MIZ 1/26

Gegen die Abschaffung der Öffentlichkeit

Warum eine säkulare Gesellschaft kontroverse Debatten braucht

Editorial


Öffentlichkeit – Streitraum oder zu verwaltendes Risiko?

Christoph Lammers

Zensur beginnt selten mit einem Verbotsschild. Sie beginnt viel häufiger mit einer (parlamentarischen) Anfrage, einer unterschwelligen Drohung, einem juristischen Hinweis, einem „muss das wirklich sein?“. Sie beginnt dort, wo politische Institutionen nicht mehr aus Überzeugung entscheiden, sondern aus Furcht vor dem nächsten Aufschrei, der nächsten Kampagne, dem nächsten Vorwurf. Und sie beginnt oft genau dann, wenn – wie das Beispiel der AfD zeigt – Ideolog*innen gelernt haben, dass sie nicht einmal mehr selbst verbieten müssen, um andere zum Schweigen zu bringen. Für Säkulare ist das keine abstrakte Dystopie, sondern eine quälende Erinnerung daran, wie zerbrechlich die Freiheit des offenen Wortes ist. Denn, wer ohne religiöse Verblendung lebt, ist auf eine streitbare Öffentlichkeit angewiesen, in der nichts sakral geschützt, sondern alles argumentativ umkämpft bleiben darf.

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Schwerpunktthema

Jürgen Habermas (1929–2026) gilt als einer der zentralen politischen Philosophen der Bundesrepublik Deutschland. Die Aufnahme zeigt ihn bei einem Vortrag an der Humboldt-Universität 2011. (Foto: Nikolas Becker, Wikipedia, https://creativecommons. org/licenses/by-sa/3.0/deed.en)
Schwerpunktthema


Jürgen Habermas und die Verteidigung der Vernunft

Christoph Lammers

Kaum ein anderer lebender Philosoph hat das intellektuelle Klima so geprägt wie Jürgen Habermas. Seit über sechs Jahrzehnten steht sein Name für den Versuch, die Moderne zu verstehen, ohne sie aufzugeben – für eine Vernunft, die sich selbst befragt, statt sich selbst zu entmachten. 1929 geboren, geprägt von Krieg, Wiederaufbau und der geistigen Orientierungssuche der Nachkriegszeit, war Habermas stets überzeugt: Die Moderne lebt nicht vom Glauben, sondern vom Gespräch – von vernünftiger Auseinandersetzung unter Freien und Gleichen. Doch gerade hier zeichnen sich Spannungen ab: Dort, wo Habermas im Laufe der letzten Jahre die Religion wieder ins Spiel brachte, um den moralischen Zusammenhalt der Gesellschaft zu retten, öffneten sich Widersprüche.

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Staat und Kirche

Bernburg-Waldau, Salzlandkreis, sog. Neue Stephanskirche nach jahrzehntelangem Leerstand und Verfall (2018), inzwischen stehen nur noch die Außenwände. (Foto: Frank Brück, Wuppertal)
Staat und Kirche


Vom Diesseits ins Abseits
Die Profanierung von Kirchengebäuden in Sachsen-Anhalt — Gefahr für Baudenkmale (Teil 1)

Ralf Kluttig-Altmann

Die beiden großen Kirchen verlieren stetig an Mitgliedern, was sich allmählich auch auf ihre Finanzkraft auswirkt. Was bedeutet das für ihre Immobilien, vor allem für die denkmalgeschützten Kirchengebäude? Wie werden diese genutzt, wenn niemand mehr zum Gottesdienst kommt und die Mittel für Sanierung und Erhaltung fehlen? In einem dreiteiligen, umfänglich bebilderten Aufsatz wird Ralf Kluttig-Altmann diesen Themenkomplex anhand sachsen-anhaltinischer Beispiele ausführlicher beleuchten. (MIZ-Redaktion)

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Prof. Dr. Joachim Volz hatte eine Petition gestartet, die bis Mitte August 2025 über eine Viertelmillion Menschen unterzeichnet hatten. (Screenshot)
Staat und Kirche


Medizin unter Vorbehalt
Zur Entscheidung des Landesarbeitsgerichts Hamm im Fall Joachim Volz

Udo Endruscheit

Die Entscheidung des Landesarbeitsgerichts Hamm im Berufungsverfahren des Gynäkologen Joachim Volz reicht weit über arbeitsrechtliche Detailfragen hinaus. Formal bestätigte das Gericht, dass ein kirchlicher Klinikträger einem angestellten Arzt untersagen darf, medizinisch indizierte Schwangerschaftsabbrüche im Rahmen seiner Tätigkeit für die Klinik durchzuführen. Begründet wird dies mit der unternehmerischen Freiheit des Trägers. Untersagt bleibt dem Träger allerdings – folgerichtig –, dem Arzt solche Eingriffe in Nebentätigkeit oder eigener Praxis zu verbieten.

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Prisma

Mission Freedom – auf den ersten Blick ein professioneller Webauftritt, bei genauerem Hinsehen wird jedoch schnell klar, welche Rolle die christliche Ideologie für die Soziale Arbeit der Organisation spielt.
Prisma


Vom „großen Plan Gottes“ zur Kindeswohlgefährdung?

Matthias Pöhl

Der umstrittene evangelikale Verein Mission Freedom e.V. hat 2024 eine vollstationäre Jugendeinrichtung für minderjährige Betroffene von sexuellem Missbrauch im bayerischen Allgäu eröffnet. Der Ort dürfte dabei nicht zufällig gewählt worden sein. Denn öffentliche Stellen in Hamburg, dem Sitz des Vereins, distanzierten sich schon 2013 und erklärten, man arbeite mit dem Verein wegen dessen spezifisch-missionarischer Ausrichtung und unprofessioneller Arbeitsweise nicht zusammen.1

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Der „Marsch für das Leben“ ist eine den wichtigsten Veranstaltungen für die „Lebensschützer“-Szene. (Foto: Frank Nicolai)
Prisma


Tradition, Familie, Privateigentum
Wie sich rechtskatholische Netzwerke in Europa ausbreiten

F.F. Katterfeldt

Am 20. März 2026 fand auf der Leipziger Buchmesse eine Veran­staltung mit dem Titel „Linke Gewalt gegen Lebensrechtler“ statt. Moderiert von Heiner Lüning stellte Elias Burow im Gespräch mit Mathias von Gersdorff dessen Buch Antifa marschiert: Linke Gewalt gegen Lebensrechtler über vermeintlich organisierte und systematische Angriffe auf die selbsternannten Lebensschützer vor. Doch viel interessanter als der Inhalt sind die Teilnehmer und der Veranstalter des Panels. Wer ist Mathias von Gersdorff? Wer ist Elias Burow? Und welche Rolle spielt die Deutsche Vereinigung für eine christliche Kultur DVCK e.V.?

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Logo Liste der säkularen Gefangenen
Prisma


„Blasphemie“ & Co werden weltweit als Disziplinierungsinstrument eingesetzt

Romo Runt

Es war kein April-Scherz, als am 2.4.2026 durch die Medien ging, dass der Künstler Jacques Tilly von einem Gericht in Moskau zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt worden ist. Vorgeworfen wurde dem Schöpfer der Motivwagen des Düsseldorfer Karnevals neben der Verbreitung von Falschnachrichten über das russische Militär die Verletzung religiöser Gefühle. Zusätzlich soll Tilly eine Geldstrafe von 2000 Euro zahlen und er wurde mit einem vierjährigen Internet-Tätigkeitsverbot belegt.

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Ideen & Gedanken für ein neues MIZ-Konzept.
Prisma


Wie sieht die MIZ der Zukunft aus?
Ein Ausblick auf das Jahr 2027 in eigener Sache

Redaktion MIZ

Wie muss ein Politisches Magazin für Konfessionslose und Atheis
tINNen aussehen, wenn es weiterhin politische Debatten beein­flussen will? Wie kann auf die politischen und medialen Verän­derungen erfolgreich reagiert werden, ohne das eigene Profil zu verlieren? Über solche Fragen zerbrechen sich Redaktion, Verlag und einige IBKA-Mitglieder derzeit den Kopf. Denn für 2027 stehen größere Veränderungen an.

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