Prisma | Veröffentlicht in MIZ 4/18 | Written by Mahmudul Haque Munshi

Durba Zahan vorerst in Sicherheit

Das erste Mal begegnete mir Durba vor acht Jahren auf dem Blog Somewhereinblog.net, dem größten bengalischen Blog, für den auch ich schrieb. Die Thesen das Artikels, den sie dort veröffentlicht hatte, waren für den Zustand unserer Gesellschaft gewagt und dazu noch von einer jungen Frau geschrieben. Ich fragte mich, wer diese Frau war. Wie konnte Sie so unverblümt schreiben, ohne Angst vor Verfolgung und Druck von Seiten der Familie? Wusste diese überhaupt davon?

Religion zu kritisieren, ist eine gefährliche Angelegenheit, die den Autoren viel Aufmerksamkeit bringen kann, gleichzeitig aber auch viel Hass heraufbeschwört. Durba beschrieb die Dinge so eindringlich, dass sie das Interesse vieler Blogger erregte. Ich kannte nur ihren Namen und sah später, dass wir auf Facebook einige gemeinsame Freunde und Bekannte hatten. Ihr Erscheinungsbild war schlicht, doch sie hatte einen starken, unbeirrbaren Charakter, mit dem sie in ihrem Freundeskreis ein Vorbild war.

Nachdem ich ihren Vater Shahjahan Bacchu kennengelernt hatte, wurde mir klar, von wem sie diesen rebellischen Charakter geerbt hatte. Ihr Vater war in einer kleinen kommunistischen Partei aktiv und führte einen Verlag. Er sprach offen über seine Gedanken und Wertvorstellungen und hatte einige äußerst kritische Artikel verfasst, in denen er das religiöse System kritisierte und es für die Lähmung der Gesellschaft verantwortlich machte.

Am 5. Februar 2003 rief ich die „Shahbag-Bewegung“ ins Leben, die die Trennung von Staat und Kirche sowie das Verbot von religiösen politischen Parteien, die nicht nur Extremisten waren, sondern auch direkt an den Kriegsverbrechen von 1971 beteiligt waren, forderte. Durba trat dieser Bewegung bei und engagierte sich auch bei säkularen und menschenrechtlichen Gruppen in Bangladesch.

Die Anzahl der atheistischen Akti­visten – die meisten davon Blogger – ist so spärlich, dass wir eine Gemeinschaft bilden und uns untereinander gut kennen. Wir interessierten uns allerdings nur mäßig für diese Gemeinschaft, ehe 2013 unser Freund Ahmed Razib Haider von Islamisten vor seinem Haus mit einer Machete in Stücke gehackt wurde. Danach veränderte sich alles. Durba hörte auf zu schreiben und hielt sich, wie hunderte andere auch, sehr bedeckt.

Doch das half uns wenig: wir wurden am helllichten Tag auf offener Straße umgebracht. Systematisch, in regelmäßigen Abständen. Wir erinnerten uns gegenseitig daran, dass es bald wieder Zeit für einen neuen Mord wäre. Wir spekulierten darüber, ob es diesmal ein Mann oder eine Frau, eine Berühmtheit oder jemand außerhalb der Hauptstadt sein würde.

Wir hatten keine andere Wahl, als die Situation zu akzeptieren und es auszuhalten. Die Regierung begann, die Mörder zu unterstützen, wir wurden gefragt, warum wir überhaupt über Religion schreiben müssten, und die Polizei legte uns nahe, das Land zu verlassen, da sie uns nicht beschützen könnte. Auch wer polizeiliche Hilfe suchte, war nicht sicher.

Wir begannen, unsere Accounts auf Blogs zu löschen, einige wurden von den Blogbetreibern aus Furcht vor Verfolgung gesperrt, einige flohen aus dem Land, andere gingen auf die Straße und protestierten gegen die Verfolgung, doch niemand interessierte sich dafür. Die Verleger, die unsere Bücher publiziert hatten wurden ermordet, die Buchläden, die unsere Titel im Programm hatten, wurden attackiert, die Druckereien, die unsere Schriften druckten, niedergebrannt. Wir konnten keine Wohnungen mehr mieten, unsere Freunde brachen den Kontakt ab, unsere Verwandten missachteten unsere Eltern, wir wurden gefeuert und unsere Partner verließen uns, während wir darauf warteten, auch ermordet zu werden.

Durbas Vater Shahjahan Bacchu wurde vor einigen Monaten vor den Augen der Polizei und Zeugen getötet, einfach dafür, dass er Atheist war. Durba zeigte mir einige Facebook-Nachrichten und Posts, von denen ihr der Hass entgegenschlug und ihr im Namen Allahs und der Religion mit Tod, Vergewaltigung und jeder erdenklichen Verstümmelung gedroht wurde. Vor Shahjahan Bacchus Tod hatte niemand gewusst, dass er Durbas Vater war. Danach erinnerte man sich an ihre Texte, und Fanatiker fingen an vorzuschlagen, dass man sie genau wie ihren Vater töten solle und dafür im Himmel belohnt würde.

Todesdrohungen auf Facebook sind das tägliche Brot atheistischer Blogger, es ist ein Teil des Aktivismus, sozusagen ein Arbeitsrisiko. Doch in Durbas Fall wurde das Problem dringlicher, denn sie wurde auf der Straße verfolgt. Einer unserer Freunde, Niloy Neel, war getötet worden, nachdem man ihn verfolgt hatte. Da auch ihr Vater ermordet worden war, war es wahrscheinlich, dass auch sie noch vor den Wahlen am 30. Dezember getötet werden sollte und ich fürchtete um ihr Leben. Es ist ein Trend, kurz vor der Wahl Atheisten zu töten, um religiöse Gefühle zu provozieren.

Ich bin sehr glücklich darüber, dass 
es mir gelang, Durba und ihren Mann aus diesem elenden Loch von einem Land zu befreien, für dessen Gesell­schaft wir nichts weiter als Schädlinge sind.

Informationen

IBKA leistet Hilfe für atheistische Blogger aus Bangladesch

Der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) ist seit Oktober 2018 über Durba Zahans Situation informiert und hat sie und ihren Partner nach Deutschland eingeladen. Hier nahm sie die Möglichkeit wahr, u.a. mit Landtagsabgeordneten über die Situation von Atheisten in Bangladesch zu sprechen. Auch besuchten sie und ihr Partner mit Unterstützung der AG Flucht und Asyl des IBKA den 35. Kongress des Chaos Computer Clubs in Leipzig im Dezember 2018, um sich dort mit Gleichgesinnten zu vernetzen.
Die Einladung des IBKA wurde möglich, da Munshi den IBKA mit dem in Amherst (New York) ansässigen Center For Inquiry vernetzte.