Editorial 2/07

von Gunnar Schedel

Geschichte wird gemacht

Über historische Fälschungen, die Säkularisierung der Türkei und einen Haßprediger, der keiner sein soll

Geschichte kann auf zweierlei Arten “gefälscht” werden. Zum einen durch die direkte Intervention. Das Paradebeispiel für einen solchen rückwirkenden Eingriff ins Geschehene ist die “Konstantinische Schenkung”. Die betreffende Urkunde, mit welcher der erste “christliche Kaiser” dem Römischen Stuhl nicht nur den Primat über alle anderen Bischofsstühle eingeräumt, sondern auch die Herrschaft über das Weströmische Reich übertragen haben soll, wurde über 400 Jahre nach der Herrschaft Konstantins gefälscht. Zwar war sie bereits um die Jahrtausendwende von der Reichskanzlei Ottos III. angezweifelt worden, doch blieb sie als Legitimation päpstlicher Territorial- und Machtansprüche wirksam. Selbst als Lorenzo Valla 1440 mit philologischen Methoden nachwies, daß es sich um eine Fälschung handeln muß, hatte dies im politischen Raum zunächst keine Wirkung. Erst als während der Auseinandersetzungen der Reformationszeit Ulrich von Hutten das Gutachten des italienischen Humanisten erneut publizierte, setzte sich in den protestantischen Territorien die Erkenntnis durch, daß die Konstantinische Schenkung keine historische Tatsache war. Die katholische Seite räumte erst rund 100 Jahre später ein, daß die Urkunde gefälscht sei, bemühte sich aber, die Fälschung der Geschichte aufrechtzuerhalten: auch wenn keine Urkunde existiere, habe Konstantin die Herrschaftsrechte auf Papst Sylvester I. übertragen. Es dauerte bis ins 19. Jahrhundert, bis offiziell eingeräumt wurde, daß es einen derartigen Akt nie gegeben hat. Das Eingeständnis erfolgte freilich zu einem Zeitpunkt, als Ansprüche des Papsttums auf die politische Oberherrschaft über Westeuropa bereits völlig obsolet waren. Diese Form der Geschichtsfälschung kommt im Mittelalter relativ häufig vor (Mediävisten gehen davon aus, daß bis zu einem Viertel aller Urkunden gefälscht oder manipuliert sein könnten), später verliert sie an Bedeutung.1

Die andere Möglichkeit, Geschichte zu fälschen, ist weniger aufwendig, aber deshalb nicht weniger wirksam. Sie besteht darin, die Wahrnehmung, die Interpretation der historischen Fakten sowie die Begrifflichkeit, mit der über eine Epoche oder ein Ereignis gesprochen wird, zielgerichtet zu beeinflussen. Eine solche Propagandalüge ist zum Beispiel die Behauptung, Nationalsozialismus und Faschismus seien “gottlose” oder anti-christliche Angelegenheiten. Die Fakten liegen auf der Hand, es ist kein Besuch eines historischen Proseminars notwendig, um herauszufinden, daß die weltanschauliche Selbstbezeichnung der Nationalsozialisten “gottgläubig” lautete, daß auf dem Koppelschloß der Europa verwüstenden Wehrmachtssoldaten “Gott mit uns” stand, daß die rumänischen Faschisten ihre Organisation nach dem Erzengel Michael benannt hatten, daß der spanische Diktator Franco bei seinem Putsch gegen die Republik die volle Unterstützung der katholischen Kirche genoß und sie seinerseits Zeit seiner Herrschaft unterstützte usw. usf. Trotzdem ist es den Kirchen nach 1945 gelungen, sich als Widerstandsorganisationen aufzuspielen2 und den vorübergehenden Sieg des Faschismus als Folge des zurückgegangenen Einflusses der Religion darzustellen. Die säkularen Kräfte – Kommunisten, Sozialisten, teilweise auch Liberale –, die ein Rückgrat des Widerstandes gegen den Faschismus gebildet und viele Opfer zu beklagen hatten, sahen sich plötzlich mit dem Vorwurf konfrontiert, das Unheil durch ihre Diesseitsorientiertheit selbst herbeigeführt zu haben. Unversehens saßen sie in einem Boot mit den Katholiken Hitler und Goebbels, dem astrologiegläubigen Hess, dem sich als Reinkarnation König Heinrichs I. halluzinierenden Himmler – Nationalsozialisten, deren jeweiliger Glaube aus Dutzenden ihrer Äußerungen unabweisbar rekonstruiert werden kann. Doch dies wurde, außer in der Fachwissenschaft, kaum wahrgenommen, im öffentlichen Diskurs dominierte das Bild der gottlosen (und deshalb zu ihren Verbrechen fähigen) Nationalsozialisten. Und bis heute entblöden sich hohe katholische Würdenträger (immerhin Männer mit einem abgeschlossenen Hochschulstudium) nicht, Vernichtungskrieg und Judenvernichtung dem Atheismus in die Schuhe zu schieben – und erreichen damit ein, wenn auch geringer werdendes, Publikum.

Säkularisierung in der Türkei
Nun geht es bei der Frage, wie ein historisches Ereignis denn abgelaufen ist resp. welche Interpretation durch die Fakten noch gedeckt ist und welche bereits als Fälschung (oder zumindest Verfälschung) angesehen werden muß, nicht allein um Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für Historiker. Das (vielleicht vermeintliche) Wissen um ein Geschehen gibt häufig auch den Blickwinkel auf gegenwärtige Konflikte vor und beeinflußt unsere Einschätzung maßgeblich. Dies kann anhand der aktuellen Auseinandersetzung in der Türkei um das Erbe Atatürks und die Laizität der Republik verdeutlicht werden. Als vor wenigen Wochen die Wahl eines neuen Staatspräsidenten anstand, verhinderte die Opposition durch Verfahrens-tricks die Wahl von Abdullah Gül, dem Kandidaten der regierenden AKP, die als gemäßigt-islamistische Partei eingeschätzt wird. In mehreren Großdemonstrationen wandten sich Hunderttausende gegen eine drohende Islamisierung der Türkei. Die Rednerinnen und Redner verwiesen darauf, daß die säkulare Tradition der Türkei, die als wesentliche Voraussetzung für den Schritt in die Moderne begriffen werden müsse, auf dem Spiel stehe. Denn Gül ist nicht nur Repräsentant der AKP, seine Gattin hatte vor einigen Jahren versucht, vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte einzuklagen, daß Frauen an türkischen Universitäten mit Kopftuch studieren dürfen. Damit hatte sie eine Regelung mit zentralem Symbolwert, die – man könnte fast sagen – Teil des Gründungsmythos der modernen Türkei ist, angegriffen (als ihr Mann sein Ministeramt übernahm, zog sie ihre Klage zurück). Insofern hätte Hayrünnisa Gül als First Lady mit Kopftuch einen historischen Rückschritt signalisiert, den viele Türkinnen und Türken so nicht hinzunehmen bereit waren.

Diese Frontstellung, ein durch die AKP vertretener rückschrittlicher Islamismus versus einen für Säkularität und damit Modernität stehenden Kemalismus, scheint den Konflikt klar zu konturieren, doch wird sie gerade von türkischen Intellektuellen, die nicht im Verdacht stehen, einem gesellschaftlichen Vormarsch der Religion das Wort zu reden, in Frage gestellt. Murat Belge beispielsweise meinte in einem Interview mit der Wochenzeitung Jungle World: “Zu den Paradoxien der türkischen Gesellschaft gehört es, dass wir auf der einen Seite eine Partei [die AKP] haben, die große, man möchte fast sagen: revolutionäre Veränderungen in die Wege geleitet hat, und auf der anderen Seite Leute, die sich selbst als ‘links’ und ‘fortschrittlich’ bezeichnen, die aber gegen diesen Prozess revoltieren und gemeinsame Sache mit den Faschisten machen. Die AKP hat Aufgaben übernommen, die eigentlich Sache der Linken wären...”3 Ich will im folgenden nicht weiter darauf eingehen, ob angesichts des auf Europa hin orientierten politischen Kurses der Regierungspartei AKP die Wiedereinführung der Scharia in der Türkei tatsächlich zu den (vielleicht verdeckten) Zielen der Partei oder eines relevanten Anteils ihrer Anhänger gehören könnte, sondern den Blick auf die Geschichte lenken. Denn wie die aktuelle Situation in der Türkei bewertet wird, hängt nicht zuletzt davon ab, welches Bild der “Kemalistischen Revolution” zugrunde liegt.

Tatsächlich wurde der Einfluß der Religion auf das öffentliche Leben unter der Herrschaft Mustafa Kemal “Atatürks” zurückgedrängt: 1924 erfolgte die Abschaffung des Kalifats, die Scharia-Gerichte wurden geschlossen, die Schulbildung ging in staatliche Hand über, Mädchen und Jungs wurden fortan gemeinsam unterrichtet; das islamische Recht in Justiz, Verwaltung und Verfassung wurde sukzessive ersetzt (als Vorlage dienten schweizerische und italienische Gesetzeswerke); im Zuge der “Kleiderreform” wurde 1925 der Schleier verboten, das Kopftuch aus öffentlichen Einrichtungen (u.a. den Universitäten) verbannt. Diese Schritte einer formalen Säkularisierung waren Teil einer umfassenden Modernisierung von Staat und Gesellschaft.

Die Mehrzahl der Historiker dürfte diese Entwicklung als historischen Fortschritt bewerten. Doch bereits bei der Frage, ob wir es hier mit Reformbestrebungen einer aufklärerisch und pro-westlich orientierten Zivil- und Militärbürokratie zu tun haben, die darauf abzielten, der Türkei “bürgerliche” Strukturen zu geben, oder ob die Säkularisierung eher zum Gründungsmythos einer neuen Nation gehört, die sich gegen das osmanische, untrennbar mit dem Islam verbundene Regime abgrenzen mußte, gehen die Meinungen auseinander. War die Modernisierung der Türkei – trotz aller Einschränkungen – eine säkulare Erfolgsgeschichte? Oder war die Säkularisierung Teil einer autoritären Formierung der Gesellschaft, die bis heute nachwirkt? Beruht all das, was die Türkei heute positiv von den arabischen Staaten unterscheidet, auf jenem Modernisierungsschub und auf der Tatsache, daß sie laizistisch verfaßt ist? Oder hat die Verknüpfung der Säkularisierung mit der Ausbildung eines türkischen Nationalismus diese ihres emanzipatorischen Potentials beraubt? Je nachdem mit welcher Tendenz diese Fragen beantwortet werden, welche Faktoren betont und welche Fakten ausgeblendet werden,4 unterscheidet sich auch die Bewertung des aktuellen Konflikts: ist es richtig, mit dem kemalistischen Establishment gemeinsam zu demonstrieren?

Haßprediger
Wenn es um die Einschätzung des Islam geht, spielt unser Geschichtsbild häufig eine wichtige Rolle. Wie sind die Auswirkungen des Imperialismus (als historischer Epoche) auf die arabische Welt zu bewerten? Hat diese (verglichen mit anderen Regionen Afrikas oder Asiens) relativ kurze Phase in der Geschichte des Nahen Ostens dessen Entwicklung nachhaltig behindert? Oder liegen die Ursachen dafür, daß in dieser Gegend vornehmlich autokratische Regime mit gering ausgeprägten bürgerlichen Gesellschaftsstrukturen anzutreffen sind, weiter in der Geschichte zurück?5

Während die Klärung obiger Fragen tatsächlich etwas zum Verständnis (oder Missverständnis) heutiger Zustände beitragen kann, ist eine andere Vorgehensweise von vorneherein darauf angelegt, Geschichte zu funktionalisieren und damit fast ausnahmslos zu verfälschen. Wenn aktuell verhandelt wird, wie “der Islam” hinsichtlich Expansionsstreben, Toleranz oder Gewaltpotential zu beurteilen ist, werden gerne historische Beispiele angeführt, um die eigene Argumentation zu untermauern. Je nach Standpunkt stehen die Türken dann vor Wien oder blüht Andalusien mehrere Jahrhunderte unter islamischer Herrschaft. Diese Art der Begründung läßt sich vergleichen mit der Methode, eine – fast schon beliebige – Position dem Christentum zuzuschreiben und als Beleg eine Bibelstelle anzuführen. Ebenso wie sich in der Bibel, einem Buch das über mehrere Jahrhunderte hinweg entstanden ist, für nahezu alles ein Satzfetzen finden läßt, kann die Geschichte des Islam als argumentativer Steinbruch herangezogen werden, um “dem Islam” jede nur erdenkliche Eigenschaft zuzuschreiben. Irgendwann hat sich irgendwo eine Gruppe von Muslimen sicherlich so verhalten: friedfertig oder gewalttätig, tolerant oder aggressiv missionarisch, emanzipiert oder patriarchalisch. Deshalb muß bei jedem so aufgebauten Beweis vor allem darauf geachtet werden, was die Argumentation verschweigt.

Um genau diese Art der Geschichtsverfälschung bemühte sich unlängst das Landgericht Köln, als es dem Kabarettisten Jürgen Becker untersagte, Kardinal Meisner mit dem Wort “Haßprediger” zu bedenken.6 Denn unter “Haßprediger” werde eine Person verstanden, die unter religiöser Verbrämung volksverhetzende Aktivitäten entfaltete und zu Gewalt aufrufe. Kardinal Meisner hingegen habe sich für einen interreligiösen Dialog und Respekt vor den Muslimen eingesetzt. Das mag stimmen, aber was die Richter offenbar aus den Geschichtsbüchern ausradieren wollen, sind Meisners haßerfüllte Äußerungen über Ungläubige. Von “Nur ein gläubiger Mensch wird auf Dauer ein friedfertiger Zeitgenosse bleiben” (1991) bis “Menschlichkeit ohne Gottesglauben verkommt in Brutalität” (2007) gibt es eine Vielzahl hetzerischer Predigtstellen des Bischofs von Köln.7 Daß Kardinal Meisner nicht offen zur Gewalt gegen Atheisten aufruft, verweist nicht auf seine Toleranz, sondern auf seine kulturelle Kompetenz: er weiß, daß sich solche Aurufe in Europa nicht gut machen. Aber wer zweifelt daran, daß er nach der Ermordung Theo van Goghs nur allzu gerne mit einem dschihadistischen Glaubensbruder – gut interreligiös – mit Meßwein angestoßen hätte? Ich nicht.
 


Anmerkungen:
1 Das digitale Zeitalter bietet, z.B. was die Bildbearbeitung angeht, Möglichkeiten, von denen Meisterfälscher Konrad Kujau nur träumen konnte. Inwiefern diese nicht nur zur Manipulation der öffentlichen Meinung aus gegebenem Anlaß verwendet werden sondern auch zur Manipulation historischer Dokumente bzw. Quellen, ist noch nicht abzusehen.
2 Zur Klarstellung: Es gab – neben aller Kooperation des Vatikans, der Bischöfe und insbesondere der Deutschen Christen – explizit christlich motivierten Widerstand gegen Hitler, vor allem in den besetzten Ländern, aber auch in Deutschland. Nach meinem Kenntnisstand war die Konfrontation zwischen Klerus und NS-Staat in der Diözese Würzburg am ausgeprägtesten. Dort geriet über die Hälfte der katholischen Priester in Konflikt mit dem Behörden, es wurden über 100 Haftstrafen verhängt, sieben Priester gingen ins KZ. Trotzdem zeigen bereits diese Zahlen, daß selbst in der Diözese, die nach Einschätzung von Kirchenhistorikern im “Kirchenkampf” eine “Spitzenstellung” einnimmt, der Widerstand qualitativ wie quantitativ nicht vergleichbar war mit dem, was Antifaschisten aus dem linken politischen Lager leisteten.
Vgl. Monika Schmittner: Verfolgung und Widerstand 1933 bis 1945 am bayerischen Untermain. Aschaffenburg 2002, S. 156f.
3 Jungle World, 9.5.2007. In dieser Ausgabe der Wochenzeitung sind auch weitere, kontroverse Stimmen zum Konflikt nachzulesen.
4 Vgl. das Kapitel “Die kemalistische Revolution” in Gazi Caglar: Die Türkei zwischen Orient und Okzident. Eine politische Analyse ihrer Geschichte und Gegenwart. Münster 2004, S. 157-182.
5 Vgl. Gernot Lennert: Der Westen und der Islam. Ein historischer Überblick über das islamisch-westliche Verhältnis. In: Salam oder Dschihad? Islam und Islamismus aus friedenspolitischer Perspektive. Hrsg. von Clara und Paul Reinsdorf. Aschaffenburg 2003, S. 28-63.
Ich persönlich tendiere in dieser speziellen Frage eher dazu, die Ursachen in der arabischen Welt selbst zu suchen. Vgl. Dan Diner: Versiegelte Zeit. Über den Stillstand in der islamischen Welt. München 2007.
6 In der Boulevardzeitung Express hatte Becker zur Debatte um den Bau einer Moschee in Köln Stellung genommen. Er sei sich mit Meisner darin einig, dass die Muslime ebenfalls ein repräsentatives Gotteshaus benötigen, doch sei es keine Lösung, dass sie dafür in den Dom übersiedeln und zum Katholizismus übertreten müssten: “In Köln kann man keinen Moslem dazu ermuntern, Katholik zu werden. Denn von einem Hassprediger zum anderen zu wechseln, bringt nichts”, zitiert ihn der Express. Vgl. hpd-online, 29.6.2007, http://hpd-online.de/node/2298.
7 MIZ 2/91, S. 5f. und MIZ 3/91, S. 13 sowie IBKA-Rundbrief Mai 2007, S. 27.
 


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