Blätterwald 3/07

Schriftenreihen
Die Giordano Bruno Stiftung (gbs) hat eine eigene Schriftenreihe ins Leben gerufen. In den im Kleinformat angelegten Broschüren sollen kürzere grundlegende Texte erscheinen, die für die Zielsetzung der gbs von Bedeutung sind.

Als erster Band liegt nun Auf dem Weg zur Einheit des Wissens von Michael Schmidt-Salomon vor. Darin beschreibt der Vorstandssprecher der gbs das Projekt, den “traditionellen Graben zwischen den Natur- und den Geisteswissenschaft” zu überwinden. Den Schlüssel dazu sieht er in der Evolutionstheorie, die einen Zugang zu einer solchen transdisziplinären Perspektive biete. Folglich erläutert Schmidt-Salomon zunächst die “Evolution der Evolutionstheorie”, um sich dann den Gefahren von Biologismus und Kulturismus zuzuwenden. Dem naturalistischen Fehlschluss, also der falschen Vorstellung, dass alles, was empirisch ist, auch normativ sein soll, stehe die ebenso falsche Idee gegenüber, das nicht sein könne, was (normativ) nicht sein dürfe. Den theoretischen Kulturismus versteht Schmidt-Salomon dabei als Weltdeutungsmuster, das “menschliche Verhaltensweisen oder gesellschaftliche Zusammenhänge wesentlich über kulturelle Faktoren zu erklären” versuche, “ohne dabei die fundamentalen biologischen Gesetzmäßigkeiten (...) in angemessener Weise zu berücksichtigen”. Der normative Kulturismus zeichne sich dadurch aus, dass er aus solchen kulturistischen Interpretationen politische Sollenssätze ableite. Um zu einer Einheit des Wissens zu gelangen, sei es daher notwendig, diese Idee “sowohl von [ihrem] biologistischen Ballast [zu] befreien als auch gegen kulturistische Ressentiments [zu] verteidigen”.

Michael Schmidt-Salomon: Auf dem Weg zur Einheit des Wissens. Die Evolution der Evolutionstheorie und die Gefahren von Biologismus und Kulturismus. Schriftenreihe der Giordano Bruno Stiftung, Bd. 1. Aschaffenburg: Alibri 2007. 46 Seiten, geheftet, Euro 5.-, ISBN 3-86569-200-1

Bereits der zweite Band ist in der Schriftenreihe der Humanistischen Akademie Bayern erschienen. Nachdem im Sommer die Dokumentation zur Tagung über Selbstbestimmung am Ende des Lebens veröffentlicht wurde, Helmut Fink, Vorsitzender des Humanistischen Verbands Nürnberg, nun ein verschriftlichtes Streitgespräch zwischen den atheistischen Philosophen Michael Schmidt-Salomon und Joachim Kahl vorgelegt. Darin debattieren die beiden Kontrahenten über ein für die heutige Zeit angemessenes Humanismusverständnis.
Die Broschüre geht zurück auf eine Diskussion, die im Sommer 2006 tatsächlich stattgefunden hat. Die einleitenden Statements wurden für die schriftliche Fassung überarbeitet und jeweils um eine Erwiderung auf die Argumente des Anderen ergänzt. Dabei geht es richtig zur Sache: Joachim Kahl wirft seinem Gesprächspartner eine in vielem verkürzende Darstellung sowie einen defizitären Humanismusbegriff vor. Letztlich führe der “boulevardeske Stil” dazu, dass Schmidt-Salomon im Beliebigen verbleibe, und seine “schroffen Formulierungen” schreckten potentiell Interessierte am Projekt Humanismus eher ab. Schmidt-Salomon kontert, indem er seinem Gegenüber einen “Humanismus mit der Bügelfalte” zuordnet, der sich am Mainstream orientiere und kein eigenes Profil gewinne. Zudem hält er Kahl vor, dass natur- und sozialwissenschaftliche Erkenntnisse in seinen philosophischen Schriften kaum rezipiert würden. So arbeite sich Kahl an Positionen ab, die in der Realität in dieser Form nicht vorlägen.

Helmut Fink (Hrsg.): Was heißt Humanismus heute? Ein Streitgespräch zwischen Joachim Kahl und Michael Schmidt-Salomon. Schriftenreihe der Humanistischen Akademie Bayern, Bd. 2. Aschaffenburg: Alibri 2007. 73 Seiten, geheftet, Euro 5.-, ISBN 3-86569-035-1
 


Freidenker-Kalender
Nach einjähriger Pause gibt es dieses Jahr wieder einen Freidenker-Kalender. Zusammengestellt hat ihn Heiner Jestrabek, die Produktion haben – wie stes in der Vergangenheit – die Freidenker Ulm/ Neu-Ulm übernommen. Ins Bild gesetzt sind dieses Jahr “deutsche demokratische Literaten”, vom 18. Jahrhundert bis in die jüngere Vergangenheit, von Lessing und Adolph Freiherr von Knigge bis zu Tucholsky und Arnold Zweig. Auf jedem Monatsblatt findet sich neben dem Kalendearium ein Porträt des vorgestellten Autors sowie ein kurzer Textauszug.

Freidenker-Kalender 2008: Deutsche demokratische Literaten. 13 Blatt, A4, zweifarbig, Euro 7.-

Bezug über: Freidenkerinnen und Freidenker Ulm / Neu-Ulm e.V., Postfach 1667, 89006 Ulm, Fon (0731) 57 176, http://www.freidenker.telebus.de/index.html oder bei www.denkladen.de
 


Kreationismus
Ulrich Kutschera, Vorsitzender der AG Evolutionsbiologie im Verband Deutscher Biologen und streitbarer Verteidiger der Evolutionstheorie, hat in der Reihe “Naturwissenschaft und Glaube” einen Sammelband über Kreationismus in Deutschland herausgegeben. Darin erörtern ausgewiesene Experten wie Thomas Junker, Uwe Hoßfeld oder Martin Mahner Positionen und Argumentationen der Evolutionsleugner.

Immer wieder geht es in den Beiträgen um von Kreationisten, aber auch von Anhängern der modernisierten Variante “Intelligent Design”, angewendete Diskursmuster und Öffentlichkeitsstrategien. So wird die Kampagne des Kardinals Schönborn gegen die moderne Evolutionstheorie aus dem Jahr 2005/06 beleuchtet, inclusive einiger interessanter Hintergründe. Teilweise ist es amüsant zu lesen, wie bemüht die Vertreter der Schöpfungslehre ihre Belege sammeln – und dabei, wie Reinhold Leinfelder berichtet, auch vor einem Artikel, der in Bild der Wissenschaft als Aprilscherz erschienen war, nicht halt machen.

Unschön ist leider das Erscheinungsbild des Buches (u.a. weil die Möglichkeit der Silbentrennung nur sehr spärlich eingesetzt wurde). Auch ein wenig mehr Engagement von Seiten des Lektorats wäre dem Buch zuträglich gewesen. So hat bereits die einleitende “Phantasiegeschichte”, mit der das Eindringen kreationistischer Positionen in die Wissenschaft illustriert werden soll, einen Konstruktionsfehler (der leicht zu beheben gewesen wäre). Denn der “Glaube” eines “vegetarischen Wurstwarenverkäufers” unterscheidet sich vom Glauben eines überzeugten Kreationisten wesentlich: während der Schöpfungsanhänger empirische Befunde ignoriert und an seiner Vorstellung eines göttlichen Eingreifens in die Entstehung des Lebens festhält, treffen Vegetarier (oder Vegetarierinnen) in der Regel eine ethische Entscheidung. Die Frage, ob ein Tier zur Befriedigung kulinarischer Bedürfnisse getötet werden darf, lässt sich alleine mit wissenschaftlichen Argumenten weder bejahen noch verneinen. Die Frage, ob die Erde älter als 6.000 Jahre ist, hingegen schon (und dies gilt auch für die allermeisten der differenzierteren Behauptungen der ID-Anhänger).

Trotzdem ist das Buch für alle, die sich intensiver mit dem Thema befassen, ein wichtiges Arbeitsmittel. Dies umso mehr, als die Aufsätze vom Schreibstil her auf ein breiteres Publikum zielen und, bei aller sachlichen Gründlichkeit, nicht explizit an ein Fachpublikum adressiert sind.

Ulrich Kutschera (Hrsg.): Kreationismus in Deutschland. Fakten und Analysen. Berlin: LIT 2007. 370 Seiten, kartoniert, Euro 19,90, ISBN 978-3-8258-9684-3

 


Broschüren
Im Oktober 2006 wurde auf einem Festakt in Berlin der Erwin-Fischer-Preis an die Nesin Stiftung verliehen; nun liegt die Dokumentation der Redebeiträge vor. Die Broschüre enthält zunächst einige Grußworte, darunter auch die Ansprache der Vorsitzenden des Bundes für Geistesfreiheit (bfg) München, Assunta Tammelleo, die einen Scheck über 3.200 Euro für das von der Stiftung betriebene “Kinderparadies” überreichte.
Wolfgang Proske, der die Preisverleihungsbegründung des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA e.V.) vortrug, betonte, dass die Aziz-Nesin-Stiftung gerade vor dem Hintergrund eines vermeintlichen “Kampfes der Kulturen”, der tatsächlich ein “Kampf der jeweiligen Frommen” sei, beweise, “dass Bürger- und Menschenrechte, Rationalität und Säkularität auch in Gesellschaften mit muslimischem Hintergrund einen Platz haben können”. Laudator Yüksel Pazarkaya


Freiheit braucht Säkularität. Festschrift zur Verleihung des Erwin-Fischer-Preises 2006 durch den Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten an Nesin Vakfi. Aschaffenburg: Alibri 2007, 40 Seiten, Fotos, geheftet, Euro 2.-, ISBN 3-86569-150-1

Im September 2006 (anlässlich des Papstbesuches) und im April 2007 fanden in München kirchenkritische Aktionen unter dem Slogan “Religionsfreie Zone” statt. Diese hat der Bund für Geistesfreiheit (bfg) München jetzt in einer liebevoll aufgemachten Broschüre dokumentiert. Darin finden sich nicht nur Texte von Vorträgen und Beispiele für die Medienberichterstattung sondern auch zahlreiche Bilder und einige “Bonus Tracks” von Kabarettisten, die sich auch so ihre Gedanken über den Papst gemacht haben.

Zu beziehen über: bfg München, Valleystr. 27, 81371 München, Fon/Fax (089) 775 988, eMail info@bfg-muenchen.de, www.bfg-muenchen.de

 


Artikel aus MIZ 3/07

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