Buchrezensionen MIZ 3/07

Bas Kast: Wie der Bauch dem Kopf beim Denken hilft

Die Kraft der Intuition. Frankfurt/Main: S. Fischer 2007. 224 Seiten, gebunden, Euro 17,90, ISBN 978-3-10-038302-0

Bas Kast, Jahrgang 1973, studierte Psychologie und Biologie in Konstanz, Bochum und Boston. Seine journalistische Ausbildung absolvierte er bei Geo, Nature und beim Tagesspiegel, für den er derzeit als Reporter arbeitet. Kast wurde unter anderem mit dem Axel-Springer-Preis für Junge Journalisten und dem European Science Writers Award ausgezeichnet. 2004 erschien sein Buch Die Liebe und wie sich Leidenschaft erklärt, das viele Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste stand und auch international ein Erfolg wurde.

“Eine Reise an den Abgrund des Ichs und wieder zurück” verspricht Bas Kast dem Leser gleich zu Beginn. Damit sind nicht seine zahlreichen Reisen zu den führenden Labors und Forschungseinrichtungen in Berlin, Chicago, Los Angeles und Detroit, aber auch in Groningen gemeint: Was ist unsere Intuition? Warum verarbeiten wir so viel mehr unbewusst als bewusst? Wann können wir unserer Intuition trauen und wann vertrauen wir besser unserem Verstand? Was sind die Grenzen unseres Verstandes? Dies sind einige der Fragen, die Kast mit seinem Buch beantworten will.

Seine Entdeckungsreise beginnt mit dem Kapitel “Eine kurze Geschichte der Gefühle” im antiken Griechenland. Dort lokalisiert er den Beginn einer beklagenswert einseitigen Fixierung auf den Verstand. Schon Sokrates und Platon verteufelten Gefühle als irrational, bezeichneten sie als verzichtbar, ja sogar als ein Hindernis, welches bei der Suche nach Wahrheit zur Seite geräumt werden müsse. Jahrhundertelang wurde diese Trennung von Gefühl und Verstand zum Paradigma erhoben und von Philosophen und Wissenschaftlern gleichermaßen verbreitet. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen jedoch: “Immer häufiger stoßen Forscher mit den Mitteln der Ratio auf deren Beschränktheit. Mit dem Bewusstsein entdecken sie die Macht des Unbewussten. Mit der Vernunft offenbart sich ihnen die Vernunft der Gefühle.” Im zweiten Kapitel erklärt der Autor “Die Macht der Intuition”: Emotionen sind der Kompass, der uns durchs Leben steuert. Ohne Gefühle sind wir – so Kast – völlig unfähig, vernünftige Entscheidungen zu treffen. Bewusst, also mit dem Verstand, verarbeiten wir nur einen Bruchteil der Informationen (ca. 50 Bits pro Sekunde), die in unser Unterbewusstsein einströmen (bis zu 11 Millionen Bits pro Sekunde). Zahlreiche Experimente bescheinigen die deutliche Überlegenheit der Intuition gegenüber der Ratio, nicht nur was die Verarbeitungsgeschwindigkeit sondern auch was die Qualität der Entscheidungen angeht. Allerdings nur dann, wenn wir über ausreichende Informationen verfügen. Eine “vernünftige” Bauchentscheidung gelingt nur dem, der über Expertenwissen verfügt. Wie das “Unterbewusstsein Informationen zu Intuitionen komprimieren” kann, zeigte sich bei einem Versuch von Wirtschaftpsychologen: Dabei wurden den Versuchsteilnehmer TV-Werbe-Spots gezeigt, am unteren Bildrand liefen währenddessen die Werte von fünf fiktiven Aktien entlang. Nach den Werten befragt, konnte sich kein einziger der Probanden an genaue Zahlen erinnern. Als sie jedoch um eine intuitive Einschätzung gebeten wurden, lagen alle goldrichtig. Jeder ‘wusste’ intuitiv von welchen Werten man die Finger lassen und welche man kaufen müsse.

Die letzten drei Kapitel sind ein Abriss moderner Hirnforschung und Psychologie. Bas Kast hat Labors besucht, unzählige wissenschaftliche Tests ausgewertet, Forscher interviewt und war mutig genug, sich in einem Selbstversuch Teile seines Gehirns durch Magenstimulation abschalten zu lassen. Zum Selbstversuch für den Leser geeignet ist der “Picture Story Exercise” (Bildertest), mit dem man sich auf die Suche nach dem “verborgenen Ich” machen kann. Geschichten, die wir über Bilder erzählen, zapfen unser Unbewusstes an. Sie verraten viel mehr über uns als jeder, auch in ehrlicher Absicht, ausgefüllte Fragebogen. Anschließend lotet Kast die verschiedenen Möglichkeiten aus, kreativer zu werden, er schildert das kreative Potential von luziden Träumen und erklärt, warum große Forscher und geniale Künstler oft manisch-depressive Charaktere sind. Fazit: Intelligenter Wissenschaftsjournalismus – spannend erzählt und doch profundes Wissen vermittelnd – ist offensichtlich Kasts Metier. Mit leichter Feder schreibt er witzig und locker über die Ergebnisse seiner Recherchen und verschafft dem Leser einen mühelosen und zugleich genussvollen Einstieg ins Thema.
Thomas Schmidt

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Ernst F. Salcher: Gott? Das Ende einer Idee

Frankfurt/Main: VAS 2007, 425 Seiten, gebunden, Euro 22,80 ISBN 978-3-88864-431-3

“Zumindest in den nächsten zwei bis drei Milliarden Jahren [werde] die Erde friedlich weiter existieren und erst durch den Todeskampf der Sonne in ihr endgültiges Verderben gerissen werden.” Das ist die, angesichts der eher unfriedlichen Weltbewohner samt deren brisanten Atomwaffenarsenale, durchaus tapfere Erwartung des Autors. Gleichwohl verweist bereits diese kosmologisch unterlegte Annahme auf die Überzeugung, dass die Idee GOTT zu ihrem Ende gebracht sein sollte. Salchers Hauptanliegen gilt “der kritischen Frage nach der Existenz Gottes auf dem Hintergrund des Wissens unserer Zeit”. Das Denkmodell ‘Gott’ nimmt er von dessen kultureller Abstammung her auf. Hierbei finden sich Früh- und Weltreligionen ihren jeweiligen Eigenheiten gemäß gewürdigt. Salcher will seinen Überblick über die Religionsgeschichte als Einladung an “die Vertreter einzelner Religionen [wahrgenommen wissen], über den Horizont der jeweils eigenen Religion hinauszublicken”. Das “Aufkommen der monotheistischen Offenbarungsreligionen (Judentum, Christentum, Islam)” betrachtet er als “vorläufigen Höhepunkt der Religionsentwicklung”. Hier lässt Salcher implizit eine emanzipatorische Zäsur von Opferkulten und Vergottung gewisser Naturphänomene zur abstrakten Idee einer abbildlosen Gesetzesinstanz anklingen. Dafür spricht sein Auflisten der von jenem Höhepunkt ausgehenden Herausbildung einer immensen “Zahl an abweichenden Glaubenslehren” und deren bis in die Gegenwart virulent gewalttätiges Ringen um die jeweilige Vorherrschaft, womit die Abbildlosigkeit sich ja bekanntermaßen vermittels Dogmen und Ritualen beliebig ersetzbar zeigt. Zumal mit der christlichen Ausgestaltung des Monotheismus haben sich Christus- und sonstige Bilder sowie gegeneinander kriegerisch streitende Spaltkirchen etablieren lassen, deren Verbrechen gegen die Menschen als glaubensgebotene Heilsrettungen maskiert zu werden pflegten. Er selbst verweist auf die entsprechenden Begleiterscheinungen der, vormals absolutistisch etablierten, bis in die Gegenwart wissenschaftsfeindlichen Macht zumal der christlichen Kirchen.

Salchers religionsgeschichtliches Resümee legt nahe, den etablierten Religionen keinerlei verbesserte Neugründung zugesellen zu wollen. Hierzu zitiert er Richard Dawkins mit dessen Auffassung, der Glaube an Götter sei “eine riesige Verschwendung von Zeit und Menschenleben”, eine Art tragischer Witz “von kosmischen Ausmaßen” gewesen. Zur Differenzierung zwischen Glauben und Wissen geht Salcher zunächst auf die Komponente des Wunschdenkens ein, um dann Dogmenglauben von Glauben angesichts gewisser Plausibilität abzugrenzen, welche sich qua Nachprüfbarkeit als Wissen erweisen lassen könnte. “Die Wissenschaft [gehe] nicht von letzten und unumstößlichen Wahrheiten aus.” Wissenschaftliche Erkenntnis gelte grundsätzlich als vorläufiges Wissen der Menschen zu einer bestimmten Zeit. Religiöser Glaube hingegen sei auf Grund seiner Irrtumslosigkeit vom “Potential der wachsenden Erkenntnisfähigkeit des Menschen” ausgeschlossen. Zum diskutierten Gott-Glauben resümiert Salcher, solange “Religionen nicht bereit [seien,] von ihrem Alleinvertretungsanspruch Gottes abzugehen, so lange (werde) es keinen Frieden zwischen den Religionen geben”.

Er würdigt Kant als sowohl auf Moralbestätigung bedachten wie aufklärungsbewussten Religionskritiker, der alle bisher vorgestellten Gottesbeweise als unhaltbar erwiesen hat. Immerhin hat Kant, was Salcher ignoriert, das Gottesmodell im Zusammenhang mit einem moralisch begründeten Glauben als denkerlaubtes Implikat erhalten.
Feuerbach findet sich als Kronzeuge zur endgültigen Verabschiedung des Gotteskonzeptes aufgerufen. Salcher zitiert Hans Küng mit dessen Würdigung, Feuerbachs Atheismus sei “der wahre Humanismus”. Feuerbachs Erkenntnis, dass ‘Gott’ als Projektionsgrundlage menschlicher ‘Selbstentäußerung’ zu begreifen bleibt, impliziert die Verzichtbarkeit jeglichen religionsvermittelten Jenseitsglaubens.

Marx hinterfragt die anerzogene Religionsbedürftigkeit des Menschen. Ihn zitiert Salcher mit dessen wohl treffendstem Befund: “Die Religion ist das Opium des Volks” und folgt dessen sozialkritischer Einsicht hinsichtlich des Ausgeliefertseins der lohnabhängigen Menschen angesichts der von Thron und Altar her fortentwickelten Allianz zwischen Kapital und Kirche. Deren ausbeuterische Jenseitsvertröstungslügen werden ja noch immer verbreitet. Salcher verweist darüber hinaus auf die prekäre Missbrauchsanfälligkeit des Marxschen Gesellschaftsmodells, welches er der Sinnstiftungsarmut zeiht. Aus existenzialistischem und neomarxistischem Gedankengut fördert er das Geschenk der Freiheit unter Wahrnehmung zugleich auferlegter Verantwortungslast zu Tage.

Zur Plausibilisierung der Verabschiedung des Gottesmodells bietet Salcher zunächst ein Lektüregeleit entlang ausführlich vermittelter kosmologischer Forschungsergebnisse an. Er kommt zur plausibelsten aller Annahmen, es gebe “kein transzendentes Wesen, das in willentlichen Schöpfungsakten Universen schafft, lenkt und wieder vergehen lässt, wohl aber [gebe] es eine ‘unverursachte Ursache’”, woraus alles Werden und Vergehen sich erkläre. Des Weiteren stellt Salcher Erkenntnisse der Evolutionsforschung in den Dienst der Emanzipation des Menschen vom religionsvermittelten Gotteskonstrukt. Nach knapper Vorstellung des “Rückfall(s) in altes Denken: Kreationismus und Intelligent Design” sowie einer Nachlese zum verabschiedungsreifen Schöpfergottmodell kommt Salcher zum Ergebnis: “Der unmittelbar aus der Bibel entnommene Schöpfergott ist angesichts der naturwissenschaftlichen Befunde der Evolutionsbiologie weder plausibel noch notwendig.” Religionen waren allerdings weder Urheber noch Ursache, wie er in seinem “Schlussplädoyer gegen die Existenz Gottes” schreibt, sondern Manipulationsressourcen der jeweils Machthabenden so genannter Gottes- oder Religionskriege.
Da der Verabschiedung des Gottesmodells lebensweltlicher Orientierungsverlust zugeordnet zu werden pflegt, bietet Salcher “Vorstellungen zu einer Welt ohne Gott” an. Sein Vorschlag, einen international “aus Moralphilosophen, Soziologen, Psychologen und Vertretern relevanter Bevölkerungsgruppen“ bestehenden ‘Ethikrat’ einzusetzen, um “gemeinsam einen gültigen Wertekanon [zu] definieren”, mag angesichts der kaum abweisbaren Wahrscheinlichkeit, dass sich Religionskräfte als ‘Vertreter relevanter Bevölkerungsgruppen’ zu behaupten wissen würden, als zur Realisierung erhoffte Vision gelten dürfen.

Salchers vielschichtige Moral- und Sinnstiftungsangebote werden sich als weitgefächerte Selbstverpflichtungsansätze durchaus akzeptieren lassen. Von anerkannt nachhaltiger Tragweite bleibt auch hier die Problematik der seitens jeweiliger Machthaber verhinderten Trennung von Kirche und Staat. Vom kosmologischen Einführungsaspekt schlägt Salcher seinen Bogen zu Kosmologie und Evolutionsbiologie, deren Erkenntnisstand für die Gotteshypothese keinerlei intellektuell redlich zu unterhaltenden Fortbestand einräumt. Seine Zuversicht gilt der Realisierbarkeit einer vor dem “Hintergrund unseres geistigen Erbes” aus Antike, Aufklärung und Humanismus künftig verantwortungsvoll lebenswert erhaltenen Welt.
Eva-Maria Hesse-Jesch

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