nur für diejenigen ein Trost, für die diese ewige Langeweile erstrebenswert ist. Solche Leute soll es geben.