Interdisziplinäre Beiträge zu Orientalismus und antimuslimischem Rassismus.Münster: Unrast-Verlag 2007. 312 Seiten, kartoniert, Euro 19,80, ISBN 978-3-89771-466-3
„Abgeleitet aus der eigenen, europäischen Emanzipationsgeschichte wird der Fortschritt für Frauen universalisiert gesehen als weibliche Eroberung von Außenräumen“ zitiert Natascha Ueckmann, Mitautorin des Sammelbandes, aus einem Aufsatz von Helma Lutz (im linken Magazin Peripherie, Nr. 37, 1989). Sie wendet sich damit, im Konsens mit Lutz, gegen die Verallgemeinerung von „westlichen Vorstellungen weiblicher Emanzipation“. Das Zitat führt sie gegen kritische Bemerkungen der Schweizer Publizistin und Reiseschriftstellerin Annemarie Schwarzenbach ins Feld, in denen diese, im Anschluss an eine Afghanistanreise 1939, die erniedrigende Situation dortiger Frauen und deren Ausschluss aus dem öffentlichen Leben brandmarkt. Ueckmanns Beitrag zu der Sammlung beinhaltet eine durchaus von Sympathie gekennzeichnete Analyse autobiographisch geprägter Orient-Reiseberichte Schwarzenbachs. Bemerkenswert ist, dass sie eine derart unverblümte Zurückweisung der Universalität von Errungenschaften der Frauenbewegung in einem linken Verlag veröffentlichen kann. Doch drückt sich hier nichts anderes als der Tenor des Buches aus.
Das Buch ist nämlich ein Musterbeispiel der Relativierung von erkämpften bürgerlichen Freiheitsrechten und Postulaten der aufgeklärten, säkularen Moderne. Diese sollen nicht für Muslime, ob Männer oder Frauen, gelten. Aber es ist ohnehin nicht möglich, über den Islam und den Orient etwas zu wissen, folgt man den Aussagen der Herausgeberin Iman Attia in ihrer Einleitung. Wie ein wesentlicher Teil anderer AutorInnen des Bandes formuliert sie eine konstruktivistische Ideologie in Anknüpfung an den Literaturwissenschaftler Edward Said, der mit dem Konzept des „Orientalismus“ das so genannte „Wissen“ über den „Orient“ als Produkt hegemonialer westlicher Diskurse zu fassen sucht. Mit dieser Immunisierungsstrategie lässt sie auf Fakten verweisende Kritik islamisch begründeter Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnisse schon im Vorfeld ins Leere laufen. Kritik am Kopftuch denunziert sie ebenso als „kulturrassistisch“ wie sie in der Benennung von islamischem Antisemitismus „antimuslimischen Rassismus“ am Werk sieht.
Die beiden ersten, von Maria do Mar Castro Varela & Nikita Dhawan und Reinhard Schulze verfassten Kapitel stellen kritische Einführungen in das Denken Saids und die Diskussion des Orientalismuskonzepts dar. Die folgenden Aufsätze versuchen, nach Oberbegriffen geordnet, Konkretisierungen: Der Auseinandersetzung mit historischen und geographischen Aspekten folgt die Betrachtung kultureller Überlieferungen von Islam- und Orientvorstellungen, um dann den Focus auf aktuelle Diskurse zu richten.
Während ein Teil der Beiträge sich in den von Attia gesetzten kulturrelativistisch-postmodernen Rahmen einfügt, heben sich andere davon durch rationale und aufklärerische Inhalte ab. Empfehlenswert sind die beiden Aufsätze von Nina Berman, die einmal die historischen Phasen der Wahrnehmung und Diskussion des Islam in Deutschland auf sachliche Weise nachzeichnet, zum anderen die Ideologie der Orientromane Karl Mays untersucht. Problematisch sind allerdings Bermans auf die Gegenwart bezogenen Schlussfolgerungen, mit denen sie antiwestliche Klischees bedient. Auf sehr erhellende und differenzierte Weise beschreibt Almut Höfert die Geschichte christlich geprägter und vorgeprägter Islamfeindschaft. Ebenfalls zu lesen lohnt sich Andreas Pflitschs Darstellung der Rezeptionsgeschichte von Tausendundeine Nacht. Pflitsch macht an diesem Beispiel nicht zuletzt Muster der Idyllisierung „fremder Kulturen“ deutlich.
Auch die übrigen Untersuchungen kultureller Tradierungen sind informativ: Margret Spohn befasst sich mit Türkenbildern in der Musikgeschichte, Karin Rhein mit dem Werk des Orientmalers Wilhelm Gentz und Verena Paulus mit den Orientdarstellungen in den deutschtümelnden Trivialromanen des Vielschreibers Julius Stinde. Versuchen kritischen Umgangs mit „Orientalismen“ in der Kunst der Jetztzeit widmet sich Alexandra Karentzos.
Ein vernünftiges Lektorat hätte dem in schwer verdaulicher Sprache geschriebenen Beitrag Jürgen Krämers gut getan. Am ideologischen Charakter seines Versuchs, die Geschichte despotischer islamischer Herrschaftsverhältnisse auf die Folgen von Kolonialismus zu reduzieren und selbst noch die Diktaturen Saddam Husseins und Ghaddafis zu orientalistischen Konstrukten umzudeuten, hätte es wohl nichts geändert. Auch Sybille Bauriedl, die das Thema unter geographischen Aspekten bearbeitet, schüttet, ausgehend von der notwendigen Kritik fragwürdiger Kategoriebildungen, das Kind mit dem Bade aus und sieht den „Orient“ als Konstrukt. So macht sie sich blind gegenüber real existierenden Missständen und weist deren Benennung zurück.
Am drastischsten kommt die Tabuisierung von Kritik islamischer Herrschafts- und Entrechtungskultur und die Stigmatisierung der KritikerInnen in den auf aktuelle Diskussionen bezogenen Beiträgen zum Ausdruck. Birgit Rommelspacher versucht, wie von ihr gewohnt, den Blick auf patriarchale Strukturen und Gewaltverhältnisse in muslimischen Familien durch Relativierung zu vernebeln. Mit dem richtigen Hinweis auf Gewalt auch gegenüber Frauen in nichtmuslimischen Paarbeziehungen und der falschen Behauptung, letztere werde geleugnet, greift sie zu dem in kulturrelativistischen Milieus beliebten Trick, einen Popanz aufzubauen, um Kritik als einseitig und damit unglaubwürdig abzuwerten. Die Unterdrückungsfunktion des Kopftuchs spielt sie nicht nur herunter, sondern sieht in diesem gar „ein Symbol für die Würde der Frau“, das sie vor sexueller Ausbeutung schütze. Einen frauenfeindlichen Charakter des Islam vermag sie nicht als eindeutig gegeben zu erkennen, bezichtigt hingegen emanzipatorische Bestrebungen wortreich, „Dominante Diskurse“ – so der Titel ihres Aufsatzes – zu bedienen.
Rolf Cantzen, der die Berichterstattung ausgewählter Printmedien über die 2. Islamkonferenz analysiert, stößt ins selbe Horn. Dabei instrumentalisiert er an sich berechtigte Kritik reaktionärer leitkultureller Unterwerfungsforderungen für den antiemanzipatorischen Zweck, die islamische Reaktion aus der Schusslinie zu halten.
Auf die Spitze treibt Stanislawa Paulus die postmoderne Entsorgung kritischen Denkens in ihrer Beschäftigung mit das Leben von Muslimen thematisierenden Fernsehdokumentationen. Diese stuft sie pauschalisierend als reine Inszenierungen ein, denen sie jede realitätsabbildende Möglichkeit abspricht. Damit wendet sie sich explizit auch gegen kritische Auseinandersetzung mit realitätsverzerrenden Reportagen, da es ohnehin „keine wahren Darstellungen ... geben kann“. Dokumentarische Aufklärung etwa über die Unterdrückung islamischer Frauen sei in Wirklichkeit hierarchisierende, diskriminierende Klischeereproduktion.
Klaus Blees
Artikel aus MIZ 2/08
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