Buchbesprechungen MIZ 2/07

Denis Diderot: Jakob und sein Herr. Hörspiel

Bearbeitet von Hans Magnus Enzensberger (1979). 2 CDs, 151 Min. samt Booklet. Rottenburg/Neckar: Diderot-Verlag 2006. Euro 19,90, ISBN 978-3-936088-34-2

Nach der 2004 erschienenen Kloster-Satire Die Nonne (La Religieuse) liegt nunmehr mit Jakob und sein Herr (Jacques le fataliste et son maître) ein zweiter Roman Denis Diderots in Hörspielfassung vor, den der renommierte Schriftsteller und Diderot-Kenner Hans Magnus Enzensberger bearbeitete.

Eine unterhaltsame wie hintersinnige Mischung aus Reiseroman, philosophischem Diskurs und erotischen Geschichten, ist der um 1773 bis 1775 (1778) entstandene pikareske wie sozialkritische “Anti-Roman” von Laurence Sternes Tristram Shandy beeinflusst und weist parodistische Anklänge an Cervantes’ Don Quijote auf. Mit ihm hat sich der vielseitig begabte französische Aufklärer, der ja besonders als Herausgeber der Enzyklopädie (28 Bde., 1751-1772) bekannt wurde, in die Weltliteratur eingeschrieben.

Er durchmisst darin in dialogischer wie heiter-ironischer Erzählweise – wobei er fast schon Kierkegaardsche Gedanken vorwegnimmt – das Paradox der menschlichen Existenz, indem er die Antinomie von Willensfreiheit und Determinismus beleuchtet. Erprobt wird jene in vielfältigen Lebenssituationen anhand der sozialen Beziehung zwischen dem namenlosem Herrn und seinem Knecht Jacques, die ohne erkennbares Ziel zu Pferde unterwegs sind (“Weiß man je, wohin man geht?”). Paradoxerweise versteht sich der gewitzte und tatkräftige Diener als stoischer Fatalist (“Es steht alles in der himmlischen Schicksalsrolle geschrieben”); der Herr indes, phlegmatisch und mechanisch handelnd, beruft sich auf die Freiheit des Willens.

Diderots unabgeschlossener Denkbewegung entsprechend, gelangt die Antinomie zu keiner Auflösung. Stattdessen lässt der vielschichtige Dialog im Miteinander von Realität und Schein immer wieder den dialektischen Charakter von Wirklichkeit (Eingebundensein in den alles bestimmenden Kausalzusammenhang) und Wahrheit (gewisser Spielraum der Entscheidungsmöglichkeit) aufleuchten. In Verbindung mit dem Determinismus-Problem scheint perspektivisch auch die dialektische Aufhebung des gesellschaftlichen Herr-Knecht-Verhältnisses durch, womit sich in der Ferne die Revolution von 1789 ankündigt.

Der in seinem Handlungsablauf auf den ersten Blick etwas chaotisch anmutende Roman knüpft ständig neue Gedankenfäden und schiebt Kommentare wie Geschichten und Anekdoten ein, die den Fortgang der Erzählung gleichsam spielerisch umranken; damit nicht genug, wartet er noch mit einem Gespräch zwischen Erzähler und Leser auf.

Von Wilhelm Mylius 1792 ins Deutsche übersetzt, waren unter anderem Schiller und Goethe wie auch Hegel und Marx von diesem Werk angetan. Hegel bezog daraus sogar Impulse für seine Phänomenologie des Geistes (1807) und betrachtete den Autor als Vorläufer der Französischen Revolution.

 Vom “Diderotisten” Enzensberger mit leichter Hand gewebt, nimmt der Radioroman den Hörer gleichsam in die Diderotsche Gedankenwelt mit hinein, die auch in dem beigefügten 20-seitigen Booklet skizzenhaft aufleuchtet. So bereitet er ihm ein intelligentes Vergnügen und vermittelt dabei aber auch vielfältige Anregungen für die unendliche Suche nach dem Sinn des Daseins.
Werner Raupp

 


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